60-jähriges Jubiläum des Lutherischen Weltbundes

Nachricht 19. März 2007

Fuer die Feierlichkeiten aus Anlass seines 60-jaehrigen Bestehens kehrt der Lutherische Weltbund (LWB) nach Lund zurueck, der schwedischen Stadt, in der er 1947 gegruendet wurde. Das Thema der Ratstagung, die vom 20. bis 27. Maerz stattfindet und eine KirchenleiterInnenkonsultation einschliesst, lautet “Gemeinschaft leben in der Welt von heute“. Zu der diesjaehrigen Tagung und den Jubilaeumsfeierlichkeiten werden insgesamt mehr als 450 Teilnehmende, unter ihnen mehr als 100 lutherische KirchenleiterInnen, erwartet.

Die Konsultation des Rates und der KirchenleiterInnen aus aller Welt wird am Mittwoch, 21. Maerz, beginnen. Am Samstagnachmittag, 24. Maerz, wird der fruehere finnische Praesident und UN-Sondergesandte fuer das Kosovo, Martti Ahtisaari, eine Ansprache zum Thema “Haus Europa“ halten. Die Jubilaeumsfeierlichkeiten selbst werden am Sonntag, 25. Maerz, in der Kathedrale von Lund und auf dem Gelaende der Universitaet stattfinden.

Der 49-koepfige LWB-Rat fuehrt zwischen den in der Regel alle sechs Jahre stattfindenden Vollversammlungen die Geschaefte des Weltbundes. Er tagt alle 12 bis 18 Monate. Der aktuelle Rat wurde waehrend der Zehnten LWB-Vollversammlung im Juli 2003 im kanadischen Winnipeg gewaehlt. Er besteht aus dem Praesidenten, dem Schatzmeister sowie Geistlichen und Laien aus den zur Zeit 140 LWB-Mitgliedskirchen.

Im Gespraech mit der Lutherischen Welt-Information (LWI) unterstrich LWB-Generalsekretaer Pfr. Dr. Ishmael Noko im Vorfeld der Ratstagung die wichtige Rolle der internationalen Konsultation. “Ich hoffe, dass wir die lutherische Identitaet weiter aufbauen und staerken koennen - im Dienst der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche, mit der die lutherische Gemeinschaft untrennbar verbunden ist“, erklaerte er.

Besonderer Fokus auf Arbeitsgruppe zu Ehe, Familie und Sexualitaet

LWB-Generalsekretaer Noko erklaerte mit Blick auf die Diskussion im Zusammenhang mit dem Bericht der LWB-Arbeitsgruppe zu Ehe, Familie und Sexualitaet, der waehrend der Ratstagung in Lund vorgelegt wird: “In unseren pluralistischen Gesellschaften wird haeufig davon ausgegangen, dass diese Fragen in den Bereich des Privatlebens gehoeren, wo jede und jeder von uns individuelle moralische Verantwortung dafuer uebernehmen muss“, so Noko.

Der LWB habe dieses Thema als Arbeitsschwerpunkt gewaehlt, da in verschiedenen Teilen der Welt Diskussionen ueber die menschliche Sexualitaet im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften entbrannt seien. “Immer mehr Gesellschaften erlassen Gesetze, um die Frage der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften zu regeln, und die Kirchen, die Jahrhunderte lang zustaendig waren fuer Eheschliessung und Segnung der Ehepartner, stehen jetzt vor der Herausforderung, ihre Praxis vor dem Hintergrund dieser Entwicklung zu pruefen.“

2003 erkannte die Zehnte LWB-Vollversammlung in Winnipeg an, dass diese Frage mit ihrer pastoralen und kirchlichen Problemstellung untersucht werden muesse, da sie aufgrund der unterschiedlichen Meinungen und Ueberzeugungen innerhalb und zwischen den Kirchen grosses Spannungspotenzial habe. Als Antwort auf das Ersuchen der Vollversammlung richtete der LWB-Rat 2004 die Arbeitsgruppe ein.

