Predigt der Landesbischöfin zur Unterzeichnung der "Charta Oecumenica"

Nachricht 13. Mai 2007

Marktkirche Hannover, 13. Mai 2007

Liebe Gemeinde,

ein Pastor aus dem Pazifik sagte mir einmal: „Weißt du, auf unserer Insel leben wir in sehr dichter Gemeinschaft. Nur sonntags, da müssen wir uns trennen. Da gehen die einen in die katholische, die anderen in die lutherische und wieder andere in die baptistische Kirche. Da habt ihr etwas angerichtet in Europa!“

Ja, in der Tat: die Spaltung der einen Kirche Jesu Christi ging von Europa aus. 1054 die große Teilung zwischen Ost- und Westkirche, die Reformation im 16. Jahrhundert, die Trennungen innerhalb der Kirchen der Reformation, die Trennung der alt-katholischen von der römisch-katholischen Kirche. Das ist eine Geschichte des Versagens an der biblischen Verheißung, die wir – wie jedes Versagen von uns Menschen - nur vor Gott bekennen und ihn um Vergebung bitten können.

An dieser Geschichte können wir aber auch erkennen, wie Gottes Geist mitten unter uns wirkt. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts entstand die ökumenische Bewegung. Gerade die Missionare in Übersee empfanden es als Anfechtung ihrer Verkündigung, dass sie die Spaltung sozusagen exportierten. Mit der Weltmissionskonferenz in Edinburg 1910 entwickelte sich eine Bewegung, die entschlossen war, das Gemeinsame zu stärken, weil Christinnen und Christen erkannten: Uns verbindet viel mehr als uns trennt.

Ich kann nun in einer Predigt nicht die Geschichte der ökumenischen Bewegung schildern. Das aber muss gesagt sein: wir dürfen zutiefst dankbar sein über das, was sich entwickelt hat. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg galt die Ehe zwischen einem Protestanten und einer Katholikin als hochproblematisch! Noch vor wenigen Jahrzehnten gab es fast keine Kontakte zwischen Evangelischen und Orthodoxen. Es wurde einander abgesprochen, Kirche zu sein. Wir haben gewiss nicht alle Hürden überwunden. Und manches Mal packt mich auch die ökumenische Ungeduld angesichts all der vielen Gespräche, die so zäh und mühsam erscheinen. Aber wir sind miteinander auf dem Weg. Ich fühle mich doch einem anderen Christen viel verbundener als Menschen anderen Glaubens oder ohne Glauben. Wir beten zum selben Gott, wir lesen dieselbe Bibel, singen dieselben Lieder und stehen in derselben Tradition.

Wir wissen, dass wir einen Herrn haben, einen Glauben, eine Taufe, wie es der Epheserbrief ausdrückt. Und dieses Wissen wird immer wieder auf bewegende Weise spürbar. Erst am 29. April wurde in Magdeburg von elf Kirchen die wechselseitige Taufanerkennung gefeiert. Das ist ja die Basis aller Ökumene: wir sind getauft auf SEINEN Namen. Wir sind einander verbunden, weil wir je einzeln Jesus Christus verbunden sind, weil er denen, die ihn aufnehmen die Macht gibt, Gottes Kinder zu werden – so haben wir es eben aus dem Johannesevangelium gehört. Deshalb freuen wir uns, wie es im Magdeburger Dokument heißt, „über jeden Menschen, der sich taufen lässt“.

Jesus Christus verbindet uns. Er ist das Wort Gottes, das in die Welt kam. Als der Rat der EKD vor wenigen Wochen in Israel war, sagte Bischof Huber, dies sei das Land, in dem Gottes Fuß die Erde berührt habe. Das hat mich sehr bewegt. Das Johannesevangelium macht das in seinen ersten Versen eindringlich klar: Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Gott ist nicht ferne geblieben, sondern nahe geworden. Gott hat die Erde nicht unberührt gelassen und uns Menschen nicht in der Finsternis. Wir stehen im Licht von Ostern, dem Licht der Hoffnung auf die Auferstehung. Gott ist unsere Zuversicht, in guten und in schweren Tagen bis an der Welt Ende, ja über diese Welt hinaus.

Das feiern wir als Christinnen und Christen bei jedem Gottesdienst, zu dem wir zusammen kommen, mit jedem Lied zum Lobe Gottes, das wir singen und jedem Gebet, das wir sprechen. Das feiern wir als einzelne, als Gemeinden, als Kirchen und in ökumenischer Gemeinschaft. Jeder Gottesdienst ist ein Fest, eine Feier, eine Zeitansage: Das Licht scheint in der Finsternis.

Aber auch der Satz bleibt wahr und bitter: Die Finsternis hat es nicht ergriffen. Viele Menschen in Europa meinen, ohne Gott leben zu können. Ja, viele wissen sogar nicht mehr, dass sie überhaupt nach Gott fragen könnten. Umso wichtiger ist, dass wir als Kirchen gemeinsam von Gott sprechen, vom Licht, das in die Finsternis kam. Vom Licht, das auf alle scheint.

