EKD legt Studie zur kirchlichen Präsenz in der Stadt vor

Nachricht 17. Januar 2008

Kirche als Standortvorteil für die Lebensqualität

Hannover. Für die aktive Mitgestaltung städtischen Lebens durch die Kirche plädiert ein neuer Text der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der am Donnerstag, 17. Januar, veröffentlicht wird. Kirchen markierten häufig Zentralpunkte der Stadt, so die Kommission, die unter Leitung des Lübecker Propstes Ralf Meister den Text "Gott in der Stadt - Perspektiven evangelischer Kirche in der Stadt" erarbeitet hat. Kirchen "laden ein zur Begegnung mit der geistlich-spirituellen Dimension des Lebens und bewähren sich als Forum für das kulturelle Leben und das Stadtgespräch".

In den Städten finde sich eine differenzierte Angebotspalette kirchlicher Arbeit, von der lokalen Gemeinde im Wohnbereich über die Profilgemeinde mit besonderer Schwerpunktbildung hin zu übergemeindlichen Angeboten. Diese Vielfalt evangelischer Gemeindeformen könne sich in der gemeinsamen Verantwortung für einen Stadtteil oder die ganze Stadt ergänzen. Mit der Stadtkirchenarbeit sei in den vergangenen 25 Jahren einer der innovativsten kirchlichen Handlungsräume entstanden.

Mehr als 85 Prozent der Bundesbürger leben in Städten. Lange Zeit wurde Urbanität gleichgesetzt mit Säkularität und Entkirchlichung. Die Entwicklung der Stadt biete aber die "Chance für eine einladende und überzeugende Verkündigung des Evangeliums", stellt der Vorsitzende des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, im Vorwort fest. Denn die Sehnsucht nach Religion erfasse auch die Stadt; und die neue Aufmerksamkeit für religiöse Phänomene verdiene eine reflektierte und klare evangelische Antwort.

Der neue Text bejahe die Vielfalt evangelischer Gemeindeformen und stelle dar, wie sie sich in der Verantwortung für die Stadt wechselseitig ergänzen könnten. "Gemeinsam abgestimmtes und vielfältig profiliertes kirchliches Handeln erscheint als zukunftsweisend; der Text plädiert daher für die Entwicklung eines kirchlichen Handlungsplanes jeweils für die ganze Stadt."

Die Stadt sei geprägt von Gegensätzlichem, so der Ratsvorsitzende. "Große gesellschaftliche Initiativen und eindrückliche humane Gesten stehen unvermittelt neben Vernachlässigung und Brutalität, Anonymität und Einsamkeit." Die Autoren der Studie beschreiben das kirchliche Engagement in der Spannung dieser Gegensätze als "Segens- und Heilungsdienst". Er gründe "im Erinnern und Feiern der Barmherzigkeit Gottes im Gottesdienst, im Gebet und seelsorgerlichen Gespräch und in der Liturgie", aber auch in Aktivitäten im Bildungsbereich und im diakonischen, sozialen und anwaltlichen Einsatz für die Menschen der Stadt. Die Kirche "lebt und fördert einen Geist der Güte in der Stadt".

Unter Aufnahme biblischer Stadtbilder mit der Vision einer friedlichen und gerechten Stadtgesellschaft fordert der Text eine kirchliche Präsenz, die Menschen nicht nur im Nahbereich des Wohnumfeldes begleitet, sondern auch exemplarisch kirchliche Orte für Zielgruppen und Themen profiliert. Räumlich nah bei den Menschen zu sein, wird auch in Zukunft eine besondere Stärke der Kirche in den Stadtteilen und Nachbarschaften sein. Aber darüber hinaus sind die großen Zukunftsthemen der Stadt - Migration, religiöse Vielfalt, soziale Spaltung - Fragen, die kirchliche Antworten verlangen. Hierfür bedarf es der Vernetzung der Kirche mit anderen städtischen Einrichtungen und auch des Mutes zu ungewohnten Handlungsformen. Dazu gehört die Entwicklung einer gesamtstädtischen Perspektive ebenso wie das Nutzen der städtischen Öffentlichkeit.

Die Studie argumentiert jenseits der traditionellen christlichen Stadtkritik. Sie knüpft an die Reformvorschläge des Impulspapiers des Rates aus dem Sommer 2006 und den Wittenberger Zukunftskongress im Januar 2007 an und betont die symbolische Bedeutung der Kirchen für die Stadt. Als Orte, die der Stadt eine Seele geben, bleiben die Kirchen aufgefordert, aktiv das Leben in der Stadt zu gestalten.