In diesem Zusammenhang betonte Noko, dass der Bericht nicht den Zweck verfolge, “die kontroversen seelsorgerlichen Fragen als solche zu beantworten, sondern vielmehr mit Hilfe von Richtlinien Wege aufzeigen will, wie die Kirchen diese Kontroversen in wuerdiger und verantwortlicher Weise gemeinsam angehen koennen.“

Fuer den LWB-Generalsekretaer lauten die eigentlichen Fragen: “Wie koennen wir in der Kirche trotz der unvereinbaren Meinungsunterschiede in einer sensiblen ethischen Frage zusammenleben? Wie koennen wir trotz der Verschiedenheiten zusammenleben, die zwischen und unter uns in der weltweiten lutherischen Gemeinschaft und auch in den einzelnen Mitgliedskirchen selbst bestehen? Welche Auswirkungen haben unser christlicher Glaube und unsere Bekenntnisgrundlage auf die Art und Weise, wie wir mit unseren unterschiedlichen Positionen umgehen? Wie leben wir Gemeinschaft, wenn Menschen auf Verschiedenheit im Allgemeinen mit der Errichtung von Mauern reagieren, die andere ausgrenzen?“

Noko fordert die LWB-Mitgliedskirchen nachdruecklich auf, die negative Spirale zu durchbrechen, gemeinsam nachzudenken und auf die vereinigende Kraft Christi zu bauen. “Was uns im Glauben zusammenhaelt, ist unsere Einheit in Christus, die wir nicht aus eigener Kraft verwirklichen koennen, sondern von Gott empfangen. Unsere gemeinsame Glaubensbasis, unser Glaube an Gottes rechtfertigende Gnade in Jesus Christus, kann die Gemeinschaft der Glaeubigen selbst dann tragen, wenn unvereinbare Positionen in wichtigen Fragen bestehen“, betonte er.

Auf halbem Weg zwischen zwei Vollversammlungen

Der Generalsekretaer wies auch darauf hin, dass sich der LWB auf halbem Weg zwischen seiner Zehnten Vollversammlung 2003 und seiner Elften Vollversammlung 2010 befinde. “Unsere Zusammenkunft in Lund bietet den Mitgliedskirchen eine gute Gelegenheit, mit dem Rat ueber sehr wichtige Fragen zu diskutieren, die seither entstanden sind und die Auswirkungen auf den Weltbund haben“, erklaerte er. Zu diesen aktuellen Fragen gehoerten Anliegen wie “Ehe, Familie und Sexualitaet und das bischoefliche Amt innerhalb der Apostolizitaet der Kirche“.

Die Tagung in Lund, so Noko, biete auch “eine gute Gelegenheit fuer nichteuropaeische Teilnehmende, zu erkennen, dass diese Region nicht nur ein wichtiger politischer und Wirtschaftsraum, sondern auch ein wichtiger oekumenischer Raum ist. Es ist fuer uns Nicht-EuropaeerInnen wesentlich, dass wir uns der Herausforderungen bewusst werden, mit denen diese Region zu diesem konkreten Zeitpunkt konfrontiert ist, wie zum Beispiel der Frage der europaeischen Erweiterung und Integration. In diesem Sinne haben wir den frueheren finnischen Praesidenten Martti Ahtisaari eingeladen, den Teilnehmenden seine Ansichten zur Rolle Europas darzulegen.“

Noko betonte auch, dass die LWB-Mitgliedskirchen “ehrliche und transparente Diskussionen ueber den Status von Frauen in den Kirchen der lutherischen Gemeinschaft fuehren muessen“.

Besondere Bedeutung komme, so Noko, einer symbolischen Zeremonie zu, die im Rahmen der Sonntagsfeierlichkeiten in Lund stattfinden werde. Aeltere Teilnehmende, die bereits vor 60 Jahren an der Gruendungsversammlung teilgenommen haetten, wuerden die Leitung des Weltbundes symbolisch an die anwesenden JugendvertreterInnen weitergeben. “Dies wird ein wichtiges Ritual sein, durch das die Rolle der jungen Generation in der Leitung der lutherischen Gemeinschaft anerkannt wird“, erklaerte Noko.

