Auswege aus der Sprachlosigkeit

Nachricht 14. November 2007

Erster norddeutscher Fachtag "Unterstützte Kommunikation" in Hildesheim

Hildesheim. „Auch wer nicht sprechen kann, hat etwas zu sagen.“ Unter diesem Motto stand der erste norddeutsche Fachtag „Unterstützte Kommunikation in der Praxis“ in Hildesheim. 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Norddeutschland waren auf Einladung der Luise-Scheppler-Schule in die Diakonie Himmelsthür gekommen, um mehr darüber zu erfahren, wie Auswege aus der Sprachlosigkeit zu finden sind.

Die Methoden der „Unterstützten Kommunikation“ richten sich nicht in erster Linie an Taubstumme, sondern an Menschen, die aufgrund unterschiedlichster Behinderungen Probleme haben, das Sprechen zu erlernen – oder es sogar oft, wie viele Schwerstbehinderte, nie schaffen. Dr. Etta Wilken, Professorin für allgemeine und integrative Behindertenpädagogik an der Universität Hannover, betonte in ihrem Eröffnungsvortrag, dass die Förderung durch Unterstützte Kommunikation – kurz UK – gar nicht früh genug beginnen könne. Denn Kommunikation sei ein Grundbedürfnis aller Menschen; sie seien darauf angewiesen, um an der Gesellschaft teilhaben zu können. Etta Wilken: „Der Rat, erst einmal abzuwarten, ist aus heutiger Sicht dramatisch falsch.“

„Sie können mit Gebärden schon lange arbeiten, bevor Lautsprache möglich ist“, unterstrich Dr. Ursula Braun von der Karl-Preising-Schule in Bad Arolsen vor Psychologen und Mitarbeiterinnen von Förderschulen, Behindertenwerkstätten, Wohnheimen und Kindergärten. Neben Gebärden nutze die UK alle Sinne: Berührungen, Musik oder Klänge, Bilder, Gerüche seien alles der Möglichkeiten, Kontakt aufzunehmen. Das funktioniere auf einfache, unmittelbare Weise – eine rote Brotdose als Sinnbild dafür, dass es gleich Essen gibt – ebenso wie über den Einsatz aufwändiger elektronischer Hilfsmittel wie spezieller Computer.

Mit ihrem lebendigen, ungemein plastischen Vortrag gehörte Ursula Braun zu den Highlights der Tagung. Eine Schwierigkeit in der Unterstützten Kommunikation sei herauszufinden, auf welche Weise man einen Menschen am besten erreichen könne, sagte die Praktikerin und Wissenschaftlerin. Sie erzählte vom Beispiel eines Jungen, der lange Zeit kaum zugänglich war. Ursula Braun: „Der Durchbruch kam irgendwann, als wir gemerkt haben, dass Wolfgang Petry es bringt.“ Der Schlagersänger habe sich als das perfekte Medium erwiesen, um dem Jungen die Bedeutung neuer Signale beizubringen.

Allerdings seien dafür ein langer Weg und viel Geduld nötig gewesen. Nach zwei Jahren intensiver Arbeit verstehe der Junge heute neun Signale. „Das ist nicht viel, aber neun sind besser als nichts“, betonte Ursula Braun. Und bereits diese wenigen Signale hätten geholfen, den Jungen in seine Schulklasse zu integrieren: „Am Anfang hassten ihn alle, jetzt ist er in der Gruppe voll akzeptiert.“

Ursula Brauns Fazit: UK sei auch bei schwerstbehinderten Menschen eine wirksame Methode, nur dürfe man nicht mit allzu großen Erfolgen rechnen: „Es ist nichts, was man im ZDF zeigen kann.“

In weiteren Vorträgen und Workshops von Kerstin Rüster aus Neuerkerode, Horst Konrad aus Göttingen sowie Petra Witting und Gudrun Schulze von der Luise-Scheppler-Schule konnten die Teilnehmerinnen ihr Knowhow vertiefen. Hanna Geyer, die Organisatorin der Tagung und Leiterin der Luise-Scheppler-Schule, wertete die Veranstaltung als großen Erfolg. Möglich geworden war sie durch eine 5000-Euro-Spende der Stiftung Himmelsthür. In der abschließenden Feedbackrunde wurde mehrfach der Wunsch nach einer Wiederholung laut, und die Hildesheimer Pädagogin griff den Vorschlag direkt auf: „Wir werden den Fachtag wohl institutionalisieren.“

www.diakoniehimmelsthuer.de


Text und Foto: Ralf Neite