Falscher Mordverdacht: Pfarrerssohn erhält Schadenersatz

Nachricht 19. Juni 2007

Celle/Nienburg (epd). Das Land Niedersachsen muss einem 23-jährigen Pfarrerssohn aus Nienburg 7.500 Euro Schmerzensgeld zahlen, weil die Polizei ihn zu Unrecht des Mordes verdächtigte. Die Strafverfolgungsbehörde habe durch ein Internet-Forum zu dem Mordfall eine "schwerwiegende und nicht zu rechtfertigende Persönlichkeitsverletzung begangen", urteilte das Oberlandesgericht Celle am Dienstag (Az.: 16 U 2/07). In dem Internet-Forum war von Juli bis August 2001 offen über den verdächtigten Pfarrerssohn diskutiert worden.

Zwar sei es grundsätzlich zulässig, dass Medien zur Fahndung genutzt werden, heißt es in dem Urteil. Jedoch dürften die Hinweise nicht öffentlich zur Verfügung gestellt werden. Auch dürfe bei einer solchen Straftat kein Forum zum Meinungsaustausch eröffnet werden. Das Gericht stimmte der Einschätzung des Klägers zu, dass die Behörden ihn an einen "virtuellen Pranger" gestellt hätten. Der wirkliche Täter sitzt inzwischen lebenslang in Haft.

Der Pfarrerssohn war im Juni 2001 ins Visier der Fahnder geraten, als im damaligen Wohnort der Familie in Föhrste bei Alfeld eine Nachbarin brutal ermordet wurde. Der damals gerade 17-Jährige konnte beschreiben, dass die 81-jährige Rentnerin zur Tatzeit Besuch von einem kräftigen Mann erhalten habe. Doch die Polizei glaubte ihm nicht. Stattdessen richtete sich der Verdacht durch Hinweise aus dem Dorf gegen ihn selbst. Fast fünf Jahre habe ihn die Polizei immer wieder vernommen und angerufen, sagte sein Vater, der evangelische Pastor Heinrich Schulze, dem epd.

Anfang 2006 gestand schließlich der wahre Täter den Mord, ein 140 Kilogramm schwerer Mann aus der Nachbarschaft. Er wurde vom Landgericht Hildesheim zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt. Die Entwicklung seines Sohnes sei durch den falschen Verdacht "massiv gestört und zurückgeworfen worden", sagte Pastor Schulze: "Er wurde völlig aus der Bahn geschleudert. Es waren nicht nur fünf geraubte Jahre, sondern es belastet ihn weiter." Im Dorf habe er sich nicht mehr auf die Straße getraut. Die Menschen hätten sich weggedreht.

Zu dem Internet-Forum sagte Schulze: "Das war eine reine Hexenjagd gegen uns." Weil die Familie den Druck nicht mehr aushielt, ließ sich der Pastor nach Nienburg versetzen. Der Sohn, der in Goslar eine Ausbildung zum Bürokaufmann absolviert, sei einmal psychisch zusammengebrochen. Mit dem Gerichtsurteil zeigte sich Pastor Schulze zufrieden. "Unser Vertrauen in den Rechtsstaat kann wieder wachsen."

(epd Niedersachsen-Bremen/b1731/19.06.07)
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