Das werden wir tun in Hermannstadt bzw. Sibiu im September dieses Jahres. Das Leitwort dieser Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung lautet: „Das Licht Christi scheint auf alle“. Manche haben gefragt: ist das nicht anmaßend? Ist das nicht eine Vereinnahmung all derer, die nicht glauben oder einen anderen Glauben haben? Ich denke nicht. Wir glauben, dass Jesus Christus in die Welt kam, um die Menschen zu retten aus ihrer Gefangenschaft in Egoismus, Angst und Tod. Davon haben wir zu reden und Zeugnis abzulegen. Christinnen und Christen, die verstummen, die nicht mehr von ihrem Glauben reden, werden unglaubwürdig. Deshalb ist entscheidend, dass die Charta Oecumenica uns auffordert, „Gemeinsam das Evangelium zu verkündigen“. Vom Evangelium her sind wir auf dem Weg zur sichtbaren Einheit der Kirche. Die Einheit schaffen wir nicht selbst, sondern sie ist uns schon vorgegeben, sie ist uns geschenkt.

Aber sie ist uns auch aufgegeben als Verpflichtung, wir sind „Gemeinsam zur Einheit im Glauben berufen. Wir glauben die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.“ Damit sagt die Charta, dass wir auch um diese Einheit ringen müssen. Eine Kirche, die leugnet, dass Ökumene eine Auftrag für sie sei, stellt somit ihr Kirche-Sein in Frage. Katholisch meint nicht römisch-katholisch als Kennzeichnung einer Kirche, sondern „allgemein, umfassend“. Eine Kirche, die evangeliumsgemäß glaubt, sieht die Einheit der Kirche, die Gemeinschaft der Kirchen, die Versöhnung der Verschiedenheit als ihre Aufgabe. Als lutherische Kirche sagen wir nach dem Augsburger Bekenntnis sogar, es genügt für die Einheit der Kirche, dass das Evangelium recht verkündigt und die Sakramente, die Taufe und das Abendmahl, evangeliumsgemäß ausgeteilt werden.

Wie wir diesen Auftrag wahrnehmen, den einen Herrn gemeinsam zu bekennen, auch das gibt uns die Charta auf den Weg: „Aufeinander zugehen“, und: „Gemeinsam handeln.“ Damit ist deutlich, wie wir miteinander Zeugnis abgeben können. Unsere Trennungen stehen unserem Ruf an die Welt zu mehr Einheit oft im Weg. In Edinburgh 1910 entstanden zwei Bewegungen: diejenige für „Glauben und Kirchenverfassung“, die den Weg zur Einheit durch eine Annäherung in den trennenden theologischen Fragen sucht und diejenige für „Praktisches Christentum“, die durch gemeinsames Handeln die Einheit gestalten will. Viele Menschen haben sich in diesen Bewegungen engagiert. Und trotz aller Rückschläge und Enttäuschungen haben sie Früchte getragen.

Das sehen wir auch heute in diesem Gottesdienst, in dem die unterschiedlichen Kirchen beieinander zu sehen sind, in Eintracht statt in Zwietracht. Ja, Unterschiede werden bleiben. Unser Amtsverständnis unterscheidet sich, unser Kirchenverständnis ist verschieden und deshalb, das ist der größte Schmerz der ökumenischen Bewegung, können wir nicht miteinander Abendmahl bzw. Eucharistie feiern. Aber das muss uns zumindest schmerzen! Das dürfen wir nicht einfach zu den Akten legen nach dem Motto: Da kann man halt nichts machen. Nein, es muss uns umtreiben, dass uns die Einheit vorgegeben ist: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe! Wenn wir am Tisch des Herrn Gemeinschaft feiern, dann sind wir Seine Kirche. Dann sind wir in Einheit mit denen, die feiern an allen Orten, mit denen, die vor uns gefeiert haben und denen, die nach uns Brot und Wein teilen werden zu seinem Gedächtnis. Und dann sind wir in Communio mit dem Licht der Welt, mit dem Wort, das in die Welt kam, mit dem auferstandenen Christus.

Ja, und wir müssen die „Dialoge fortsetzen auf dem Weg zur sichtbaren Einheit der Kirchen in Europa“. Die These auf dem Banner 6 hört sich so banal an. Aber wir wissen doch, wie heftig die Krisen sind, auch in Europa. Denken wir an Nordirland, wo der Konflikt um das Verhältnis zu Großbritannien unter dem Label „Katholiken – Protestanten“ geführt wird. Wer einmal in Belfast die martialischen Zeichnungen an Häuserwänden gesehen hat, nimmt mit Schrecken wahr, wie viel Hass da entstehen kann. Gott sei Dank scheinen die Konflikte jetzt von der Straße in das Parlament überzugehen. Denken wir an den Krieg im ehemaligen Jugoslawien: Auf einmal ging es um katholische Kroaten, orthodoxe Serben und muslimische Bosnier. In der Ukraine tobt ein Konflikt zwischen der orthodoxen Kirche und der griechisch-katholischen. Wenn wir als Kirchen zum Frieden in der Welt beitragen wollen, dann müssen wir konsequent den Weg der ökumenischen Verständigung gehen!

