Huber kritisiert Dokument zum Kirchenverständnis - Käßmann: Trauerspiel (akt: Noko, Lemopoulos)

Nachricht 10. Juli 2007

Vatikanstadt/Hannover (epd). Der Vatikan hat die katholische Kirche erneut deutlich von den Protestanten abgegrenzt. Diesen könne der Titel "Kirche" nicht zugeschrieben werden, heißt es in den am Dienstag von der römischen Glaubenskongregation vorgelegten fünf "Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche". Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) wertete das Dokument als Rückschlag für die Ökumene.

Nur in der römisch-katholischen Kirche bestehe die von Jesus Christus begründete Kirche weiter, betont die Glaubenskongregation in ihrem Text. Der Vatikan wolle aber an der Ökumene festhalten, wurde bekräftigt. Das vorliegende Schreiben sei auf Grund von "irrigen Interpretationen" des Zweiten Vatikanischen Konzils der sechziger Jahre nötig geworden, heißt es. Papst Benedikt XVI. habe die vom Präfekten der Kongregation, Kardinal William Levada, unterzeichneten Antworten gutgeheißen und bestätigt.

Den aus der Reformation hervorgegangenen christlichen Gemeinschaften könne nach katholischem Verständnis kein Kirchenstatus zuerkannt werden, so das Dokument. Grund sei die fehlende "apostolische Sukzession im Weihesakrament". Mit Sukzession ist die ununterbrochene Aufeinanderfolge und durch Handauflegung vererbte Amtsvollmacht der Bischöfe von den biblischen Aposteln bis heute gemeint. Nach katholischem Verständnis ist diese Kette bei den Protestanten unterbrochen.

Das Dokument sei eine "vertane Chance", erklärte der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber. Die Hoffnung auf einen positiven Wandel der Ökumene sei "erneut in die Ferne gerückt". Das Papier sei eine Neuauflage der "anstößigen Aussagen" der umstrittenen Vatikan-Erklärung "Dominus Iesus" von 2000. In vollem Bewusstsein der innerkatholischen wie der ökumenischen Diskussion seit dem Jahr 2000 würden die damaligen Aussagen wiederholt. Huber: "Von Fahrlässigkeit kann niemand mehr sprechen; es handelt sich um Vorsatz."

In den vergangenen Jahren seien viele Vorschläge gemacht worden, um die Ausdrucksweise zu überwinden, reformatorische Kirchen seien "nicht Kirchen im eigentlichen Sinn", so Huber. Die "Antworten" jedoch ließen einen tieferen Sinn für die Relativität des eigenen Standpunkts vermissen. "Dadurch wirken sie ökumenisch brüskierend."

Als "Dämpfer für die Ökumene" bezeichnete die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann das Vatikan-Papier. Es sei ein "Trauerspiel", das "ökumenische Pflänzchen so austrocknen zu lassen", sagte die evangelische Theologin dem NDR. Ein solches Dokument zur jetzigen Zeit sei "ökumenisch fatal". Käßmann: "Wir sind sehr wohl Kirche nach unserem Verständnis."

Dagegen verteidigte die katholische Deutsche Bischofskonferenz das neue Vatikan-Dokument gegen Kritik aus der evangelischen Kirche. "Die erneute katholische Stellungnahme der Glaubenskongregation mag besonders in ihrer Knappheit und Dichte hart erscheinen", räumte der Bischofskonferenz-Vorsitzende, Kardinal Karl Lehmann, ein. Das Papier lasse "aber grundlegend Raum, die anderen Kirchen nicht nur moralisch, sondern theologisch als Kirchen zu achten".

Das Ökumene-Institut der evangelischen Kirche empfahl den Protestanten, sich von dem neuen Vatikan-Dokument nicht provozieren zu lassen. Das Papier spiegele eine innerkatholische Diskussion wider, sagte der Geschäftsführer des Konfessionskundlichen Instituts im hessischen Bensheim, Walter Fleischmann-Biesten, dem epd. Der Papst wolle damit die Konservativen in der Kirche zurückgewinnen.

Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) erklärte in Wien, sie nehme das Papier mit "Befremden, aber ohne Beunruhigung" zur Kenntnis. Dem Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche könne jedoch vom evangelischen Verständnis her nicht zugestimmt werden, erklärte GEKE-Präsident Thomas Wipf (Bern).

