Evangelische Pfadfinder feiern 100-jähriges Bestehen der Bewegung

Nachricht 08. Juli 2007

Von Michael Grau (epd)

Hannover (epd). Seinen Fahrtennamen trägt Andreas Köster (19) mit Stolz. "Arcon" wird er bei den Pfadfindern genannt, erzählt er. Das erinnert nicht zufällig an einen Konstrukteur. "Jeder in unserer Gruppe hat seinen Platz gefunden", sagt Andreas, der zum Pfadfinder-Stamm "Silberkranich" in Medingen bei Uelzen gehört. "Und ich bin der Techniker, ich bastele gern an den Lagerbauten herum." Gemeinsam mit rund 200 anderen evangelischen Pfadfindern aus Niedersachsen ist er am Wochenende nach Hannover gekommen, um das 100-jährige Bestehen der Pfadfinder-Bewegung zu feiern.

Im Jahr 1907 lud der ehemalige General Sir Robert Baden-Powell (1857-1941) in Großbritannien erstmals 22 Jugendliche zu einem Pfadfinder-Zeltlager ein. Er rückte Wandern, Zelten und Musizieren in der Natur in den Mittelpunkt und setzte auf eine gemeinsame Tracht und auf gemeinnütziges Engagement unter dem Motto "Jeden Tag eine gute Tat". Das war damals neu: Jugendliche verließen ihre Eltern und Familien, um mit den schlichtesten Mitteln in Wäldern und Feldern zu übernachten. Am 1. August soll das Jubiläum in London international groß gefeiert werden.

Für den Jubiläumsgottesdienst in Hannover haben sich die Pfadfinder einen Ort ausgesucht, der zu ihnen passt: die Ruine der Aegidienkirche in der Innenstadt. Hier können sie unter freiem Himmel feiern und sind trotzdem in einer Kirche. Die dicken Mauern haben sie mit blauen Fahnen geschmückt, die das Symbol der Pfadfinder zeigen: die Lilie. In grauen Hemden, blauen Halstüchern und Wanderschuhen hocken sie zum Teil an Rucksäcke gelehnt auf Iso-Matten, um mitzusingen und zuzuhören.

Der Prediger an diesem Tag gibt sich selbst als ehemaliger Pfadfinder zu erkennen: Bremens Ex-Bürgermeister Henning Scherf. Allerdings habe er früher keine Kluft getragen: "Ich war ein Basisalternativer." Bei den Lagern der Pfadfinder könnten Jugendliche Gemeinschaft erleben und gute Erfahrungen machen, erläutert der Sozialdemokrat anhand einer Bibelstelle: "Aber dazu muss man raus aus der Bude." Am Schluss legt er seinen roten Schlips ab und bindet sich unter dem Beifall der Zuhörer ein blaues Halstuch um, das ihm die Pfadfinder geschenkt hatten.

Die Geschichte der Pfadfinder in Deutschland verlief nicht immer so harmonisch. Als die Hitler-Jugend um 1933 die Methoden der Pfadfinder kopierte, verloren die diese zahlreiche Mitglieder, bis sie 1937 schließlich ganz verboten wurden. Und bis heute setzen sich die Pfadfinder selbstkritisch mit ihren militärischen Wurzeln auseinander, die von General Baden-Powell herrühren, sagt der Geschäftsführer des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder in Hannover, Wilfried Duckstein.

"Wir haben einige autoritäre Methoden über Bord geworfen", erläutert Duckstein. So gibt es in seinem Verband keine Prüfungen mehr, und die Mädchen sind gleichberechtigt. Die Pfadfinder verstünden sich heute als Friedensbewegung. Das sieht auch Andreas Krüger alias "arcon" so: "Pfadfinder sein bedeutet, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und sich aufeinander zu verlassen." Und das prägt, ergänzt seine Kameradin Olga (20) aus Hehlen bei Hameln: "Einmal Pfadfinder, immer Pfadfinder."

(epd Niedersachsen-Bremen/b1977/08.07.07)
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Das aktuelle Stichwort: Pfadfinder

Hannover (epd). Die Pfadfinder sind eine internationale Jugendbewegung, die vor 100 Jahren in Großbritannien gegründet wurde. Im Mittelpunkt stehen gemeinsames Wandern, Zelten und Musizieren in der freien Natur, internationale Begegnungen, eine gemeinsame Tracht und gemeinnütziges Engagement unter dem Motto "Jeden Tag eine gute Tat". Zum ersten Pfadfinder-Zeltlager im Jahr 1907 versammelte der ehemalige englische General Sir Robert Baden-Powell (1857-1941) 22 Jugendliche.

Heute sind die Pfadfinder zu einer weltweiten Bewegung mit mehr als 38 Millionen Kinder und Jugendliche aus 216 Ländern angewachsen. In Deutschland gibt es rund 260.000 Pfadfinder. Hier entstanden bereits 1909 die ersten Pfadfinder-Gruppen, oft nach Geschlecht und Konfession getrennt. Sie wurden beeinflusst durch Impulse aus der "Bündischen Jugend" und der Wandervogel-Bewegung, die sich zeitgleich ausbreiteten. In vielen Gruppen verband sich der christliche Glaube mit Elementen der Jugendbewegung wie gemeinsamen Fahrten und großer Naturverbundenheit.

Nachdem die Pfadfinder unter den Nationalsozialisten verboten waren, formierte sich die Bewegung nach 1945 neu, zerfiel aber zugleich in eine Vielzahl von Bünden. Vom weltweiten Pfadfinder-Verband anerkannt sind der evangelische "Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder" (VCP) mit 47.000 Mitgliedern, die katholische "Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg" (DPSG) mit 95.000 Mitgliedern sowie der nichtkonfessionelle "Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder" (BdP) mit 58.000 Mitgliedern.

Hinzu kommen mehr als 140 kleinere Pfadfinderbünde, die vom Weltverband nicht anerkannt sind. Die internationale Pfadfinder-Bewegung wird ihr 100-jähriges Bestehen am 1. August mit einem Welttreffen in der Nähe von London feiern. Dazu werden rund 60.000 Teilnehmer erwartet.

(epd Niedersachsen-Bremen/b1978/08.07.07)
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