VELKD-Synode zum Thema "Sprachen des Glaubens"

Nachricht 24. Oktober 2007

Entschließung vom 23. Oktober 2007

Die 5. Tagung der 10. Generalsynode der VELKD hat vom 20.-23.10.2007 in Goslar getagt. Auf Besuchen von Orten gelebten Glaubens, in Vorträgen und thematischen Arbeitsgruppen hat sich die Synode mit dem Thema „Sprachen des Glaubens“ beschäftigt.

Sie ermuntert dazu, sich auf neue und ungewohnte Sprachformen einzulassen und so die Verkündigung des Evangeliums in der Gegenwart zu fördern. Die Aufgabe der Mission erfordert eine neue Offenheit für die verschiedenen – verbalen und nichtverbalen – Sprachformen.


Die Synode gibt dazu im Einzelnen folgende Erklärung ab:

1. Im Gottesdienst geschieht nach Luther nichts anderes, als dass „unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang.“ (WA 49, 588). Mit großer Dankbarkeit erleben wir, dass Gott auf vielfältige Weise zu uns spricht und dass sein vernehmbares Wort auf uns Eindruck macht. Wir Menschen haben wiederum Möglichkeiten, unseren Glauben gegenüber Gott und anderen Menschen auszudrücken. Uns sind „Sprachen des Glaubens“ gegeben, mit denen wir Gottes Wort und die Glaubenszeugnisse Anderer aufnehmen und weitersagen können. So ist Glaubensvermittlung möglich.

2. Sprache hat viele Gesichter. Altersgruppen, soziale Gruppen, Berufe und Neigungsgemeinschaften haben unterschiedliche Sprachen; Sprache spricht an, spricht zu, verwandelt und heilt; aber sie kann auch verletzen und zerstören. Sprache spricht zu unserem Verstand, aber auch in unser Herz. Mit Worten kann man malen wie mit Pinsel und Stiften. Gott verwirrt unsere Sprachen (1. Mose 11), aber auch wenn es nicht die eine Sprache für alle Menschen gibt, bewirkt Gott dennoch auch, dass wir uns verstehen (Apostelgeschichte 2).

3. Aufgabe der Kirche ist die „Kommunikation des Evangeliums“. Mit großer Freude hat die Synode die Vielfalt der Sprachen des Glaubens wahrgenommen, in denen das Evangelium sich ausspricht und empfangen werden kann. Diese Vielfalt gehört zu den Reichtümern der evangelisch-lutherischen Tradition. Nicht nur das gesprochene und das geschriebene Wort sind „Sprachen“, sondern jede Weise, den Glauben auszudrücken, kann als Sprache des Glaubens bezeichnet werden und den Prozess auslösen, der zum Glauben führt oder den Glauben festigt.

4. In der lutherischen Tradition haben das geschriebene und das gepredigte Wort einen besonderen Stellenwert. Der Glaube will verstanden und weitergesagt werden. Im Zentrum dieses Glaubens steht das der Vernunft scheinbar radikal widersprechende Wort vom Kreuz Jesu Christi, im Zentrum des Kreuzigungsberichtes der Ruf Jesu: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dieser Ruf drückt mitten in Chaos und Sinnlosigkeit die paradoxe Wahrheit der Glaubensgewissheit aus. Dies wird heute aktuell im Zuspruch der Vergebung.

Der Glaube an den auferstandenen Gekreuzigten vertraut auf Gottes Verheißung, dass sich das Leben gegen den Tod, die Gewissheit gegen die Sinnlosigkeit durchsetzt.

5. Das geschriebene und gepredigten Wort Gottes sind Glaubenszeugnisse, mittels derer Gott durch den Heiligen Geist Glauben wirkt (CA 5). Die Synode unterstreicht, dass die Pflege der worthaften Glaubenssprache u. a. durch das Studium der Bibel und die sorgfältige Predigtarbeit ein zentrales Anliegen lutherischer Theologie und Kirche bleibt.

Die Bibel spricht von Gottes Heilstaten an seinem Volk. Sie ist das grundlegende Glaubenszeugnis der Gemeinde Gottes und steht doch als Wort Gottes auch der Gemeinde gegenüber.