„Miteinander beten“ sagt das fünfte Banner. Gerade am Sonntag Rogate, Betet, ist das ein wichtiges Signal. Mich berührt oft, wenn ich bei internationalen ökumenischen Versammlungen bin, und es heißt, wir beten das Vaterunser jeder und jede in der eigenen Muttersprache, wie dann ein Gemurmel entsteht, das verwirrend, ja beängstigend klingen könnte, wenn wir nicht wüssten, wir sprechen alle das Gebet, das Jesus selbst uns gelehrt hat. Wir können miteinander beten über alle nationalen und kulturellen Grenzen hinweg. Und Jesus selbst, so berichtet das Johannesevangelium, hat gebetet, dass wir alle eins seien.

Die Banner 5 bis 12 zeigen, dass die Charta Oecumenica nicht bei innerkirchlichen Fragen stehen bleibt. Sie sieht sich Europa, der Welt, der Schöpfung, dem Dialog mit den anderen Religionen und Weltanschauungen verpflichtet. Kirche ist ja nicht Kirche für sich, sondern Kirche für andere, da geht es um Verantwortung für die Welt.

Das wurde bereits sichtbar in der Ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Basel 1989. Die Themen „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ standen im Zentrum. Und in der Tat, zum friedlichen Wandel in Europa haben die Kirchen 1989 Erhebliches beigetragen, der Ruf „Keine Gewalt“ hallte aus den Kirchen im Herbst 1989 auf die Straßen von Leipzig, Dresden und Ostberlin. Die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung 1997 in Graz hatte das Motto „Versöhnung – Gabe Gottes und Quelle neuen Lebens“, das angesichts der Kriege in Jugoslawien zur besonderen Herausforderung wurde. Aus dieser Bewegung heraus entstand 2001 die “Charta Oecumenica“ mit Leitlinien für die Zusammenarbeit der Kirchen in Europa als gegenseitige Verpflichtung und Ruf zu einem erkennbaren und glaubwürdigen Miteinander.

Wenn wir diesen Text heute in Niedersachsen unterzeichnen als Repräsentantinnen und Repräsentanten von 23 verschiedenen Kirchen, dann ist das ein Akt, durch den wir uns in den europäischen ökumenischen Kontext stellen und deutlich machen: wir hier in unserem Bundesland stehen als Kirchen zueinander. In allen Differenzen verkündigen wir denselben Christus, das Wort Gottes, das Fleisch wurde. Wir respektieren einander in unserer Verschiedenheit. Und wir wollen durch unser Miteinander beitragen zum Zeugnis des einen Herrn und des einen Glaubens.

Ich habe das in Niedersachsen immer als Realität erlebt. Anfangs meinte ja mancher, eine evangelische Bischöfin werde kein katholischer Bischof akzeptieren. Und ein orthodoxer Priester reiche ihr schon gar nicht die Hand. Die evangelischen Kirchen bei uns stünden zu dem in so großer Spannung, da heißt es oft, die große hannoversche, die dränge doch die kleinen an die Seite. Wie ich mit den Freikirchen überhaupt reden könne, fragen andere. Das alles habe ich persönlich ganz anders erlebt. Da gab es Offenheit füreinander, Zuwendung als Schwestern und Brüder und das nicht nur in offiziellem Kontext. Das ist eine gelebte Ökumene mit Respekt füreinander, für die ich dankbar bin. Und die wir heute wirklich feiern dürfen. Denn unsere Gemeinden, das erfahre ich bei vielen Besuchen, leben mit großem Engagement Ökumene vor Ort.

Das wird in Zukunft auch eine immer gewichtigere Aufgabe sein. Zum einen um eines glaubwürdigen Zeugnisses willen. Zum anderen um des Engagements in der Welt willen. Auch wegen des so notwendigen Dialogs mit anderen Religionen, wie ihn die Charta fordert. Und auch angesichts mancher Bedrängnis, in der beispielsweise die eine Kirche ihr Gotteshaus der anderen zum Gottesdienst zur Verfügung stellt.

Das Licht Christi scheint auf alle. Ja, Gott kam in die Welt, das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet. Mitten in der Finsternis, mitten in unserer Angst, mitten in unserem Versagen und in Zweifeln ist Gott da. Mitten unter uns ist Gottes Wort. Davon haben wir gemeinsam zu reden. Und das macht Mut, das macht Hoffnung, das gibt Menschen Orientierung in ihrer Suche nach Sinn. Legen wir also von Gottes Licht gemeinsam Zeugnis ab in unserer manchmal so dunklen Welt. Wir dürfen miteinander Gottesdienst feiern. Wir sind Kirchen in aller Verschiedenheit, aber miteinander auf dem Weg der Nachfolge. Gott sei Dank! Amen.