Der Ökumene-Experte der lutherischen Kirchen, Bischof Friedrich Weber, warf dem Vatikan vor, sich mit seiner Lehre immer weiter von der Realität der Ökumene zu entfernen. Wenn in den "Antworten" der Glaubenskongregation zum wiederholten Male den Protestanten der Status einer Kirche abgesprochen werde, dann werde das in vielen Gemeinden auf Unverständnis stoßen, erklärte Weber in Braunschweig.

(epd Niedersachsen-Bremen/b1999/10.07.07)
Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen

Die Stellungnahme des Ratsvorsitzenden im Wortlaut:

Versäumte Chance

Der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, nimmt Stellung zu der Veröffentlichung der römischen Kongregation für die Glaubenslehre "Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche"


1. "Der katholische Ökumenismus mag auf den ersten Blick paradox erscheinen." So heißt es in dem amtlichen Kommentar zu den "Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche", die heute von der römischen Kongregation für die Glaubenslehre veröffentlicht worden sind. Paradox ist der römisch-katholische Ökumenismus nicht nur auf den ersten Blick; er ist es auf Dauer. Daran ändert leider auch das neue Dokument nichts. Es will zwar anerkennen, dass es auch außerhalb der römischen Kirche "echte kirchliche Wirklichkeiten" gibt. Aber insbesondere den Kirchen der Reformation verweigert es zugleich die Anerkennung als "Kirchen im eigentlichen Sinn".

2. Neu ist das nicht. Die "Antworten" selbst verweisen ausdrücklich auf die Erklärung "Dominus Iesus", die die Kongregation für die Glaubenslehre unter ihrem damaligen Vorsitzenden Joseph Kardinal Ratzinger im Jahr 2000 veröffentlicht hat. Der Stein des Anstoßes in der Erklärung "Dominus Iesus" war insbesondere der Satz: "Die kirchlichen Gemeinschaften ..., die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben, sind nicht Kirchen im eigentlichen Sinn". Ökumenisch Gesonnene auf beiden Seiten waren bemüht, diese Formulierung als missglückt und missverständlich, mithin als Fahrlässigkeit zu entschuldigen. Der jetzt veröffentlichte Text der Glaubenskongregation, der die Unterschrift des neuen Präfekten William Kardinal Levada trägt, aber vom Papst ausdrücklich "bestätigt" wurde, erweist sich jedoch als unveränderte Neuauflage der anstößigen Aussagen von "Dominus Iesus". In vollem Bewusstsein der innerkatholischen wie der ökumenischen Diskussion seit dem Jahr 2000 werden die damaligen Aussagen wiederholt. Von Fahrlässigkeit kann niemand mehr sprechen; es handelt sich um Vorsatz.

3. Von vielen Seiten, auch von hoher Stelle in der römischen Kurie, wurden in den vergangenen Jahren Vorschläge gemacht, um die anstößige Ausdrucksweise zu überwinden, die reformatorischen Kirchen seien "nicht Kirchen im eigentlichen Sinn". Es würde ja auch vollständig reichen, wenn gesagt würde, die reformatorischen Kirchen seien "nicht Kirchen in dem hier vorausgesetzten Sinn", oder sie seien "Kirchen anderen Typs". Aber keine dieser Brücken wird in den "Antworten" betreten. Insofern sind diese "Antworten" eine vertane Chance. Die Einsicht, dass ökumenische Fortschritte wechselseitigen Respekt für das Kirchesein des ökumenischen Partners voraussetzen, bleibt unberücksichtigt. Es bleibt nur zu hoffen, dass die ökumenische Sensibilität, von der die Beziehungen zwischen den christlichen Kirchen in Deutschland weithin geprägt sind, sich bewahren und weiterentwickeln lässt. Zuletzt wurde durch die Unterzeichnung der Vereinbarung über die wechselseitige Anerkennung der Taufe am 29. April 2007 für diese Art ökumenischer Sensibilität ein wichtiges Zeichen gesetzt.