Hannover, 17. Januar 2008
Pressestelle der EKD
Silke Römhild


EKD-Texte 93, "Gott in der Stadt - Perspektiven evangelischer Kirche in der Stadt", ist zum Preis von 1,35 Euro zu beziehen bei: Kirchenamt der EKD, Herrenhäuser Straße 12, 30419 Hannover, Fax: 0511/2796-457, Email: versand@ekd.de

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Evangelische Kirche will Arbeit in der Stadt profilieren

Hannover (epd). Die evangelische Kirche will mit innovativen Angeboten ihre Präsenz in Städten stärken. Die neue Aufmerksamkeit für Religion verdiene auch in der Stadt eine klare evangelische Antwort, heißt es in einer Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die am Donnerstag in Hannover veröffentlicht wurde. Darin werden etwa neue Gemeindeformen, Organisationsreformen, Öffnung der zentralen städtischen Kirchen und kirchliche Beteiligung am Stadtgespräch empfohlen. "Die evangelische Kirche soll in der modernen Stadt ein
überzeugender Ort für das Innehalten vor Gott sein", heißt es in dem Text.

Die Studie "Gott in der Stadt" wurde von einer Kommission unter Leitung des Lübecker Propstes Ralf Meister vorbereitet. Im Vorwort schreibt der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, die aktuelle
Stadtentwicklung sei eine Chance für die Kirche, das Evangelium einladend und überzeugend zu verkünden. Die profilierte Arbeit in den vielen City-Kirchen und die Verbindung von gemeindlichen und übergreifenden Angeboten seien dafür Beispiele.

Bischof Huber erinnerte daran, dass Gegensätze zwischen Armut und Reichtum, fremd und heimisch, religiös und ungläubig die Stadt prägten: "Große gesellschaftliche Initiativen und eindrückliche humane Gesten stehen unvermittelt neben Vernachlässigung und Brutalität, Anonymität und Einsamkeit."

Im vergangenen Jahr hatte die EKD bereits einen Text vorgelegt, der die veränderten Aufgaben der Kirche in ländlichen Regionen zum Thema hat. Beide Studien sollen den Angaben zufolge dazu beitragen, die Empfehlungen der EKD-Reformpapiers "Kirche der Freiheit" aufzugreifen.

"Die evangelische Kirche wird sich gerade in der Stadt konzentrieren müssen, wenn sie gegen den Trend wachsen will; sie muss weniger machen, um mehr zu erreichen", heißt es in der Studie. Eine Rückkehr der Kirche in die Stadt erfordere spirituelle Kompetenz und missionarische Öffnung. Erkennungszeichen seien neben den Kirchenräumen sorgfältig vorbereitete Gottesdienstfeiern und einladende Amtshandlungen. Zugleich wird empfohlen, durch neue Angebots- und Beteiligungsformen die Milieuverengung in den Kirchengemeinden zu überwinden.

Vor diesem Hintergrund plädieren die Autoren für die Entwicklung kirchlicher Handlungsperspektiven für die ganze Stadt. Darin müssten die Stadtteilkirchen, die Kirchen in den Stadtzentren, aber auch Profil- und Personalgemeinden sowie Diakonieeinrichtungen einbezogen werden. Der Kirchenmusik wird in der Studie ein besonderer Stellenwert beigemessen. Über musikalische Angebote könnten Zielgruppen erreicht werden, die von anderen kirchlichen Angeboten kaum erreicht würden. Kantoreien, Gospel- und Posaunenchöre hätten immer mehr Mitglieder, die nicht kirchlich sozialisiert seien.

Hervorgehoben wird in der Studie auch die symbolische Bedeutung der Kirchen in der Stadt. Orgelkonzerte, Ausstellungen, feste Gebetszeiten, Kirchenläden, Speisungsräume und Kirchenführungen seien wichtige Angebote. "Die Öffnung aller zentralen Kirchen in der Stadt aber bleibt die unüberbietbare Geste der Einladung an alle Stadtbürgerinnen, alle Flaneure und Umherirrenden und zeigt zugleich die Verantwortung für die städtische Öffentlichkeit." Dabei wird empfohlen, dass zumindest eine Innenstadtkirche bis in die Nacht geöffnet sein sollte.

(epd Niedersachsen-Bremen/b0154/17.01.08)
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