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Der Lutherische Weltbund (LWB) ist eine Gemeinschaft lutherischer Kirchen weltweit. 1947 in Lund (Schweden) gegruendet, zaehlt er inzwischen 140 Mitgliedskirchen, denen rund 66,7 Millionen ChristInnen in 78 Laendern weltweit angehoeren.

Das LWB-Sekretariat befindet sich in Genf (Schweiz). Das ermoeglicht eine enge Zusammenarbeit mit dem Oekumenischen Rat der Kirchen (OeRK) und anderen weltweiten christlichen Organisationen. Der LWB handelt als Organ seiner Mitgliedskirchen in Bereichen gemeinsamen Interesses, z. B. oekumenische und interreligioese Beziehungen, Theologie, humanitaere Hilfe, Menschenrechte, Kommunikation und verschiedene Aspekte von Missions- und Entwicklungsarbeit.

Die LUTHERISCHE WELT-INFORMATION (LWI) wird als Informationsdienst des Lutherischen Weltbundes (LWB) herausgegeben. Veroeffentlichtes Material gibt, falls dies nicht besonders vermerkt ist, nicht die Haltung oder Meinung des LWB oder seiner Arbeitseinheiten wieder. Die mit “LWI” gekennzeichneten Beitraege koennen kostenlos mit Quellenangabe abgedruckt werden.

http://www.lutheranworld.org

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Lutherische Identität stärken
LWB-Generalsekretär, Pfarrer Dr. Ishmael Noko (Genf), erwartet von Kirchenleitertreffen in Lund/Schweden Weiterentwicklung des lutherischen Profils

Die lutherische Identität weiter zu entwickeln und zu stärken – dies ist nach den Worten des Generalsekretärs des Lutherischen Weltbundes (LWB), Pfarrer Dr. Ishmael Noko (Genf), das Ziel eines Treffens von Kirchenleiterinnen und -leitern, die vom 21. bis 25. März in Lund/Schweden, am Gründungsort des LWB vor sechzig Jahren, zusammenkommen. In einem vorab veröffentlichten Interview der „VELKD-Informationen“ sagte Noko, dass Themen wie Ehe, Familie und Sexualität sowie das Amtsverständnis auf der Tagesordnung stünden. Dabei hoffe man auch auf eine „offene und transparente Diskussion zur Position der Frauen“ in der lutherischen Weltfamilie. Die Sitzungen des Rates und des Exekutivkomitees am 20./21. sowie am 26./27. März dienten u .a. der Vorbereitung der 11. Vollversammlung 2010 in Stuttgart. Am 25. März findet in der Kathedrale von Lund ein Festgottesdienst zum 60-jährigen Bestehen des Weltbundes statt.

„Anlass zu großer Sorge“ bestehe, so Noko, dass weltweit rund 3,5 der 66,7 Millionen Lutheraner Kirchen angehörten, die nicht Mitglied im Lutherischen Weltbund seien. „Diese Situation untergräbt das gemeinsame lutherische Zeugnis in der Welt sowie die lutherische ökumenische Arbeit.“

Positiv bewertete Dr. Noko den Dialog mit der römisch-katholischen Kirche. Die Rezeption der 1999 bestätigten Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre komme voran. Fortschritte erwarte er auch im Gespräch des LWB mit den anglikanischen und orthodoxen Kirchen.

Das Interview im Wortlaut

Lutherische Identität stärken

LWB-Generalsekretär, Pfarrer Dr. Ishmael Noko (Genf), erwartet von Kirchenleitertreffen in Lund/Schweden Weiterentwicklung des lutherischen Profils – Festgottesdienst am Gründungsort zum 60-jährigen Bestehen – Dialog mit römisch-katholischer Kirche kommt voran – Fortschritte im Gespräch mit Anglikanern und Orthodoxen erwartet

Frage: Herr Dr. Noko, der Lutherische Weltbund wird 60 Jahre alt – ein Grund zum Feiern?

