Landesbischöfin: Tschernobyl-Folgen noch längst nicht abzusehen

Nachricht 04. Dezember 2007

Hannover (epd). Die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sind nach Ansicht der hannoverschen Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann auch 21 Jahre nach dem Unglück noch nicht abzusehen. "Die endgültigen Folgen sind überhaupt nicht abzuschätzen, weil sie sich von Generation zu Generation im Erbgut fortsetzen", sagte Käßmann am Dienstag laut Redemanuskript bei einer Veranstaltung zum 15-jährigen Bestehen der Landesstiftung "Kinder von Tschernobyl". Am 26. April 1986 war ein Block des ukrainischen Atomkraftwerks explodiert, Radioaktivität verstrahlte weite Teile Europas.

Der Höchststand der Krebserkrankungen bei Kindern infolge der Katastrophe werde nicht vor dem Jahr 2010 erreicht sein, sagte Käßmann im niedersächsischen Landtag. Genetische Schäden und Fehlbildungen nähmen immer weiter zu. Frauen in Weißrussland erkrankten schon in jungen Jahren vermehrt an Brustkrebs. Von den 800.000 Menschen, die zu Räumungs- und Dekontaminationsarbeiten am zerstörten Reaktorblock eingesetzt wurden, seien bis zu 100.000 gestorben.

Die Bischöfin sprach sich gegen die weitere Nutzung der Atomenergie aus. Es sei verantwortungslos, auf eine Energiequelle zu setzen, "die nicht fehlerfreundlich ist", sagte sie. "Die unsichtbare vernichtende Kraft atomarer Strahlung, sie wird zu Recht gefürchtet."

Gleichzeitig würdigte die Bischöfin die Arbeit der niedersächsischen Landesstiftung "Kinder von Tschernobyl". Die Projekte der Stiftung würden bei Delegationsreisen in Begleitung von Ärzten ausgewählt, betreut und kontrolliert. So sei sichergestellt, dass die Mittel der Stiftung in vollem Umfang dem Zweck entsprechend vor Ort eingesetzt würden.

Die 1992 von Landtagsabgeordneten ins Leben gerufene Stiftung hat in den vergangenen Jahren unter anderem hunderte Ultraschallgeräte zur Früherkennung von Strahlenschäden bei Kindern an Krankenhäuser in Weißrussland, Russland und der Ukraine geliefert. Mehr als 1.000 Mediziner wurden an den Geräten fortgebildet.

Neben der Landesstiftung hilft auch die hannoversche Landeskirche Opfern des Tschernobyl-Unglücks. Die evangelische Arbeitsgemeinschaft "Hilfe für Tschernobyl-Kinder" ermögliche Kindern aus den am meisten verstrahlten Regionen Ferienaufenthalte in Deutschland, sagte Käßmann. Zwischen 1991 und 2005 seien im Rahmen dieser Initiative mehr als 20.000 Menschen zur Erholung nach Niedersachsen gekommen.

Zu Beginn der Feierstunde hatte Landtagspräsident Jürgen Gansäuer (CDU) die Foto-Ausstellung "Tschernobyl 1986-2006 Leben mit einer Tragödie" eröffnet. Die Bilder stammen von den Fotografen Anatol Kljashtchuk aus Weißrussland und Rüdiger Lubricht aus Worpswede. Während Kljashtchuk vor allem das Schicksal von Familien dokumentiert, rückt Lubricht Landschaft und Architektur rund um Tschernobyl ins Zentrum seiner Arbeit. Die Ausstellung ist bis zum 11. Dezember sowie vom 17. bis 19. Dezember in der Wandelhalle des Landtags zu sehen.

(epd Niedersachsen-Bremen/b3646/04.12.07)
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