Beim Pilgern bleibt das Handy aus

Nachricht 01. August 2007

Erste Jugendgruppe geht kompletten Weg von Volkenroda nach Loccum

Loccum/Volkenroda (epd). Bei Anna (15) bleibt das Handy in diesem Urlaub aus. "Das ist doch wie eine Leine nach Hause", sagt sie: "Und ich will ganz hier sein." Sie und 23 andere Jugendliche zwischen 13 und 15 Jahren aus Loccum bei Nienburg sind derzeit zwei Wochen zu Fuß unterwegs in Thüringen und Niedersachsen. Als erste Jugendgruppe laufen sie den kompletten ökumenischen Pilgerweg vom Kloster Volkenroda bei Mühlhausen zum Kloster Loccum, der vor zwei Jahren eröffnet wurde.

Über 342 Kilometer geht es: an Flüssen entlang, durch Wälder, über Höhenzüge und vorbei an Klöstern. "Das lange Gehen und das Pilgerleben sind für uns alle ein Experiment", erzählt der evangelische Pastor Joachim Köhler, der die Gruppe mit drei anderen Erwachsenen leitet. Mehr als 200 Kilometer Fußmarsch haben sie schon hinter sich. Am Freitag wollen sie in Loccum ankommen.

Abends im Quartier sind sie abgekämpft, aber auch stolz: "Wir sind wie eine Mannschaft, das ist echtes Teamwork", schwärmt Jule in einer Jugendherberge in Stadtoldendorf am Solling. Und Benedict stimmt zu: "Pilgern schweißt zusammen." Das ist auch nötig, denn auf der Strecke läuft nicht immer alles glatt. Sandy etwa hat an einem Tag 18 Fußblasen gezählt. "Da haben wir uns rechts und links bei ihr eingehakt und sie gestützt", sagt Anna. Und mehr als einmal haben die Jugendlichen dem Regen getrotzt.

Für die Pilgertour hat Pastor Köhler seine Konfirmanden und die Konfirmierten der letzten beiden Jahre eingeladen. "Vorher hatten wir mit manchen nicht viel am Hut", erzählt Mira. "Aber jetzt kommen wir richtig gut miteinander klar." Auf das Handy zu verzichten fällt da nicht schwer, sagt Köhler. "Weil wir uns gegenseitig etwas erzählen." Auch den MP3-Spieler vermisst keiner: "Weil wir selbst singen." Und in der Herberge bleibt der Fernseher natürlich aus. Dann macht die Gruppe gern Rollenspiele.

20 bis 30 Kilometer umfasst jede Etappe. Einmal waren es 38, als sich einige Jugendliche verliefen und um einen Berg herum gehen mussten. "Pilgerregel Nummer eins", sagt Jakob: "Frage nie einen Einheimischen nach dem Weg." Doch mit den Menschen am Weg gab es sonst nur gute Erlebnisse. Eine Frau zeigte den Jugendlichen ihr Haus, andere boten ihnen etwas zu essen und zu trinken an. Und ein Bademeister freute sich, als sich endlich eine Gruppe trotz Regens in sein leeres Freibad stürzte.

Pilgern soll aber mehr als Wandern sein. Deshalb schließt jeder Tag mit einer Abendandacht. Morgens liest Pastor Köhler einen kurzen Meditationstext, über den die Jugendlichen tagsüber nachsinnen können. Und unterwegs besucht die Gruppe oft Kirchen, die sich schon wegen ihrer zentralen Lage als Treffpunkte anbieten. Manchmal laufen sie längere Zeit auch schweigend. "Es ist total schön zu erleben, wie die Landschaft so ist", sagt Henrike. "Und man hat Zeit für sich zum Nachdenken."

Michael Grau (epd)

(epd Niedersachsen-Bremen/b2215/01.08.07)
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