4. Die römischen "Antworten" jedoch lassen einen tieferen Sinn für die Relativität des eigenen Standpunkts vermissen; dadurch wirken sie ökumenisch brüskierend. Sie werfen erneut die Frage auf, worin nach römisch-katholischem Verständnis das Ziel ökumenischer Verständigung besteht. Die "Antworten" sehen dieses Ziel darin, dass die in der römischen Kirche bereits gegenwärtige "Fülle der katholischen Kirche ... zunehmen muss in den Brüdern und Schwestern, die nicht in voller Gemeinschaft mit ihr stehen." Da die römisch-katholische Kirche nicht von der Überzeugung ablässt, "die einzige wahre Kirche Christi zu sein", ist damit der von ihr beschrittene ökumenische Weg vorgezeichnet. Geschah es im Blick auf diesen Weg, dass der evangelischen Auffassung von Ökumene von römischer Seite unlängst vorgehalten wurde, sie gehe nur die "Hälfte des Weges"? Nach evangelischem Verständnis muss in der Tat ein ökumenischer Weg gefunden werden, der die Anerkennung des römischen Primats und die Bindung der Apostolizität der Kirche an die bischöfliche Amtssukzession nicht als unumgängliche Voraussetzungen ökumenischer Verständigung ansieht.

5. Der neue Text der Glaubenskongregation knüpft an die Aussage des II. Vatikanischen Konzils an, wonach die Kirche Christi in der römisch-katholischen Kirche "subsistiere". Die Frage liegt nahe, warum dort der Ausdruck "subsistiert in" und nicht einfach das Wort "ist" gebraucht wird. Man spürt den "Antworten" ab, wie schwer sie sich mit dieser Frage tun. Denn mit der Aussage des II. Vatikanischen Konzils ist der Weg verstellt, die römisch-katholische Kirche und die wahre Kirche Christi einfach gleichzusetzen. Die "Antworten" legen jedoch allergrößten Wert darauf, dass dadurch die katholische Lehre über die Kirche nicht verändert wurde. Der Ausdruck "subsistiert in" soll freilich zugleich zum Ausdruck bringen, dass außerhalb des Gefüges der römisch-katholischen Kirche "vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit" zu finden sind, "die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen". Diese Einsicht könnte so fruchtbar gemacht werden, dass zwischen der "katholischen (also: umfassenden) Einheit" und der römisch-katholischen Kirche differenziert wird. Diese Möglichkeit wird in den "Antworten" so wenig genutzt wie in der Erklärung "Dominus Iesus" aus dem Jahr 2000.

6. An einer Stelle des Kommentarteils wird eine Sensibilität dafür erkennbar, dass die Unterscheidung zwischen den "Kirchen im eigentlichen Sinn" und den kirchlichen Gemeinschaften, denen der Name "Kirche" vorenthalten wird, "bei den betroffenen Gemeinschaften und auch in katholischen Kreisen Unbehagen verursacht" hat. Mit folgendem Argument wird trotzdem an dieser Unterscheidung festgehalten: Diese Gemeinschaften "nehmen den theologischen Begriff von Kirche im katholischen Sinn nicht an; ihnen fehlen Elemente, die von der katholischen Kirche als wesentlich betrachtet werden." Hier ist immerhin der Ausdruck "Kirche im eigentlichen Sinn" vermieden und durch die weniger anstößige Formulierung "Kirche im katholischen Sinn" ersetzt. Der Gedanke freilich, auch der römisch-katholischen Kirche könnten Elemente fehlen, die anderen Kirchen wichtig sind – zum Beispiel der Respekt vor der Urteilsfähigkeit der Gemeinden, der gleiche Zugang von Frauen zum geistlichen Amt oder die Einsicht in die Fehlbarkeit des kirchlichen Lehramts – , erhält keinen Raum. Deshalb wird die Einsicht in die Relativität der eigenen Position sofort wieder zurückgenommen. Dabei läge genau darin die Chance, unterschiedliche Sichtweisen miteinander ins Gespräch zu bringen. Das kann freilich nur gelingen, wenn keine Seite von vornherein einen Anspruch darauf erhebt, der Wahrheit näher zu sein als die andere.