Ishmael Noko: Ja, wir haben allen Grund zu feiern. Zunächst gibt uns das Jubiläum Anlass, Gott dafür zu danken, dass er unsere Vorfahren dazu ermutigte, alle Hindernisse zu überwinden, die der Vollversammlung vor 60 Jahren im Wege standen. Geografische Distanz und Fragen der Lehre hatten die beteiligten Kirchen über 400 Jahre voneinander und auch von anderen Christinnen und Christen getrennt. Weiterhin danken wir Gott, dass er diese ursprünglich auf Europa und Nordamerika konzentrierte kirchliche Bewegung in eine globale Gemeinschaft hat hineinwachsen lassen.

Frage: Sie kehren anlässlich des 60-jährigen Bestehens an den Ort der Gründung nach Lund zurück und veranstalten eine Konferenz von Kirchenleiterinnen und -leitern. Was möchten Sie damit erreichen?

Ishmael Noko: Ich erhoffe mir, dass wir die lutherische Identität weiterentwickeln und stärken können, um der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche willen, von der die lutherische Kirchengemeinschaft nicht zu trennen ist. Wir haben die Hälfte des Weges zwischen der Zehnten LWB-Vollversammlung 2003 und der Elften Vollversammlung, die 2010 stattfinden wird, zurückgelegt. Unsere Tagung bietet den Mitgliedskirchen eine gute Gelegenheit, mit dem Rat über sehr wichtige Fragen nachzudenken, die sich inzwischen ergeben haben und das Leben des Weltbundes betreffen. Zu den aktuellen Themen gehören: Ehe, Familie und Sexualität sowie das Amt der episkopé innerhalb der Apostolizität der Kirche.

Wir tagen in Europa und ich meine, dies ist eine gute Gelegenheit für die Teilnehmenden aus anderen Regionen, sich bewusst zu machen, dass diese Region nicht nur ein bedeutender politischer und wirtschaftlicher Raum ist, sondern auch ökumenisch grosse Bedeutung hat. Für uns, die wir von ausserhalb Europas kommen, ist von entscheidender Bedeutung, dass wir die Herausforderungen kennen lernen, mit denen Europa gegenwärtig konfrontiert ist, beispielsweise im Bereich Erweiterung und Integration. So haben wir den ehemaligen finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari eingeladen, vor den Teilnehmenden der LWB-Ratstagung sowie der Kirchenleiter- und -leiterinnenkonsultation über die Rolle Europas zu referieren. Weiterhin hoffen wir auf offene und transparente Diskussionen zur Position der Frauen in den Kirchen der lutherischen Communio.

In einer feierlichen Zeremonie soll die Leitungsverantwortung von den Ältesten, die vor 60 Jahren in Lund dabei waren, auf die teilnehmenden Jugendvertreter und -vertreterinnen übertragen. Mit diesem bedeutsamen Ritual wird die Rolle der jungen Generation bei der Leitung der lutherischen Kirchengemeinschaft gewürdigt. Weiterhin wird der Rat Entscheidungen über das Thema der Elften Vollversammlung sowie über die Kriterien zur Auswahl der Delegierten zur nächsten Vollversammlung treffen.

Vor kurzem hat der Rat durch sein Exekutivkomitee einen LWB-Erneuerungsausschuss eingesetzt, der die Diskussion über die Zukunft des LWB im Kontext der ökumenischen Neugestaltung innerhalb der Kirchengemeinschaft lenken soll. Bei einer Neugestaltung der gesamten ökumenischen Bewegung geht es nicht nur um die Strukturen der verschiedenen Organisationen und ihrer Arbeit, sondern auch um ihr jeweiliges theologisches Selbstverständnis und Profil angesichts der vielfältigen Kontexte, Bedürfnisse und Herausforderungen der Gegenwart. Eine „Erneuerung“ des LWB würde daher unter anderem die folgenden Aspekte umfassen: finanzielle Tragfähigkeit für die Zukunft; LWB-Verfassung; die Leitungsgremien, ihre Grösse und Zusammensetzung; Standort und Grösse des Genfer Sekretariats; die Rolle von regionalen und subregionalen Büros. Auch die zeitliche Abfolge, Grösse und Beziehung zwischen den Vollversammlungen des LWB und jenen von ÖRK und Reformiertem Weltbund wird zu diskutieren sein.