Als Ursprungszeugnis der Kirche stiftet sie durch die Jahrtausende und über Länder- und Konfessionsgrenzen hinweg die Identität der Kirche, indem sie von jeder Generation Aneignung und Auseinandersetzung fordert.

Für Luther war das Bibelwort „Der Glaube kommt aus der Predigt“ (Römer 10,17) immer von größter Bedeutung. Auch heute suchen Menschen in der Predigt Wegweisung und Stärkung des Glaubens und Verstehens.

Die Synode hat sich über die Arbeit des Ateliers Sprache im Predigerseminar Braunschweig informiert und würdigt dessen an Luther orientiertes Konzept, die Gemeinde durch die Predigt in die Texte und ihre Bewegung hinein zu nehmen. Sie bittet die Gliedkirchen, die Aus-, Fort und Weiterbildung der Prediger und Predigerinnen – analog der Fortbildung in der Seelsorge – zu stärken und auszubauen; dazu soll z.B. ein Gesamtkonzept zur homiletischen Ausbildung in Kooperation mit anderen Kirchen und Kirchenbünden entwickelt werden. Sie regt an, das Bibelwort in den Mittelpunkt gemeindepädagogischer Bemühungen zu stellen und auch die pädagogischen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im kreativen Umgang mit der Sprache der biblischen Texte und ihrer Verkündigung zu stärken und weiter zu qualifizieren.

6. Kunst in der Vielfalt ihrer Ausprägungen gehört zu den Schöpfungsgaben, die in der Freiheit des Glaubens gebraucht werden können, schaffend oder rezipierend. Sie ist nicht in sich selbst Offenbarung, kann aber zu einer Sprache solcher Offenbarung werden, und oft ist sie jedenfalls eine Sprache des Glaubens – oder des Unglaubens oder des Zweifels. Der Dialog mit den Künsten kann die Kirchen bereichern, wenn sie danach fragen, inwiefern Kunstwerke Ausdruck des Wortes Gottes Sprache der Verkündigung, Sprache des Glaubens sind oder nicht. Dies ist bei Kunstwerken mit einer eindeutigen Thematik einfacher zu beantworten als bei abstrakter oder absoluter Kunst.

Um zu entscheiden, ob Kunstwerke für den kirchlichen Gebrauch geeignet sind, helfen Kriterien: Öffnet Kunst auf den lebendigen Gott hin, gibt sie dem Glauben Ausdruck? Ist ihre Wirkung auf den Menschen heilsam? Berührt und verändert sie uns? Stellt sie sich ihrer Zeitverantwortung? Ist sie verständlich? Ist sie wahrhaftig und hat Qualität? Wovon handelt sie?

Die Synode regt an, in Gemeinden und Kirchenkreisen für die Wahrnehmung von Kunst in der Kirche Ansprechpartner auszubilden, die sachgerecht und kundig zum Dialog mit den Künsten einladen.

7. Die Kirchenmusik ist nach unserem Verständnis Verkündigung des Evangeliums und Gebet. Nicht nur wortgebundene, sondern auch Instrumentalmusik drückt Glauben aus und lädt zum Glauben ein. Die Synode betont die Förderung der Kirchenmusik als Kernaufgabe der Kirche.

Unsere Kirchen haben, angeregt auch aus der Ökumene, den Reichtum der Liturgien wiederentdeckt. Kleine Formen wie die Tagzeitengebete, aber auch liturgisch sorgfältig gestaltete Gottesdienste werden von vielen, auch Jugendlichen, dankbar angenommen. Modernes, aber auch Altertümliches und Fremdartiges üben einen Reiz aus. Die Synode würdigt die liturgische Arbeit der VELKD und erklärt sie weiterhin zu einem Arbeitsschwerpunkt der Vereinigten Kirche. Sie bittet Gemeinden um eine sorgfältige liturgische Gestaltung von Andachten und Gottesdiensten.

8. Kirchen erzählen vom Glauben. Kirchengebäude werden wieder verstärkt als Räume, mit ihrer Architektur und ihren Kunstwerken und -gegenständen als Vermittler des christlichen Glaubens wahr- und in Anspruch genommen werden, die alle Sinne ansprechen. Die Synode würdigt die unterschiedlichen Bemühungen, mit denen den Kirchengliedern, aber auch den Kirchenfernen das stein- und bildgewordene Wort nahe gebracht wird. Sie regt an, die Kirchen verlässlich offen zu halten, die Ausbildung von Kirchenführern und Kirchenführerinnen zu fördern, kirchenraumpädagogische Konzepte für Jung und Alt zu entwickeln und ihre Kirchenräume ansprechend und zu gestalten.

