Gräber werden immer ausgefallener

Nachricht 10. August 2007

Bundesgartenschau informiert über Trends auf den Friedhöfen

Die meisten Deutschen sind einer Umfrage zufolge mit der Gestaltung der Friedhöfe zufrieden. 50 Prozent halten die letzte Ruhestätte in ihrer Umgebung für schön. Fast ein Drittel bezeichnet den örtlichen Friedhof als akzeptabel, befürwortet aber Verbesserungen. Dabei werden die Wünsche bei der Grabgestaltung immer ausgefallener. Fast alles ist möglich. Wer sich über die neuesten Trends informieren möchte, ist auf der Bundesgartenschau in Gera (Thüringen) richtig. Dort sind noch bis 14. Oktober 110 Mustergräber zu sehen. Matthias Pankau hat sie sich angeschaut.

Der Rundgang über den „künstlichen“ Friedhof auf dem Bundesgartenschau-Gelände in Gera bietet für jeden Geschmack etwas – von konservativ bis ausgefallen, vom schlichten Grabstein bis hin zu einer Komposition aus Holz und verrostetem Metall, die die Vergänglichkeit des Lebens symbolisieren soll. „Individualismus wird in unserer Gesellschaft groß geschrieben. Und das drückt sich auch in der Vielfalt der Grabstätten aus“, erklärt der Vorsitzende des Bundes deutscher Friedhofsgärtner, Lüder Nobbmann (Hüttenberg/Mittelhessen). Immer mehr Menschen wünschten sich eine Grabstelle, die in ihrer Formen- und Symbolsprache an den Verstorbenen erinnere und ihn so lebendig erhalte.

Immer mehr wünschen Beratung
Die wenigsten wüssten noch um die Bedeutung von Symbolen und Pflanzen, so Nobbmann, Experte für Symbolpflanzen. So sei Rose beispielsweise nicht gleich Rose. „Eine weiße Rose symbolisiert Hochachtung und Liebe, eine gelbe Neid und Eifersucht, eine rosafarbene Schönheit und die klassische rote Liebe und Abschiedsschmerz.“ Auch stehen bei der Grabgestaltung jede Blume und Pflanze für eine bestimmte Eigenschaft – Thymian beispielsweise für Fleiß, Veilchen oder Gänseblümchen für Bescheidenheit und Heide, Linde oder Myrte für Heimat. Der Wunsch Angehöriger nach Beratung nehme zu, erklärt Nobbmann, der als Friedhofsgärtner arbeitet. „Immer mehr Menschen wollen über die Pflanzen an den Verstorbenen erinnern.“
Ähnlich ist es bei der Gestaltung der Grabsteine. Dabei müssen es gar nicht immer Steine sein. „Viele Kunden wünschen etwas auf sie Zugeschnittenes, das sich von anderen Gräbern abhebt“, sagt Susanne Wenzel-Pape (Zeven bei Rotenburg/Wümme), Steinbildhauermeisterin und Expertin für innovative Grabmalgestaltung. Da ist ein Grab, das wie eine Baustelle wirkt. Ein Stahlträger ruht auf zwei Betonblöcken. Darauf liegt wieder ein Betonblock mit der Aufschrift „Meine Arbeit habe ich getan“. „Das könnte ein Mensch gewesen sein, für den seine Arbeit etwas war, worüber er sich definiert hat. Mit einem solchen Grab möchte er den Hinterbliebenen als arbeitsam, fleißig und zuverlässig in Erinnerung bleiben“, so Frau Wenzel-Pape.