7. Die Fragen, auf die der Text der Glaubenskongregation antwortet, kommen im wesentlichen nicht aus anderen Kirchen, sondern aus "katholischen Kreisen". Die Glaubenskongregation ist spürbar beunruhigt darüber, dass neue Beiträge des theologischen Nachdenkens immer noch und immer wieder "nicht ... frei sind von irrigen Interpretationen." Sie sortiert säuberlich zwischen "gesunder Lehre", für die sie selbst zuständig ist, und "irrigen Interpretationen". In reformatorischer Perspektive hingegen ist es nicht immer schon im Vorhinein ausgemacht, wer irrt und wer in der Wahrheit ist. Aber auch in der katholischen Diskussion wird der neue Text der Glaubenskongregation die Frage nicht zum Schweigen bringen, ob die Vorstellung von einer abgestuften Nähe zur Wahrheit, wie sie bisher vom römisch-katholischen Lehramt vertreten wird, vor der biblischen Botschaft Bestand hat.

8. "Die Zukunft der Kirche wird eine ökumenische sein. Das entspricht der Verheißung Jesu Christi, und es entspricht - in Deutschland ebenso wie an anderen Orten - den praktischen Notwendigkeiten von Zeugnis und Dienst der Kirche. Darin kann uns auch die Kongregation für die Glaubenslehre nicht irre machen. Die ökumenische Zukunft der Kirche bedeutet aber nicht die Auflösung und Nivellierung aller konfessionellen Profile, sondern die Überwindung ihres trennenden Charakters." Diese Sätzen beenden die Stellungnahme, mit der Präses Manfred Kock, mein Vorgänger im Amt des Ratsvorsitzenden der EKD, am 5. September 2000 auf die Veröffentlichung der Erklärung "Dominus Iesus" reagiert hat. Sie gelten heute genauso wie vor sieben Jahren.

Die Hoffnung auf einen Wandel der ökumenischen Situation ist mit dem heute veröffentlichten Dokument zwar erneut in die Ferne gerückt. Aber "wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden" (Römer 5,3-5).


Hannover, 10. Juli 2007

Für die Richtigkeit:
Pressestelle der EKD
Silke Römhild


Ein Signal, das nicht weiter bringt
Erklärung des Catholica-Beauftragten der VELKD, Landesbischof Dr. Friedrich Weber (Wolfenbüttel), zum Dokument „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ der Kongregation für die Glaubenslehre

Das am heutigen Tag veröffentlichte Dokument zur römisch-katholischen Lehre von der Kirche ist am 29. Juni (Peter und Paul) von William Kardinal Levada, dem Präfekten der Glaubenskongregation, unterzeichnet worden.

Das Papier beantwortet 5 Fragen, die sich insbesondere um die Erläuterung des Satzes aus dem Konzilsdokument des Zweiten Vaticanums „Lumen gentium“, die Kirche Jesu Christi „subsistiere“ in der (römisch-) katholischen Kirche, befassen. Beigefügt ist ein Kommentar, der die Antworten auf die Fragen noch einmal erläutert.

Das Dokument, das zu Beginn vehement erklärt, das Zweite Vatikanische Konzil habe keine neue Lehre von der Kirche entwickelt, kommt zu dem Ergebnis, dass das „Subsistieren“ zwar im Sinne einer Identifikation zu verstehen sei, aber nicht im Sinne einer exklusiven Identifikation. Es bestätigt damit die geltende Lehre, dass es auch in den von Rom getrennten kirchlichen Gemeinschaften „Elemente der Heiligung und Wahrheit“ zu finden seien.

In der Einschätzung der von Rom getrennten Kirchen wird noch einmal unterschieden: Es gibt orthodoxe Kirchen, die Teil- oder Ortskirchen genannt werden können, weil in ihnen die historische Sukzession im Bischofsamt fortlebt und darum die Eucharistie in ordentlicher Weise gefeiert werden kann; dagegen haben die evangelischen Kirchen diese Sukzession und damit das Weihe- und Altarsakrament nicht bewahrt und sind deshalb nicht Kirchen im eigentlichen Sinn.

Die „Antworten“, die alles andere als neu sind, richten sich vor allem gegen Personen in der eigenen Kirche, die sich auf dem Feld der Ökumene zu weit vorwagen. In neueren katholischen Entwürfen einer Lehre von der Kirche im Bereich der wissenschaftlichen Theologie werden auch nichtkatholische Kirchen als Kirchen angesprochen, die Einzigkeit und Einzigartigkeit, wie sich die Kirche Jesu Christi in der römisch-katholischen Kirche verwirklicht, wird hinterfragt. Selbst Kardinal Walter Kasper hatte im Blick auf die nichtkatholischen Kirchen von verschiedenen „Kirchentypen“ gesprochen. Solche „irrigen Interpretationen“ (Einleitung) will das Dokument zurückweisen. Daran, dass ihm das gelingt, kann man zweifeln.

