"Die Herzen hinken noch etwas hinterher"

Nachricht 06. Mai 2007

Gemeinde entwidmet feierlich Kirche, die künftig Synagoge wird

Von Ulrike Millhahn (epd)

Hannover (epd). Als letzten Akt schließt Gemeindepastorin Sigrid Lampe-Demsky von außen die Kirchentür ab. Viele Frauen und Männer schauen mit Tränen in den Augen zu, vereinzelt ist auch ein Schluchzen zu hören, als die Glocken ein letztes Mal läuten. "Von nun an ist diese Gustav-Adolf-Kirche nicht mehr dem christlichen Gottesdienst gewidmet", hatte die hannoversche Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann wenige Minuten zuvor zum Abschluss des Gottesdienstes gesagt: "So Gott will, wird diese Kirche in Zukunft eine Synagoge werden."

Die Gustav-Adolf-Kirche im Norden Hannovers ist nach Angaben der evangelischen Landeskirche die erste Kirche in Deutschland, die zu einer Synagoge umgebaut wird. Die Vorverträge sind bereits geschlossen. Ende des Jahres will die Liberale Jüdische Gemeinde die Kirche dann für 350.000 Euro kaufen.

Am Sonntag wurde die Kirche in einer feierlichen Zeremonie entwidmet. Gemeindemitglieder trugen alle christlichen Symbole wie Bibel, Taufschale und Kerzen unter Gebeten und Segen aus der Kirche. Für die 72-jährige Margit Drösemeier und den 85-jährigen Hans-Heinrich Thiel ist dies ein ganz besonderer Moment. Sie haben vor vierzig Jahren den Brotteller und den Kelch für das Abendmahl in die neue Kirche gebracht. Jetzt tragen sie beides wieder hinaus.

Von den damals 3.400 Gemeindemitgliedern sind heute 1.300 übrig geblieben. Im Lauf der Jahrzehnte zogen zu viele aus der ehemaligen "Colonie" der Eisenbahner im Stadtteil Leinhausen weg, sagt Ingrid Spieckermann in ihrer Predigt: "Es kommen zu wenige nach und die gehören oft anderen Konfessionen oder Religionen an, wenn überhaupt."

Bereits seit Ende der 90er Jahre wird deshalb intensiv über einen Verkauf diskutiert. Anfang 2006 haben sich die Leinhäuser wieder mit ihrer ehemaligen Muttergemeinde im nur einem Kilometer entfernten Herrenhausen zusammengetan. "Es ist heute ein schwerer und trauriger Tag für uns alle", sagt Kirchenvorsteherin Susanne Streich. "Unsere Herzen hinken noch etwas hinterher, und wir brauchen Zeit zum Trauern."

Doch anders als in Bielefeld, wo Kirchenmitglieder ihre Kirche besetzt haben, um gegen den Verkauf an die Jüdische Kultusgemeinde zu protestieren, sind die Leinhäuser dankbar, dass die Kirche ein gottesdienstlicher Raum bleibt: "So segne Gott den Eingang unserer jüdischen Geschwister, wenn sie hier ihren Gottesdienst feiern werden", sagt Spieckermann zum Abschluss.

Die Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde, Ingrid Wettberg, nimmt auf Einladung der Gustav-Adolf-Gemeinde auch am Gottesdienst teil. Anschließend kündigt sie in einem Grußwort an, dass die jüdische Gemeinde ein offenes liberal-jüdisches Kultur- und Bildungszentrum errichten will. Eine wichtige Aufgabe werde sein, über Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit aufzuklären: "Lassen Sie uns zusammenarbeiten für eine tolerante und gerechte Gestaltung des gesellschaftlichen und religiösen Zusammenlebens in dieser Stadt und darüber hinaus."

(epd Niedersachsen-Bremen/b1210/06.05.07)
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