Glas ist im Kommen
Oder da ist der „Grabstein“ aus rotem Glas, der für die Augen eines an traditionelle Friedhöfe gewöhnten Betrachters eher unpassend wirkt. Aber: Glas ist im Kommen – auch auf den Friedhöfen. „Immer mehr Menschen wählen Glaselemente für ihre Grabstätten, weil Glas etwas Leichtes und Unbeschwertes hat und deren Transparenz gern als Blick in die Ewigkeit gedeutet wird“, erklärt die Expertin. Und dann ist da das Doppelgrab mit den zwei unbearbeiteten Holzstelen, die nah beieinander stehen. Sie stehen für ein altes Ehepaar, das im Laufe seines gemeinsamen Lebens zusammengewachsen ist wie zwei alte Bäume. Das Holz, das mit den Jahren verrottet, soll die Vergänglichkeit des irdischen Lebens symbolisieren. Und auch sie gibt es in Gera – die schlichten schmiedeisernen Kreuze, wie sie vor allem in Süddeutschland und in der schlesischen Lausitz verbreitet sind und die wie kein anderes Symbol für die christliche Auferstehungshoffnung stehen.
Die neue Pflanzen- und Materialvielfalt auf Friedhöfen wird möglich durch die im Frühjahr veröffentlichten „Richtlinien für die Grabgestaltung“, die man bei jedem Friedhofsgärtner bekommt. „Zwar ist der Spielraum für individuelle Gestaltungswünsche damit größer geworden“, so Nobbmann, „dennoch gelten Jahrhunderte alte und bewährte Gestaltungsregeln wie die Orientierung am Farbkreis oder am Goldenen Schnitt nach wie vor als verbindlich.“ Nicht zuletzt, um ein einigermaßen einheitliches Bild auf deutschen Friedhöfen zu wahren. Rund 32.000 Friedhöfe mit etwa 35 Millionen Gräbern gibt es in Deutschland. Zu den bekanntesten und größten zählen der Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg oder Melaten in Köln.

Trend zur Urnenbestattung im Norden und im Osten
Das Verhältnis von Erd- und Urnenbestattungen lässt sich nicht klar bestimmen. Aber im Norden und im Osten gibt es einen klaren Trend zur Urne, während diese im Südwesten und im Süden Deutschlands nach wie vor eine Ausnahme ist, weiß Lars Rehder (Hamburg), Vorsitzender des Arbeitskreises Marketing und Vorstandsmitglied im Bund deutscher Friedhofsgärtner. „Bei manchen ist es sicherlich eine Frage des Geldes. Eine Urnenbestattung sei fast überall preiswerter als eine Erdbestattung. Andere wollen ihre Angehörigen nicht mit der Pflege einer großen Grabstätte zur Last fallen“, erklärt er.

Gräber für Ungeborene
Zurück nach Gera. Am anrührendsten sind sicherlich für jeden Besucher die acht Kindergräber zu Beginn des Rundgangs. „Das eigene Kind zu verlieren, ist für alle Eltern das Schlimmste, was passieren kann“, so die stellvertretenden Vorsitzende des Bundes deutscher Friedhofsgärtner, Birgit Ehlers-Ascherfeld (Hannover). Dabei spiele das Alte des Kindes keine Rolle - „denn ein Kind bleibt ein Leben lang das Kind seiner Eltern“. Steinmetze und Friedhofsgärtner haben deshalb gemeinsam Grabstätten für Kinder unterschiedlichen Alters gestaltet, unter anderem auch ein Grab für Kinder, die vor der Geburt gestorben sind. Eine solche Bestattung für Ungeborene unter 500 Gramm ist bundesweit erst seit 2003 erlaubt, weiß Frau Ehlers-Ascherfeld. Besonders die Kirchen haben sich dafür eingesetzt. „Bis dahin hatten Mütter keinen Ort für ihre Trauer, was für viele unheimlich schmerzlich war.“ Der Sandstein „Regenbogen“ auf dem Grab strahle durch seine Farbe Energie und Fröhlichkeit aus – Eigenschaften, die man mit jedem jungen Leben verbinde. Ebenso farbenfroh seien die Pflanzen, die kreisförmig um den Bogen herum angeordnet sind und den Lebenskreis symbolisieren. „Der ist durchbrochen, weil das Kind das Licht der Welt nicht erblickt hat“, erklärt die Friedhofsgärtnerin. Die nach vorn gebeugte Form des Monuments symbolisiere die Mutter, der ein wichtiger Teil ihres Lebens entrissen wurde. Die dadurch entstandene Leere könne nicht einfach wieder aufgefüllt werden.
So kann jedes Grab der Ausstellung eine Geschichte erzählen. Friedhöfe sind eben nicht nur grüne Oasen in unseren Städten, sie sind Orte der Kultur, der Trauer und der Begegnung. Und für Christen sind sie zugleich Orte des Lebens. Denn Christus spricht: Ich lebe, und ihr sollt auch leben (Joh. 14,19).

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