Denn schon die Einschätzung, die Kardinal Lehmann dem Dokument zukommen lässt, macht hellhörig. Er nennt die Lehre des 2. Vatikanischen Konzils einen „neuen Schritt für die Lehre von der Kirche“; und er erklärt, die Stellungnahme lasse Raum, die anderen „Kirchen“ nicht nur moralisch, sondern theologisch als Kirchen zu achten – ohne hier zwischen orthodoxen und evangelischen zu unterscheiden.

Man könnte auf das Dokument mit Zorn oder Unverständnis reagieren – mich macht der Text eher traurig. Denn hier wird zum einen sichtbar, wie sich die offizielle Lehre der Kirche immer weiter von den ökumenischen Realitäten entfernt, die in vielen benachbarten evangelischen und katholischen Gemeinden an der Tagesordnung sind. Wenn in den „Antworten“ zum x-ten Mal den evangelischen Kirchen ihr Kirchesein abgesprochen wird, dann wird das in vielen katholischen Gemeinden auf pures Unverständnis stoßen, denn in den Gemeinden werden evangelische Gemeinden als echte Kirchen-Gemeinden wahrgenommen. Es bleibt die Frage, warum dieses Signal jetzt und immer wieder gesendet wird und nicht eins, das weiter bringt.

Zum anderen ist es wirklich schade, wie sich die vatikanische Theologie selbst isoliert, indem sie sich und ihre theologischen Grundsätze in solcher Weise absolut setzt. Indem die „Antworten“, wie der verstorbene Kirchenhistoriker und Ökumeniker Jörg Haustein es einmal für die römisch-katholische Kirchenlehre insgesamt formulierte, „eigene partikularkirchliche Sonderlehre zum Maßstab allen christlichen Redens und Glaubens von Kirche machen“, verhindern sie einen konstruktiven Dialog, den der Kommentar zu den „Antworten“ doch gerade eröffnen will. Ein Dialog aber ist ohne Eingehen auf die hermeneutischen und theologischen Grundsätze der Partner nicht möglich.

Darum unterstreicht das neue Dokument aus Rom die Dringlichkeit, in kommenden ökumenischen Dialogen die Fragen ökumenischer Hermeneutik und ökumenischer Methodik aufzugreifen. Wir müssen – so scheint es – zunächst neue Voraussetzungen für konstruktive Dialoge schaffen, bevor wir uns erneut den Sachfragen des Dialogs zuwenden können. Der Kommentar zu den „Antworten“ und die Einschätzung von Kardinal Lehmann haben dafür ein Gespür. Darin liegt in aller Trauer doch auch wieder ein gutes Maß Hoffnung.


Amt der VELKD - Pressestelle
Richard-Wagner-Str. 26
30177 Hannover
Tel.: 0511/62 61 - 236
Fax: 0511/62 61 - 511
eMail: hahn@velkd.de
WWW: http://www.velkd.de


LWB bestuerzt ueber Vatikanerklaerung trotz bedeutsamer Ergebnisse im oekumenischen Dialog
LWB-Generalsekretaer Noko: “Wir verstehen uns als Kirche im vollen Sinn“

Genf, 11. Juli 2007 (LWI) - Mit Bestuerzung und Enttaeuschung hat der Lutherische Weltbund (LWB) auf die von der roemisch-katholischen Kongregation fuer die Glaubenslehre veroeffentlichten “Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezueglich der Lehre ueber die Kirche“ reagiert. In dem Dokument hatte die vatikanische Glaubenskongregation in dieser Woche fuer roemisch-katholische TheologInnen festgelegt, dass der Titel “Kirche“ nicht auf christliche Gemeinschaften Anwendung finden soll, wie beispielsweise fuer den LWB und seine Mitgliedskirchen.

In seiner Erklaerung betonte LWB-Generalsekretaer Pfr. Dr. Ishmael Noko, dass lutherische Kirchen das Kirchenverstaendnis und die Darstellung der gelebten Glaubenswirklichkeit, wie sie in den “Antworten“ beschrieben seien, nicht akzeptieren koennten. “Wir verstehen uns als Kirche im vollen Sinn, in der das Evangelium auf rechte Weise gepredigt und die Sakramente auf rechte Weise verwaltet werden“, so Noko.