9. Luther selbst hat sich vom Bildersturm distanziert. Die bildende Kunst, etwa die Malerei oder die Skulpturenkunst, hatte viele Jahrhunderte unter anderem die „didaktische“ Funktion, den des Lesens unkundigen Gemeindegliedern die biblische Geschichte und die Heiligenlegenden nahe zu bringen. Heute hat sie sich aus ihrer Rolle als „Magd der Theologie“ emanzipiert und unternimmt und ermöglicht oft individuelle, nicht selten provozierende Interpretationen der christlichen Tradition im Blick auf die Gegenwart. So reizt sie zum Dialog zwischen Kirche und Kunst und erschließt kunstinteressierten Menschen einen Zugang zum Evangelium.

Die Synode regt an, auf der Ebene der Landeskirchen, aber auch der Kirchenkreise und der Gemeinden das Gespräch zwischen Kirche und Kunst zu vertiefen.

10. Vielfältig begegnen Themen des Glaubens in der Literatur: nacherzählend und verfremdet, in Aufnahme und Widerspruch, oft auch provozierend. Wo christliche Motive in der Literatur aufscheinen, können sie helfen, die christliche Tradition besser zu verstehen.

Im Sinne eines gelingenden Dialogs zwischen Kirche und Literatur regt die Synode an, literarische Texte im Kontext von Gottesdienst und Bildungsveranstaltungen nicht vorschnell christlich zu vereinnahmen, sondern sie mit Ihrer eigenen Aussage zur Sprache zu bringen und wirken zu lassen.

11. In vielen Filmen spielen religiöse Themen, Fragen und Motive eine große Rolle. Solche Filme bereichern und verändern die Sprachfähigkeit des Glaubens, weil sie Glaubensinhalte und Glaubensweisen sichtbar und fühlbar machen. Zugleich fordert das Medium Film fordern als zeitgenössische Kunstform Glaubende, Theologie und Kirche prophetisch und intellektuell heraus, in den Dialog um Mensch und Welt einzutreten.

Die Synode erkennt, dass an einigen Orten Filmgottesdienste als zeitgemäße Form der Verkündigung stattfinden und lädt Gemeinden ein, anhand von Filmen im Kino Themen des Glaubens ins Gespräch zu bringen.

12. Eine besondere Herausforderung für die Kirche ist es, mit der jüngeren Generation ins Gespräch über den Glauben zu kommen. Die Synode hat sich exemplarisch über die Voraussetzungen für das Gelingen solcher Gespräche mit einer Befragung von Berufsschülern beschäftigt. Es wurde deutlich, dass nicht die Akzeptanz des Glaubens fehlt, sondern die Fähigkeit, die eigene Erfahrungswelt mit der traditionellen Sprache des Glaubens in Verbindung zu bringen.

Die Synode regt an, gemeinsam mit Jugendlichen in deren Lebenswelten nach Glaubenserfahrungen zu suchen und darüber ins Gespräch zu kommen. So kann Sprachfähigkeit zum Glauben angebahnt werden und wachsen.

13. Die Vielfalt der Glaubenssprachen ist ein Geschenk, das es ermöglicht, in vielen Verkündigungs- und Zeugnissituationen eine angemessene Glaubenssprache zu finden.

Die Synode regt an, die Besonderheiten der kirchlichen Sprache nicht vorschnell abzuschleifen und sich nicht allein der Gegenwarts- und Alltagssprache anzupassen. Die biblische Sprache mit ihrer Ausdrucksstärke und Strahlkraft ist und bleibt als Quelle unverzichtbar. Auch wenn die traditionelle kirchliche Sprache von manchen als „Sprache Kanaans“ gering geschätzt wird, ist sie für andere Heimat und vertrautes, geschätztes Kulturgut.

Das entbindet jedoch nicht von der Aufgabe, in Gemeinden und Kirchen auf die Suche nach sachgemäßen, authentischen und den Kontext berücksichtigenden Sprachen des Glaubens zu gehen und die Sprachfähigkeit zu fördern.