„Diakonie ist die Signatur der Christenheit“

Nachricht 01. Februar 2008

Wolfgang Huber spricht beim Jahresempfang des Diakonischen Werkes

Diakonie sei die „Signatur jeder christlichen Gemeinde, das Wasserzeichen der Getauften“, so der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, in seinem Grußwort beim Jahresempfang des Diakonischen Werkes der EKD am 1. Februar. In der Diakonie lasse sich der gelebte christliche Glaube erkennen. „Nach Jahren, in denen viele darauf setzten, dass allein schon Rechtsansprüche gegen den Staat Gerechtigkeit schaffen, nach Jahrzehnten, in denen wir in der professionellen und refinanzierten Wohlfahrtsdiakonie eine Hauptakteurin für alle Problemlösungen sahen, spüren wir heute deutlich: So wichtig das alles ist – wir brauchen doch zugleich noch etwas anderes als gute Gesetze und professionelle Dienstleistungen. Wir brauchen den Zusammenklang von Glauben und Liebe.“ Bei der Veranstaltung in der St. Elisabethkirche in Berlin, die zugleich den Auftakt zum Wichernjahr 2008 bildete, rief Huber dazu auf, „in Wicherns Geist ein Neues zu wagen“ und das Verhältnis von Kirche und Diakonie neu zu bestimmen.

Hannover, 1. Februar 2008
Pressestelle der EKD
Silke Römhild

Im Wortlaut:

Grußwort des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber beim Jahresempfang des Diakonischen Werkes der EKD am 1. Februar 2008 in Berlin

„Im Mittelpunkt der Mensch“. Der Schlüsselsatz, mit dem viele diakonische Unternehmen für ihre Dienstleistungen werben, führt uns unmittelbar zu Johann Hinrich Wichern. In der Diakonie geht es, so schreibt er, um das, „was alle Menschen miteinander gemein haben, was alle teilen, wodurch der Mensch Mensch ist“. Diakonie nimmt Menschen wahr. Sie macht menschenwürdige Angebote. Diakonisches Handeln trägt dazu bei, dass Menschen als Menschen wahrgenommen werden und als Menschen leben können.

Diesem Ziel war das Wirken von Johann Hinrich Wichern verpflichtet. Er wollte, dass Kinder aus Armutsfamilien von der Straße kamen, dass sie zu essen hatten, ja noch mehr: dass sie eine Heimat fanden. Der Theologe und Pfarrer war ein Unternehmer aus christlichem Glauben. Seine Grundidee, Glauben und Liebe als gleichgewichtige Grundelemente christlicher Existenz zu verstehen und dem institutionelle Gestalt zu geben – im Rauhen Haus in Hamburg, im Evangelischen Johannesstift in Berlin, in dem groß angelegten, wenn auch schließlich gescheiterten Versuch einer Gefängnisreform in Preußen – fordert uns auch heute heraus. Sie wird auch auf neue Weise aufgegriffen, beispielsweise im „Rauhen Haus“ in Halberstadt oder in der „Arche“ hier in Berlin.

Jedes helfende Handeln geschieht unabhängig von den Voraussetzungen der Person, die der Hilfe bedarf. Aber das schließt nicht aus, sondern ein, dass alle Beteiligten spüren, welcher Glaube uns dazu verhilft, Menschen als Menschen zu sehen – ohne alle Abstufungen nach vermeintlicher Würdigkeit, allein nach ihrer Würde.

Wichern sah in der Diakonie die „Signatur der Christenheit“, das Zeichen also, an dem sich der christliche Glaube erkennen lässt. Dass Gott nicht unbewegt über den Dingen schwebt, sondern in Jesus Mensch wird, bestimmt das Gottesbild wie das Menschenbild des christlichen Glaubens. Diakonie ist die Signatur jeder christlichen Gemeinde, das Wasserzeichen der Getauften.

Nach Jahren, in denen viele darauf setzten, dass allein schon Rechtsansprüche gegen den Staat Gerechtigkeit schaffen, nach Jahrzehnten, in denen wir in der professionellen und refinanzierten Wohlfahrtsdiakonie eine Hauptakteurin für alle Problemlösungen sahen, spüren wir heute deutlich: So wichtig das alles ist – wir brauchen doch zugleich noch etwas anderes als gute Gesetze und professionelle Dienstleistungen. Wir brauchen den Zusammenklang von Glauben und Liebe.

Die von Wichern angestoßene Diakonie fand ihre Gestalt in Genossenschaften und Verbänden. Nach dem Ende der Staatskirche nahm sie verstärkt institutionelle Gestalt an. Heute, neunzig Jahre nach dem Ende des Staatskirchentums, sechzig Jahre nach dem Neubeginn unter dem Stichwort „Wichern II“, bald zwanzig Jahre nach dem neuen Aufbruch, den die Wende möglich machte, ist es Zeit, dass wir in Wicherns Geist ein Neues wagen. Es geht darum, das Verhältnis von Kirche und Diakonie, von Diakonie und Gemeinde neu zu bestimmen. Es ist an der Zeit, diesem Verhältnis eine neue Gestalt zu geben. Bei aller organisatorischen Freiheit der Diakonie und bei aller Entscheidungsfreiheit der einzelnen Träger sollten wir die innere Zusammengehörigkeit neu zum Leuchten bringen, die Kirche und Diakonie miteinander verbindet. Gemeinden entwickeln neue Formen für ihr diakonisches Engagement. Die Einbindung großer diakonischer Träger und regionaler Diakonischer Werke in die jeweilige Region bietet Chancen, die stärker genutzt werden. Auf allen Ebenen suchen wir starke Formen der Kooperation; aber wir brauchen noch mehr: lebendige Begegnung und erfahrbare Gemeinschaft.

Heute spüren wir: Wo der religiöse Schlüssel vergessen wird, kann es leicht geschehen, dass die Tür zu einer lebendigen Sozialkultur ins Schloss fällt und sich nicht mehr öffnen lässt. Die Kultur des Helfens, das Ethos der fürsorglichen Anteilnahme kann auf diesen Schlüssel nicht verzichten.

Mein Dank gilt allen, die dazu beitragen, dass das, was Johann Hinrich Wichern angestoßen hat, in unserer Gesellschaft präsent bleibt. Miteinander wollen wir die Motive zum Leuchten bringen, die dieses Handeln bestimmen: dass Glaube und Liebe zusammengehören und dass der Mensch im Zentrum steht – nicht nach seiner Würdigkeit, sondern mit seiner unantastbaren Würde.