"Es kann jeden treffen" - In Niedersachsen leben 450 Menschen freiwillig nach Hartz IV

Nachricht 20. März 2007

Von Michael Grau (epd)

Hannover/Hildesheim (epd). Im Kino war Monika Reiser (Name geändert) schon seit Aschermittwoch nicht mehr. Kein Buch hat sie seither gekauft. Und zum Mittagessen gibt es Pellkartoffeln mit Quark oder Nudeln mit Tomatensoße - der sonst übliche Salat bleibt fort. Die pensionierte Grundschullehrerin aus Hannover nimmt seit Mitte Februar an einem Selbstversuch der besonderen Art teil: "Sieben Wochen leben mit Hartz IV". "Ich habe das Gefühl, auf der Schattenseite zu leben", erzählt sie: "Wie eine arme Kirchenmaus. Da braucht man ein starkes Selbstbewusstsein."

Rund 450 Menschen in 220 Haushalten in ganz Niedersachsen beteiligen sich freiwillig an der Aktion der Diakonie und richten sich bis Ostern nach Hartz IV. Sie wollen selbst überprüfen, ob es sich mit der Grundsicherung wirklich so einfach leben lässt, wie vielfach behauptet wird. Fast alle haben Bekannte, die von Hartz IV direkt betroffen sind: die Freundin, die mit 50 ihren Job verlor, die Schwiegertochter, die keine Stelle findet, der ehemalige Industrie-Manager, der jetzt mit 345 Euro im Monat auskommen muss. "Es kann jeden treffen", sagt Monika Reiser.

Die Diakonie hat den Teilnehmern genau ausgerechnet, wieviel Geld sie im Schnitt für ihren Bedarf zur Verfügung haben. So sind bei Alleinlebenden zehn Euro pro Monat für Gaststättenbesuche vorgesehen. "Da braucht man ja nur einmal abends in die Kneipe zu gehen, dann ist schon das meiste weg." Für Gesundheitspflege sind es 14 Euro: "Was machen dann Allergiker, die Nasenspray oder alternative Therapien brauchen?" Am meisten macht Monika Reiser aber das knappe Kultur-Budget mit 1,26 Euro pro Tag zu schaffen: "Alles, was das Leben lebenswert macht, fällt weg."

Sabine Lang (Name geändert), Mutter von drei Kindern aus Hildesheim, listet in diesen sieben Wochen alles auf, was sie aus dem Kühlschrank nimmt. "Wir kaufen Billigprodukte beim Discounter, das ist eigentlich ziemlich ungesund", erzählt sie und lässt durchblicken, dass die Familie sonst auch nicht wesentlich mehr Geld zur Verfügung hat. Die Rentnerin Gunda Meier (Name geändert) hat darauf verzichtet, an ihrem Geburtstag ihre Kinder zum Essen einzuladen: "Das ist mir sehr schwergefallen." Sie und die anderen sind sich einig: Hartz IV macht einsam.

Dennoch ist allen Teilnehmern klar, dass der Selbstversuch die Realität nur unvollständig abbilden kann. "Mein Kleiderschrank ist gefüllt, das ist mein Glück", sagt Monika Reiser. Ihre Dreizimmer-Wohnung ist mit 70 Quadratmetern doppelt so groß wie wie unter echten Hartz-IV-Bedingungen. Die Waschmaschine ist bisher nicht kaputt gegangen, und ihr Monatskarten-Abonnement für die Straßenbahn läuft auch während der Aktion weiter. Ihr Einsatz als Babysitterin bei ihrer Tochter in einem Vorort wäre bei 70 Cent pro Tag für Mobilität sonst schwierig geworden.

In Hildesheim führen die Teilnehmer für solche Fälle eine Überschreitungsliste. "Bei mir sind bisher zwei Autofahrten drauf, sonst hätte ich zwei Termine verpasst", sagt Horst Werner (Name geändert). Wirkliche Hartz-IV-Empfänger reagieren mitunter verärgert auf das befristete Experiment. Doch Monika Reiser ist überzeugt, dass sie die Situation armer Menschen inzwischen mit ganz anderen Augen sieht: "Ich lebe auch sonst nicht üppig. Aber gegenüber dem, was ich jetzt erlebe, ist es der Himmel auf Erden."

(epd Niedersachsen-Bremen/b0771/20.03.07)
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