Mit Blick auf die im September 2000 veroeffentlichte Erklaerung der Glaubenskongregation “Dominus Iesus“ - Ueber die Einzigkeit und die Heilsuniversalitaet Jesu Christi und der Kirche erklaerte Noko, dass die jetzt erneut zum Ausdruck gebrachte Haltung nicht neu sei. “So sind wir doch traurig und enttaeuscht, dass sie in unserem gegenwaertigen Kontext bekraeftigt wird, in dem die oekumenische Partnerschaft schon solch bedeutsame Ergebnisse erzielt hat“, unterstrich der LWB-Generalsekretaer.

Noko hob in seiner Erklaerung hervor, dass mit der Annahme der Gemeinsamen Erklaerung zur Rechtfertigungslehre (GE) am 31. Oktober 1999 durch den LWB und die roemisch-katholische Kirche ein “gemeinsames Verstaendnis“ der Rechtfertigungslehre zum Ausdruck gekommen sei, das einen “entscheidenden Schritt zur Ueberwindung der Kirchenspaltung“ darstellte. Durch die Bestaetigung der GE durch den Weltrat Methodistischer Kirchen im Juli 2006 habe sich zudem gezeigt, dass die GE mehr ist als eine Erklaerung zu einer Frage des 16. Jahrhunderts.

Der LWB halte an seiner Verpflichtung zum oekumenischen Dialog fest, “auch zum weiteren Gespraech mit unseren Partnern in der roemisch-katholischen Kirche“, bestaetigte LWB-Generalsekretaer Noko. “Wir verstehen christliche Einheit einerseits als Geschenk Gottes an den einen Leib Christi, andererseits aber auch als Aufgabe fuer das Volk Gottes. Wir werden uns weiterhin fuer unsere Vision der christlichen Einheit einsetzen, die Christus selbst gewollt und fuer die er gebetet hat.“ (356 Woerter)

Im Folgenden finden Sie den vollen Wortlaut der Erklaerung von LWB-Generalsekretaer Pfr. Dr. Ishmael Noko:

Erklaerung von Pfr. Dr. Ishmael Noko
Generalsekretaer des Lutherischen Weltbundes

Der Lutherische Weltbund nimmt die “Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezueglich der Lehre ueber die Kirche“, die die Kongregation fuer die Glaubenslehre diese Woche veroeffentlichte, mit Bestuerzung auf. Dieses Dokument legt fuer roemisch-katholische TheologInnen fest, dass der Titel “Kirche“ nicht auf “christliche Gemeinschaften“ Anwendung finden soll, wie beispielsweise fuer die Mitglieder der lutherischen Gemeinschaft, die durch die Feuerprobe der Reformation geformt wurden. Auch wenn uns diese Haltung nicht neu ist, so sind wir doch traurig und enttaeuscht, dass sie in unserem gegenwaertigen Kontext bekraeftigt wird, in dem die oekumenische Partnerschaft schon solch bedeutsame Ergebnisse erzielt hat.

Am 31. Oktober 1999 haben der Lutherische Weltbund und die roemisch-katholische Kirche eine Gemeinsame Erklaerung angenommen, die ein “gemeinsames Verstaendnis“ der Rechtfertigungslehre ausdrueckte und so laut der UnterzeichnerInnen einen “entscheidenden Schritt zur Ueberwindung der Kirchenspaltung“ darstellte. In der Zeit nach 1999, als der Weltrat Methodistischer Kirchen die Erklaerung ebenfalls bestaetigte, zeigte sich, dass sie mehr ist als eine Erklaerung zu einer Frage des 16. Jahrhunderts: ihr grosszuegiger Geist gibt uns Beispiele, wie “unsere Kirchen zu neuen Einsichten“ gekommen sind - sowohl ueber ihre eigene als auch die jeweils andere Tradition. In dieser Gemeinsamen Erklaerung erlaeutert eine Fussnote, dass das Wort “Kirche“ in dem Dokument so verwendet wird, dass es “das jeweilige Selbstverstaendnis der beteiligten Kirchen wieder[gibt], ohne alle damit verbundenen ekklesiologischen Fragen entscheiden zu wollen“. Auf diese Weise konnte der Dialog auf gleicher Augenhoehe gefuehrt werden (“par cum pari“). Der gegenseitige Respekt und die Zurueckhaltung eines solchen Ansatzes, die fuer die Gemeinsame Erklaerung so entscheidend sind, sind auch in den weiteren oekumenischen Beziehungen zwischen Kirchen hilfreich. Ohne diesen Ansatz entstehen Probleme nicht nur auf globaler Ebene, sondern auch in den Ortsgemeinden, wo PfarrerInnen und Glaubensgemeinschaften Beziehungen als echte oekumenische Partner entwickeln und sich bemuehen, Gott in ihrer Gemeinschaft treu zu dienen.

