Ein Regenbogen zwischen Altar und Orgel

Nachricht 26. Juli 2007

Lichtkünstler inszenieren die Architektur kirchlicher Räume

Von Dieter Sell (epd)

Bremen/Berlin/Braunschweig (epd). Der Altar ist in leuchtendes Rot getaucht. Frisches Grün durchflutet das Mittelschiff. Die Orgel glänzt in geheimnisvoll-abgründigem Blau. Mit einer dauerhaften Installation verleiht der Berliner Lichtkünstler Götz Lemberg dem Innenraum der evangelischen Klosterkirche in Lilienthal bei Bremen ein neues Gesicht. Der 44-Jährige gehört zu den wenigen Spezialisten in Deutschland, die mit Licht die Architektur kirchlicher Räume inszenieren.

In Lilienthal hat Lemberg das Licht in seine Spektralfarben zerlegt. In den gotischen Kreuzgewölben hängen sieben Meter lange Neonröhren. Fünf filigrane Säulen leuchten in der Skala vom langwelligen Rot über Gelb, Grün, Violett bis zum kurzwelligen Blau und bündeln sich in Höhe der Kirchenbänke zu weißer Helligkeit. Wie ein Regenbogen durchleuchten sie die Kirche und senden ihre Farben über mächtige Spitzbogenfenster ins Freie.

"Die Kirche strahlt von innen", freut sich Gemeindepastorin Birgitt Pusch-Heidrich. "Das Licht erinnert an den lebendigen christlichen Glauben." Wie zuvor schon im Französischen Dom am Gendarmenmarkt in Berlin hat Lemberg die Kirche in Lilienthal auf moderne Art so gestaltet, dass Besucher architektonische Elemente neu entdecken oder überhaupt erstmals sehen. So wird jetzt der Blick magisch von den roten Köpfen der Engel angezogen, die zuvor im Überfluss des barocken Altars verborgen blieben.

"Licht ist ein biblisches Urmotiv", verdeutlicht Birgitt Pusch-Heidrich und spielt damit nicht nur auf das Christus-Wort "Ich bin das Licht der Welt" im Johannes-Evangelium an. "Stofflich ist es mit dem Glauben verwandt: Es ist immer da, man kann es aber nicht dingfest machen."

Ähnlich wie Lemberg ist auch der Braunschweiger Pastor und Lichtkünstler Andreas Lohrey (48) vom Kirchenraum fasziniert. "Licht eröffnet eine neue Komposition der Architektur", betont der evangelische Theologe, der mit zeitlich befristeten Projekten bereits in München, Gelnhausen, Braunschweig und Sindelfingen zu sehen war. Er arbeitet seit zehn Jahren zumeist mit Projektoren und Schablonen, um kirchliche Rundbögen, Säulen und Kapitelle ins Licht zu setzen.

Lohrey und Lemberg setzen Farben ein, die in der Kirche ihre Bedeutung haben. Rot etwa ist das Sinnbild des Heiligen Geistes. Violett steht für Buße und Leiden. Doch auch wenn Lemberg diese alten Traditionen aufnimmt - unumstritten ist seine Installation nicht. Vereinzelt sehen Lilienthaler Gemeindemitglieder in dem Projekt eine "Geschmacksverirrung", die aus der Kirche eine "Disco-Halle" werden lässt. Lemberg nimmt es hin und bleibt entspannt: "Kunst muss provozieren."

(epd Niedersachsen-Bremen/b2156/26.07.07)
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