Kunst-Krimi hält Kirchengemeinde in Atem

Nachricht 30. März 2007

Sammler verlangt 70.000 Euro für wieder aufgetauchte Bronze-Figur

Von Michael Grau (epd)

Hildesheim (epd). Ein Kunst-Krimi hält die evangelische St.-Michaelis-Gemeinde in Hildesheim in Atem: Nach Jahrzehnten ist eine verschwundene Bronze-Putte wieder aufgetaucht, eine Trägerfigur eines kostbaren Taufbeckens aus dem Jahr 1608 - einem Engel ähnlich, aber ohne Flügel. Ein Sammler aus dem Rheinland, der seinen Namen nicht öffentlich nennen möchte, verlangt 70.000 Euro dafür. Die Gemeinde will jedoch einen solchen Preis nicht zahlen: "Zumal das Stück nach gefühltem Rechtsverständnis uns gehört", sagt der Kirchenvorstands-Vorsitzende Jens Kotlenga.

Die Gemeinde geht davon aus, dass die Putte im Dezember 1975 oder im Januar 1976 aus der heute zum Weltkulturerbe zählenden St.-Michaelis-Kirche gestohlen wurde. Der damalige Küster Manfred Busch kann sich noch genau an die Situation erinnern, als der Verlust entdeckt wurde: Sein Sohn sei in der Kirche versehentlich gegen das Taufbecken gestoßen, das daraufhin gekippt sei. "Da haben wir gesehen, dass ein Fuß fehlte."

Buschs Erklärung: Zwei Täter müssen die Trägerfigur, eine von vieren, aus der dunklen Kirche entwendet haben. Einer hob das Becken an, der andere zog den schweren Fuß heraus. "Einer allein kann das nicht gemacht haben." Die Gemeinde verständigte die Polizei, die Figur blieb aber unauffindbar. Schließlich ließ der Kirchenvorstand einen Nachguss anfertigen.

Der Sammler aus der Nähe von Köln bezweifelt diese Version jedoch: "Das Taufbecken wiegt zwei Tonnen. Da braucht man mindestens einen Kran, um das hochzuheben." Er hat eine andere Erklärung: Das Becken sei vermutlich bei der Bombardierung Hildesheims am 22. März 1945 umgestürzt, als auch die St.-Michaelis-Kirche schwer getroffen wurde. Unbekannte hätten dann in den Kriegswirren die Bronze-Putte mitgehen lassen.

Er selbst habe die Figur Anfang der 1980er Jahre auf einem Dortmunder Antik-Markt erworben. Durch aufwendige Recherchen in Köln, Aachen, Wien und Süddeutschland habe er herausgefunden, dass die Figur aus Hildesheim stamme. Der genannte Preis entspreche dem üblichen Sammlerwert. Und dass er an der Sache auch etwas verdienen wolle, sei völlig in Ordnung: "Schließlich habe ich die Figur für die Kirche wiedergefunden."

Der Kirchenvorstand aber ist misstrauisch, weil die Putte nach fast genau 30 Jahren wieder aufgetaucht sei. Damit hätte sich ein Dieb die Beute "ersessen", sagt Jens Kotlenga. Er meldete die Sache der Polizei, und die Staatsanwaltschaft Aachen versuchte daraufhin, die Bronze-Putte zu beschlagnahmen. Der Sammler pochte jedoch erfolgreich darauf, dass er die Figur "in gutem Glauben" gekauft habe. Somit gehöre sie nach Ablauf von acht Jahren ihm.

Der 46-Jährige, im Hauptberuf Bildhauer und Antiquitäten-Händler, zeigt sich verärgert über die Kirche: "Sie haben mir die Polizei auf den Hals gehetzt und mir Hehlerei unterstellt." Die Figur müsse unbedingt wieder an ihren historischen Ort, betont er: "Man kann über alles reden." Für einen guten Preis würde er die Putte jedoch auch in andere Hände geben. Auch Kotlenga hätte das Stück eigentlich gern zurück. "Wir sind auch bereit, eine Verwaltungsgebühr zu zahlen", sagt er, "aber keine 70.000 Euro."

(epd Niedersachsen-Bremen/b0863/30.03.07)
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