Frage: Das Thema der vorausgehenden Ratstagung lautet: „Gemeinschaft leben in der Welt von heute“. Was sind die Herausforderungen, vor denen die lutherische Weltgemeinschaft heute steht?

Eine Herausforderung stellt die Einheit unter Lutheranerinnen und Lutheranern dar. In der lutherischen Gemeinschaft gibt es Kirchen, mit denen der LWB keine Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft hat. Das gibt uns Anlass zu grosser Sorge – mehr als 3,5 Millionen Lutheraner und Lutheranerinnen gehören Kirchen an, die nicht Mitglieder des LWB sind. Diese Situation untergräbt das gemeinsame lutherische Zeugnis in der Welt sowie die lutherische ökumenische Arbeit.

Frage: 2010 findet die nächste Vollversammlung in Deutschland statt. Welche Erwartungen haben Sie an die lutherischen Kirchen dort?

Ishmael Noko: Zunächst einmal haben nun die deutschen Lutheranerinnen und Lutheraner 58 Jahre nach der Vollversammlung in Hannover 1952 erneut die Gelegenheit, Gastgebende einer LWB-Vollversammlung zu sein. Ich hoffe, dass die Kirchen in Deutschland ihren Schwesterkirchen aus aller Welt zeigen, wie sich das Luthertum im Land der Reformation fortwährend theologisch und ekklesiologisch mit in dem von raschem Wandel geprägten Europa entstehenden neuen Fragen auseinandersetzt. Im Deutschland und im Europa der Gegenwart gibt es neue ethnische Kirchen mit asiatischem, afrikanischem und lateinamerikanischem Ursprung. Daher stellt sich die Frage, was es bedeutet, in einem demografisch anders als 1952 strukturierten Deutschland Kirche zu sein. Ich hoffe, dass es zu einem Erfahrungsaustausch über Aspekte der aktuellen interreligiösen Herausforderungen kommen wird. Ich gehe auch davon aus, dass die aussereuropäischen Kirchen aus dem Kontakt mit den Kirchen, die im Land der Reformation ihr Zeugnis und ihren Dienst leben, geistliche Inspiration schöpfen werden.

Frage: In Deutschland, wo Lutheraner, Unierte und Reformierte in der evangelischen Kirche zusammengeschlossen sind, verbindet sich mit der Vollversammlung 2010 die Erwartung an eine Stärkung des Protestantismus weltweit. Wie viel Zusammenarbeit etwa mit dem Reformierten Weltbund ist möglich, wie viel Profilierung braucht der LWB?

Ishmael Noko: Die LWB-Vollversammlung 2010 in Stuttgart sollte einen entscheidenden Moment bieten, um uns daran zu erinnern, dass wir den Auftrag und die Verantwortung haben, zur Profilierung der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche beizutragen. Alles was wir als Lutheranerinnen/Lutheraner oder als Evangelische tun, sollte darauf ausgerichtet sein, dieses wesentliche Profil zu stärken.

Eine verstärkte Zusammenarbeit mit dem RWB ist möglich, wenn wir auf der bereits bestehenden Kooperation verschiedener Ebenen aufbauen – international geschieht diese durch die Gemeinsame lutherisch-reformierte Arbeitsgruppe, regelmässige Treffen der Mitarbeitenden von LWB und RWB im Ökumenischen Zentrum in Genf, die Mitwirkung des RWB am Planungsausschuss für die LWB-Vollversammlung „in beratender Funktion“ sowie die gleichzeitige Mitgliedschaft von LWB-Kirchen im RWB. Die Leitungsgremien beider Organisationen traten im November 2006 erstmals zu einer Sitzung zusammen und diskutierten bei dieser Gelegenheit gemeinsame Herausforderungen und Bereiche der Zusammenarbeit, etwa die neue gemeinsame Beratungskommission der weltweiten christlichen Gemeinschaften und des Ökumenischen Rates der Kirchen. Besonders betont wurde, dass dringend eine Neukonzeption der Vollversammlungen stattfinden muss, in der die Breite und Multilateralität der ökumenischen Bewegung konkreter zum Ausdruck kommt.

