Weiße Rosen am Altar unter der Magnetschwebebahn

Nachricht 23. September 2007

Lathen/Kr.Emsland (epd). Es ist der Tag der Trauer in Lathen im
Emsland. Genau ein Jahr nach dem Transrapid-Unglück gedenken 700
Menschen am Besucherzentrum der Magnetschwebebahn der 23 Todesopfer.
Unter ihnen ist auch der niedersächsische Ministerpräsident Christian
Wulff (CDU). Der Altar für den ökumenischen Gottesdienst ist im
Freien direkt unter der Bahn aufgebaut. Viele Angehörige sind zum
ersten Mal seit dem Unfall wieder direkt an der Strecke, so wie die
junge Frau aus der Grafschaft Bentheim. Vor einem Jahr hat sie ihren
Mann verloren. Notfallseelsorger Fritz Baarlink nimmt sie fest in den
Arm.

"Das Datum und die Bilder von damals sind fest eingebrannt ins
Bewusstsein", sagt der evangelisch-altreformierte Pastor. An jenem
Freitagnachmittag war Baarlink von der Polizei benachrichtigt worden.
Er kannte die Familie. Gemeinsam mit den Beamten fuhr er hin und
überbrachte der Frau und den beiden Kindern die traurige Nachricht:
Dass ihr Mann und Vater gestorben war, als die Magnetschwebebahn
Transrapid auf der Teststrecke auf einen stehenden Werkstattwagen
auffuhr. Insgesamt kamen 23 Menschen ums Leben, zehn wurden verletzt.
Baarlink blieb bis tief in die Nacht bei den Hinterbliebenen.

Im Gottesdienst bringt die Witwe für ihren Mann eine weiße Rose nach
vorn an den Altar. Die 13 und 15 Jahre alten Töchter sind nicht
mitgekommen. "Sie können das noch nicht", sagt Baarlink. Auch andere
Angehörige stellen Rosen in eine Vase vor dem Altar - für jeden Toten
eine. Der katholische Pfarrer Gerhard Ortmann verließt ihre Namen.
Viele Gottesdienstbesucher weinen. Sie haben den Vater, den Ehemann,
die Mutter, das Kind, eine Freundin, einen Nachbarn oder einen
Kollegen verloren.

"Wir haben die Gratwanderung vom ersten Moment der Fassungslosigkeit
und Verzweiflung erlebt, die Gefühle von Einsamkeit und Schuld und
dann den Zustand des Abgeschnittenseins von allem." Der Lathener
lutherische Pastor Reiner Jenke zeichnet in seiner Predigt den
schweren Weg der Trauer nach. Doch er macht auch Mut, durch die
Trauer hindurch einen Weg zurück ins Leben zu suchen: "Gott will,
dass wir leben."

Ein neues Denkmal, das der Osnabrücker Künstler Dominikus Witte
geschaffen hat, steht auf freiem Feld neben der Bahn. Zwei
gebrochene, grob behauene Steine umrahmen eine Metallplatte mit 23
Kreuzen. Es solle auch künftige Besucher an das Unglück erinnern,
sagt Landrat Hermann Bröring. Die Gedenkstätte ehre die Toten und
mahne die Lebenden zu Wachsamkeit, Geistesgegenwart und Verantwortung
im Umgang mit der Technik, ergänzt Ministerpräsident Christian Wulff.

Wulff warnt davor, die Technik der Magnetschwebebahn grundsätzlich in
Frage zu stellen. Denn mittlerweile sei klar, dass das Unglück auf
menschliches Versagen zurückzuführen sei: "Es wäre falsch, wenn die
Region und die Menschen, die mit den Folgen des Unglücks leben
müssen, von der Entwicklung dieser Technik nicht mehr profitieren
würden."

Fritz Baarlink gehörte schon vor einem Jahr zum Team der
Notfallseelsorger. Sie gingen am Tag danach mit den Angehörigen der
Opfer zum Unfallort, der nur zwei Kilometer vom Besucherzentrum
entfernt ist. Zur Gedenkfeier ist er auch deshalb gekommen, "weil es
mir selbst ein Anliegen war, noch einmal hierher zu kommen". Doch in
erster Linie gehe es darum, den Angehörigen der Opfer beizustehen:
"Für sie ist es wichtig zu merken: Wir stehen hinter euch."

Martina Schwager

(epd Niedersachsen-Bremen/b2782/23.09.07)

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