"Sei nahe in schweren Zeiten" - Margot Käßmann zwischen persönlicher Krise und Bischofsalltag

Nachricht 13. Mai 2007

Von Ulrike Millhahn (epd)

Hannover/Uelzen (epd). Margot Käßmanns Terminkalender ist voll wie immer. Sie selbst hätte am liebsten eine Auszeit genommen, nachdem sie am vergangenen Donnerstag ihre bevorstehende Ehescheidung angekündigt hatte, berichten Vertraute der hannoverschen Landesbischöfin. Doch ihr Pflichtgefühl gehe vor. Und so erfüllt sie die meisten ihrer langfristig geplanten Termine. Bestenfalls kann sie etwas kürzer treten. Gegenüber den Medien, in denen Käßmann sonst stets präsent ist, gibt sie sich zurückhaltend. Persönliche Interviews lehnt sie ab.

Als am Freitag das Ende ihrer Ehe in den Morgenblättern Schlagzeilen machte, war die Bischöfin der größten evangelischen Landeskirche Deutschlands schon wieder dienstlich unterwegs. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) trat turnusmäßig zusammen: zwei Tage Sitzungsmarathon. Am Nachmittag verlieh sie den kirchlichen Internetpreis "Webfish". Als Vorsitzende der Jury wollte sie die Preisträger, die aus ganz Deutschland angereist waren, nicht enttäuschen.

Am Samstagnachmittag dann ein lange geplanter Besuch in der kleinen Gemeinde Oldenstadt bei Uelzen. Käßmann weiß, wie wichtig es gerade für die 1.400 Gemeinden zwischen Nordsee und Harz ist, ihre Bischöfin zu Gast zu haben. In der kleinen mehr als 1.000 Jahre alten Kirche erinnert sich Margot Käßmann: "Es scheint so, als wenn ich in den schwierigen Situationen meines Lebens in dieser Region bin."

Vor neun Monaten hielt die Mutter von vier Töchtern im Nachbarort Groß Liedern die letzte Predigt vor ihrer Brustkrebsoperation. Auch da kam eine Absage für sie nicht in Frage. Vor 60 Gemeindemitgliedern schildert sie, wie sehr sie damals das gemeinsame Kirchenlied "Bewahre uns Gott, behüte uns Gott, sei nahe in schweren Zeiten" gestärkt habe und bittet darum, es jetzt noch einmal mit ihr zu singen.

Mehrere Frauen aus der Gemeinde gehen anschließend auf die Bischöfin zu, wünschen ihr Kraft und Zuversicht. Einige erzählen kurz von eigenen Scheidungserfahrungen. Käßmann freut sich über jedes Zeichen des Mitgefühls, aber sie weiß auch, wie schwer es für viele Kirchenmitglieder ist, ihre Entscheidung zu akzeptieren.

Die kritischen Stimmen, die laut geworden sind, lassen die Bischöfin nicht kalt, auch wenn sie damit gerechnet hat, heißt es aus dem Umfeld der 48-Jährigen. Unter den vielen E-Mails, die in Käßmanns Kanzlei eintreffen, gehen einige hart mit ihrer Entscheidung ins Gericht. Viele Protestanten sind betroffen. Bei den meisten Reaktionen überwiegt aber Verständnis.

Auch am Sonntag steht Margot Käßmann in der hannoverschen Marktkirche auf der Kanzel. Sie predigt in einem lange geplanten Gottesdienst mit ökumenischer Prominenz. "Sie versucht, ihre Gefühle mit ihren Töchtern und Freundinnen und Freunden zu bewältigen", sagt eine Vertraute der Bischöfin: "Das Letzte, was sie will, ist, ihre Kirche mit ihrer persönlichen Lebenskrise zu belasten."

(05473/13.5.2007)
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