Sterbehilfe-Verein will Präzedenzfälle schaffen

Nachricht 20. November 2007

Hannover (epd). Der Sterbehilfe-Verein "Dignitas" hat offenbar Ärzte gefunden, die in Deutschland Schwerstkranken Sterbehilfe leisten wollen. "Mehrere deutsche Ärzte im Ruhestand wären bereit, beim Suizid zu assistieren und dafür notfalls auch eine Klage oder Anzeige zu kassieren, damit wir endlich Klarheit bekommen und ganz offiziell helfen können", sagte der Berliner Urologe Uwe-Christian Arnold nach einem Bericht der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" (Dienstagausgabe).

Arnold ist stellvertretender Vorsitzender des 2005 in Hannover gegründeten Vereins "Dignitate", einem deutschen Ableger der umstrittenen Schweizer Organisation "Dignitas". Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, und die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann kritisierten unterdessen die Pläne von Dignitas.

Die umstrittene Schweizer Organisation will dem Bericht zufolge in Deutschland Präzedenzfälle schaffen, um die Sterbehilfe aus der rechtlichen Grauzone zu führen. Ihr Gründer Ludwig Minelli sagte, er habe in Deutschland einen Freiwilligen gefunden, der durch einen Giftcocktail von Dignitas sterben wolle. Angehörige seien bereit bei einer Strafverfolgung durch alle gerichtliche Instanzen zu gehen. Minelli hatte am Wochenende bereits in Schweizer Zeitungsinterviews angekündigt, Sterbehilfe künftig auch in Deutschland praktizieren zu wollen.

Die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann aus Hannover kritisierte in der Süddeutschen Zeitung (Dienstagsausgabe) das Vorgehen von Dignitas als "Handel mit der Angst" von kranken Menschen. "Die Menschen haben vor allem Angst vor den Schmerzen", sagte sie: "Sobald sie aber wissen, wie die Palliativmedizin diese Schmerzen ausschalten kann und was in Hospizen geleistet wird, ändert sich ihre Haltung." Käßmann lehnte es ab, dass ein "quasi als Gewerbe arbeitender Verein" Gift bereitstelle: "Bei Anruf Gift - das kann nicht richtig sein", sagte die Bischöfin.

Huber nannte die Pläne von Dignitas der "Hannoverschen Allgemeinen"
zufolge einen "gezielten Rechtsbruch": "Hier wird versucht, das Verbot der Tötung auf Verlangen aufzuweichen - das ist inakzeptabel." Das Vorhaben verstoße gegen deutschen Recht und die ärztliche Standesethik. In der Schweiz ist die Beihilfe zum Suizid erlaubt, sofern die Helfer keine eigennützigen Motive verfolgen. In Deutschland und den meisten anderen europäischen Ländern ist lediglich aktive Sterbehilfe eindeutig untersagt.

Dignitas hatte zuletzt wegen Beihilfe zum Suizid zweier Deutscher auf einem Schweizer Parkplatz Schlagzeilen gemacht. In Deutschland werden Forderungen nach einem Verbot von Dignitas lauter. Am Montag hatte die Kirchenbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ingrid Fischbach, den Vorstoß von Minelli als ungeheuerlich kritisiert. "Was wir brauchen, ist nicht eine Tötung von sterbewilligen Personen, wie sie Dignitas praktiziert, sondern eine Sterbebegleitung, die diesen Namen auch verdient", sagte sie.

(epd Niedersachsen-Bremen/b3452/20.11.07)
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