Im Heidedorf Hambühren wurde ein Munitionslager zur Kirche

Nachricht 04. September 2007

Gesang und Gebete statt Bomben und Granaten

Hambühren/Kr. Celle (epd). Bis vor gut 62 Jahren mussten in dem roten Backsteinbau Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene schuften. Heute werden dort Gottesdienste, Taufen und Hochzeiten gefeiert. Konfirmanden haben ein "ABC des Friedens" aufgeschrieben, wo während des Zweiten Weltkrieges Flugabwehrgranaten hergestellt wurden. An der evangelischen Auferstehungskirche in Hambühren II bei Celle informiert ein Schild über ihre ungewöhnliche Geschichte: "Bis 1945 Munitionslagerhalle, seit 1950 Kirche."

Nach dem Zweiten Weltkrieg besiedelten Flüchtlinge nahe dem Heidedorf Hambühren ein Gelände, das zur NS-Zeit geheime Munitionsanstalt war. Sie bauten Bunker und Lagerhäuser zu Wohnungen aus. Auch die evangelische Kirche zog in ein früheres Gebäude der Rüstungsproduktion. Pastor Winfried Spickermann erzählt oft von dieser
Besonderheit: "Die Kirche selbst ist eine Friedenspredigt", sagt er: "Aus Schwertern wurden Pflugscharen."

Sakralbauten wie die Auferstehungskirche sind in diesem Jahr Schwerpunkt beim "Tag des offenen Denkmals". In rund 2.500 Orten werden sie am 9. September präsentiert. Die zentrale Veranstaltung für Niedersachsen findet in der Godehardikirche in Hildesheim statt. Während heute diskutiert wird, ob leerstehende Kirchen abgerissen oder zu Wohnhäusern und Kulturzentren umgewidmet werden dürfen, herrschte in der Nachkriegszeit Knappheit.

Am 7. November 1949 begann die "Niedersächsische Heimstätte" in Hambühren II aus Munitionsbunkern Wohnungen zu schaffen, erinnern sich Zeitzeugen: "Dazu mussten zunächst 90.000 Kubikmeter Erde, die als Sandschutz die Bunker umgaben, fortgeschafft werden." Fast 900 Flüchtlinge aus dem Osten kamen 1950 aus einem aufgelösten Lager in Reinsehlen südlich von Hamburg in den neuen Ortsteil. Mit dem damaligen Pastor Willi Schmidt siedelte auch die evangelische Lager-Gemeinde um. Ihr wurde die Halle 114 zugewiesen, die ihre Kirche werden sollte.

Schmidt sprach von "dankbar bewegten Herzen", mit denen die Gemeinde den Neuanfang beging. Bald hatte Hambühren II mehr Einwohner als der benachbarte historische Kernort. Noch spät holte die Vergangenheit die Bewohner auf dem Gelände der ehemaligen Lufthauptmunitionsanstalt wieder ein. Mitte der 1990er Jahre schreckten Meldungen über Rüstungsaltlasten im Boden sie auf. Detailuntersuchungen zeigten jedoch, dass in den Wohngebieten die Gefahr geringer war, als befürchtet.

Noch lange prüften Umweltbehörden Brunnen auf "sprengstofftypische Verbindungen". Bei Neubauten muss zunächst der Boden untersucht werden. Wie die Auferstehungskirche werden viele der alten Gebäude noch genutzt. 1992 wurde die Kirche zum "zeitgeschichtlichen Denkmal" erklärt.
Augenfälligste Veränderung der Munitionshalle, die möglichst unauffällig in der Landschaft verschwinden sollte, ist seit 1963 ein Glockenturm.

Während die äußere Gestalt sonst weitgehend erhalten blieb, wurde im Inneren einige Male umgebaut. Gerade plant die Gemeinde die nächste Neuerung. Der Altar soll versetzt und eine Zwischenwand entfernt werden. "Es tut der Kirche gut, dass sie eine Auffrischung bekommt", sagt Spickermann. Denn sie sei ein Denkmal voller Leben.
Karen Miether

(epd Niedersachsen-Bremen/b2312/04.09.07)
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