"Wir fordern die Entschuldung der armen Länder"

Nachricht 23. Mai 2007

Kirchlicher Aktionstag in Göttingen zum G-8-Gipfeltreffen

Von Reimar Paul (epd)

Göttingen (epd). Zwei Dudelsackspieler versuchen mit schottischer Musik Leute anzulocken, doch viele Passanten bleiben zunächst nicht vor dem zur Bühne umgebauten Lastwagenanhänger stehen. "Erlassjahr.de" steht auf einem großen Transparent. Die Schulden der armen Länder und die Forderung nach Schuldenerlass sind das Thema beim kirchlichen Aktionstag am Mittwoch in Göttingen zum bevorstehenden G-8-Gipfel.

"Wir sind nicht einfach gegen das Gipfeltreffen", sagt Cornelia Johnsdorf. Sie vertritt die hannoversche Landeskirche im bundesweiten Bündnis "Erlassjahr.de". "Wir stellen aber konkrete Forderungen an die Staats- und Regierungschefs der reichen Länder, und eine der Forderungen ist die Entschuldung der armen Länder." Sehr viele Staaten litten dauerhaft unter einer hohen Schuldenlast.

Es gehe dabei vor allem um den Erlass "illegitimer Schulden", meint Matthias Woiwode, der für das katholische Bistum Hildesheim bei "Erlassjahr.de" mitarbeitet – um Kredite beispielsweise, die vor Jahrzehnten von Diktatoren aufgenommen wurden, die damit ihre Herrschaft abgesichert hätten.

Der Kenianer Vitalice Meja vom afrikanischen Entschuldungsnetzwerk "Afroad" schildert, was das am Beispiel seines Kontinents konkret bedeutet: Viele der von den USA, Japan oder Europa gewährten Kredite seien nur den Machthabern und einer Elite in den Städten zugute gekommen. Die Mehrheit der Bevölkerung habe von dem Geld nichts gehabt. Alle Schulden Afrikas sollten auf Eis gelegt, die bis jetzt zugesagte Hilfe noch einmal verdoppelt werden, verlangt Meja.

Vor der Innenstadtkirche St. Jacobi und auf dem Marktplatz sammeln Mitglieder von Dritte-Welt-Gruppen Unterschriften auf riesigen roten Luftballons für einen Schuldenerlass. Zur Großdemonstration gegen den G-8-Gipfel am 2. Juni in Rostock will die Kampagne "erlassjahr.de" 1.000 solcher Ballons mit insgesamt 100.000 Unterschriften mitbringen. Mobile Schuhputzer-Trupps bieten in der Göttinger Fußgängerzone ihre Dienste an. Und vor dem Gänseliesel, dem Wahrzeichen der Stadt, "verrauchen" Schulden symbolisch in einem Vulkan aus Pappmaché und Stoffresten.

Für viele Kirchenmitglieder sei das Thema Entschuldung "nicht von vornherein eine Herzensangelegenheit", räumt der Göttinger Pfarrer Bernd Langer ein: "Viele sagen, ich hab selber Schulden, und wer entschuldet mich?" Doch er betont: "Wenn man andererseits als Kirche gar nichts tut, dann hinkt man den christlichen Werten hinterher."

(epd Niedersachsen-Bremen/b1401/23.05.07)
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