Rund 700 gedenken der Befreiung des Lagers Bergen-Belsen

Nachricht 15. April 2007

Bergen-Belsen/Kr. Celle (epd). Bei einer Gedenkveranstaltung im niedersächsischen Bergen-Belsen haben am Sonntag rund 700 Menschen an die Befreiung des Konzentrationslagers in dem Heideort vor 62 Jahren erinnert. Redner kritisierten dabei scharf, wie der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) die Rolle seines Vorgängers Hans Filbinger während der NS-Zeit dargestellt hat. Oettinger habe den Schuldigen Absolution erteilt, sagte der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Michael Fürst.

Fürst forderte Oettinger dazu auf, sich von Gedenkveranstaltungen an die Opfer des Nationalsozialismus fern zu halten. "Lassen Sie die gedenken, die es ehrlich meinen", sagte er. Oettingers Rede über Filbinger, der zur NS-Zeit Marinejurist war, "ist Wasser auf die Mühlen der Alt- und Neonazis", sagte Fürst. Er warf Oettinger Geschichtsklitterung und "rechts-populistischen Unsinn" vor. Der Vorsitzende des Niedersächsischen Verbandes der Sinti und Roma, Manfred Böhmer, kritisierte: "Es werden Wunden aufgerissen. Unsere Toten werden beleidigt."

Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) forderte dazu auf, die Opfer des Nationalsozialismus beim Namen zu nennen. Sie dürften nicht vergessen werden. "Im Konzentrationslager wollten die Nationalsozialisten die Häftlinge bewusst entwürdigen, indem sie ihnen die Namen entzogen und sie auf Nummern reduzierten", sagte Busemann.

In Bergen-Belsen sei es gelungen, die Namen von 55.000 der rund 120.000 Häftlinge des Konzentrationslagers zu ermitteln. Von den 50.000 Ermordeten, die auf dem Gelände des ehemaligen Lagers in Massengräbern liegen, seien nur rund 10.000 Namen bekannt, sagte Busemann weiter. In einem neuen Ausstellungsgebäude, das im Herbst eröffnet werde, solle ebenso wie mit einem "Ort der Namen" auf der Gedenkstätte individuell an die Opfer erinnert werden, kündigte Busemann an.

Der frühere Erzbischof von Paris, Kardinal Jean-Marie Lustiger, sieht in dem Entzug der Individualität und des Namens ein Kennzeichen des Nationalsozialismus und des Völkermordes. "Die Nazi-Ideologie ist fasziniert vom kollektiven Schicksal der Völker und Rassen", sagte Lustiger laut einem verlesenen Redetext. Der 80-Jährige hatte wegen einer Erkrankung seine Teilnahme an der Gedenkfeier kurzfristig abgesagt. "Jeden Einzelnen in seinem Gegenübersein beim Namen zu nennen, ist für den Nazismus die schlimmste der jüdischen Erfindungen", hieß es in seiner Rede.
(epd Niedersachsen-Bremen/b0986/15.04.07

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