Landesbischöfin: Eigene Positionen deutlicher formulieren

Nachricht 10. Juli 2007

Osnabrück (epd). Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann hat die Kirche und die Christen aufgefordert, die eigenen Wertvorstellungen deutlicher zu formulieren und zu vertreten. Das gelte für die Themen Sterbehilfe und Flüchtlingspolitik ebenso wie für Gentechnologie und Werteerziehung, sagte sie am Dienstagabend in der Osnabrücker Marienkirche. Gleichzeitig appellierte sie an die Kirchen, im Angesicht gemeinsamer Herausforderungen "mehr Ökumene zu wagen".

Sie plädierte dafür, trotz aller Sparmaßnahmen und Umstrukturierungen in der Kirche das Positive nicht zu vergessen: "Wir sollten uns klar machen, dass wir als Kirchen in Deutschland Chancen zur Verkündigung und Handlungsmöglichkeiten haben, um die uns viele beneiden." Die feste Orientierung an der Bibel, offene Auseinandersetzung mit Leiden und Tod, eine klare Sprache, Spiritualität und Standfestigkeit seien entscheidend dafür, wie wirksam und überzeugend das Christentum am Beginn des 21. Jahrhunderts sei.

Der Dialog der Religionen etwa dürfe nicht zur Folge haben, "dass wir profillos werden. Wir müssen das Thema Menschenrechte, Gleichheit von Mann und Frau, Gewalt in der Familie auch thematisieren", sagte Käßmann in ihrem Vortrag über "Kirche vor den Herausforderungen der Zukunft".

Sie werde sich dafür einsetzen, dass Muslime in Deutschland Moscheen bauen dürften, betonte die Bischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Andererseits erwarte sie aber auch, dass die Muslime "die Verfassung unseres Landes insgesamt bejahen. Und ich wünsche mir, dass Muslime ebenso dafür eintreten, dass Christinnen und Christen in Pakistan, Indonesien und Afghanistan Kirchen bauen dürfen." Im Dialog der Religionen gehe es nicht nur darum, Höflichkeiten auszutauschen, sondern die brisanten Fragen auf den Tisch zu legen.

Die Bischöfin sprach sich deutlich für einen besseren Schutz der Kinder vor Gewalt aus: "Jede Woche sterben in Deutschland zwei Kinder an den Folgen von Misshandlung und Vernachlässigung." Das müsse sich ändern. "Hier gilt es, Verantwortung zu übernehmen in Kirche, Politik und Zivilgesellschaft." Der Maßstab für Gerechtigkeit im biblischen Sinne seien die Alleinerziehenden, die Obdachlosen, die auf Sozialhilfe angewiesenen Kinder und die Migrantenfamilien. "Von dieser Perspektive her müssen wir uns kritisch mit den Reformnotwendigkeiten auseinandersetzen", forderte sie.

Bildung bestehe nach evangelischem Verständnis nicht nur aus Anwendungswissen, betonte die Bischöfin. Es gehe dabei auch um soziale und emotionale Kompetenz, um Herzensbildung und religiöses Verstehen: "Kommunikationsfähigkeit heißt nicht, dass ich einen Laptop bedienen kann, sondern dass ich mich mit anderen Menschen verständigen kann." Christen sollten darüber hinaus der Spaßgesellschaft und dem Konsum eine Kultur entgegenhalten, die nicht griesgrämig daherkomme, aber etwas von der Tiefe des Lebens einbringe.

(epd Niedersachsen-Bremen/b2001/10.07.07)
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