Lutherische Kirchen koennen das Kirchenverstaendnis und die Darstellung unserer gelebten Glaubenswirklichkeit, wie sie in den “Antworten“ beschrieben werden, nicht akzeptieren. Wir verstehen uns als Kirche im vollen Sinn, in der das Evangelium auf rechte Weise gepredigt und die Sakramente auf rechte Weise verwaltet werden. Gleichzeitig halten wir an unserer Verpflichtung zum oekumenischen Dialog fest, auch zum weiteren Gespraech mit unseren Partnern in der roemisch-katholischen Kirche. Wir verstehen christliche Einheit einerseits als Geschenk Gottes an den einen Leib Christi, andererseits aber auch als Aufgabe fuer das Volk Gottes. Wir werden uns weiterhin fuer unsere Vision der christlichen Einheit einsetzen, die Christus selbst gewollt und fuer die er gebetet hat.

Genf, 11. Juli 2007

Der Lutherische Weltbund (LWB) ist eine Gemeinschaft lutherischer Kirchen weltweit. 1947 in Lund (Schweden) gegruendet, zaehlt er inzwischen 140 Mitgliedskirchen, denen rund 66,7 Millionen ChristInnen in 78 Laendern weltweit angehoeren.


DER STELLVERTRETENDE ÖRK-GENERALSEKRETÄR KOMMENTIERT DAS AM DIENSTAG VERÖFFENTLICHTE DOKUMENT DER KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

"Jede Kirche ist als Kirche katholisch und nicht einfach ein Teil davon. Jede Kirche ist katholische Kirche, aber nicht deren Ganzheit. Jede Kirche vollzieht ihre Katholizität, indem sie in Gemeinschaft mit den anderen Kirchen steht."

Diese Erklärung der 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), die im Februar 2006 in Porto Alegre (Brasilien) stattfand, ist Ausdruck der gemeinsamen Anstrengungen der Gemeinschaft von 347 ÖRK-Mitgliedskirchen, ihre Einheit in Christus sichtbar zu machen.

An diese Erklärung zu erinnern, die in dem Dokument "Berufen, die eine Kirche zu sein: Eine Einladung an die Kirchen, ihre Verpflichtung zur Suche nach Einheit zu erneuern und ihren Dialog zu vertiefen" enthalten ist, scheint angemessen zu sein im Blick auf die "Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche", die heute von der Kongregation der römisch-katholischen Kirche für die Glaubenslehre veröffentlicht wurden.

Die 9. ÖRK-Vollversammlung bestätigte die "in der ökumenischen Bewegung erzielten Fortschritte" und ermutigte die Gemeinschaft der Mitgliedskirchen, "diesen beschwerlichen und dennoch freudigen Weg weiterzugehen, im Vertrauen auf Gott den Vater, Sohn und Heiligen Geist, dessen Gnade unser Ringen um Einheit in Früchte der Gemeinschaft verwandelt".

Im Verständnis der Vollversammlung wird "das ehrliche Miteinanderteilen von Gemeinsamkeiten, Divergenzen und Unterschieden allen Kirchen helfen, nach dem zu trachten, was zum Frieden beiträgt und das gemeinsame Leben auferbaut".

Wie bereits im Jahr 2000, als die Kongregation für die Glaubenslehre die Erklärung Dominus Iesus veröffentlichte, betont der Ökumenische Rat der Kirchen die Bedeutung eines echten ökumenischen Dialogs und des gemeinsamen christlichen Zeugnisses in den Fragen, die die Welt heute bewegen.

Georges Lemopoulos
Stellvertretender ÖRK-Generalsekretär


Vollständiger Wortlaut des Dokuments "Berufen, die eine Kirche zu sein"
-> hier