Die Frage, wie viel Profilierung der LWB braucht, geht insofern in die falsche Richtung, als das Streben nach der Einheit lutherischer Kirchen und nach lutherischer Identität nie isoliert von unserer untrennbaren Zugehörigkeit zu der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche vorangetrieben werden kann und sollte.

Frage: Nach der Bestätigung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre im Jahre 1999 hat es den Anschein, als sei der Dialog mit der römisch-katholischen Kirche nicht vorangekommen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ishmael Noko: Nein, diese Einschätzung teile ich nicht. Wir sollten uns bewusst machen, dass die Rezeption der Gemeinsamen Erklärung in den Regionen und Kirchen auf unterschiedlichen Ebenen und in voneinander unabhängigen Prozessen geschieht – und voran kommt. Die gemeinsame Stabssitzung von LWB und Päpstlichem Rat zur Förderung der Einheit der Christen verläuft positiv. Wir haben vor kurzem ein wichtiges Studiendokument zur Frage der Apostolizität der Kirche veröffentlicht.

Auch geht die Wirkung der Gemeinsamen Erklärung weit über den lutherisch/römisch-katholischen Bereich hinaus. Beispielhaft hierfür möchte ich die Bestätigung der GE durch den Weltrat Methodistischer Kirchen (WMC) im Juli 2006 nennen. Zunächst zeigt diese Bestätigung, dass der Kern der Rechtfertigungslehre nicht eine ökumenische Besonderheit ist, die nur die lutherischen Kirchen und die römisch-katholische Kirche betrifft, sondern von der universalen Kirche auf der Grundlage der Bibel gemeinsam geglaubt wird. LWB, römisch-katholische Kirche und WMC suchen derzeit gemeinsam nach Exegeten und Exegetinnen, die die ökumenische Interpretation der GE fortführen sollen. Ja, die Botschaft der Rechtfertigung hat grosses Potenzial als Quelle der Einheit unter den Kirchen.

Frage: Der Lutherische Weltbund befindet sich auch im Dialog mit der Orthodoxie und den Anglikanern. Wo erwarten Sie Fortschritte mit diesen Partnern?

Ishmael Noko: Neben dem weltweiten Dialog im Rahmen der Internationalen anglikanisch-lutherischen Arbeitsgruppe sind erhebliche Fortschritte bei regionalen anglikanisch-lutherischen Dialogen zu verzeichnen. Hier denke ich etwa an die Porvooer gemeinsame Feststellung (Anm.: von nordischen und baltischen lutherischen Kirchen sowie britischen und irischen anglikanischen Kirchen). Auch auf der nationalen Ebene können wir in Europa, Kanada und den USA Ähnliches beobachten. Ich hoffe, dass wir langfristig eine weltweite Einigung erzielen können, die eine Form der Kirchengemeinschaft ermöglichen mag.

Im theologischen Dialog mit der Orthodoxie gibt es ebenfalls Fortschritte. Im November 2006 feierten wir das 25. Jubiläum des lutherisch-orthodoxen Dialogs. Bei dieser Gelegenheit verabschiedete die Gemeinsame lutherisch-orthodoxe Kommission eine Gemeinsame Erklärung zur Eucharistie, in der deutlich gesagt wird, dass es zwischen beiden Traditionen historisch keine Widersprüche oder gar gegenseitige Verurteilungen im Blick auf die jeweilige Lehre von der Eucharistie gegeben hat. Es trifft ohne Zweifel zu, dass uns viel mehr verbindet als uns trennt. Ich freue mich auf weitere Fortschritte im theologischen Dialog mit der orthodoxen Seite.

Die Fragen stellte Udo Hahn.
WWW: www.velkd.de