Die lutherische Nachtigall - Paul Gerhardt zum 400. Geburtstag

Nachricht 12. März 2007

von Gerhard Armanski

Seine Lieder sind in vieler Munde – nicht zuletzt durch Bach, der in seine Sonaten, Passionen und im „Weihnachtsoratorium“ nicht weniger als 30 Choralsätze mit Gerhardt’schen Texten hineinnahm. Die beiden waren zwar nicht Zeitgenossen, jedoch geistesverwandt in der Innigkeit des kirchlichen Liedes. „O Haupt, voll Blut und Wunden“ ist weithin bekannt und gerühmt, nicht nur in protestantischen Kreisen. Oft werden Lieder von Paul Gerhardt gesungen, ohne dass man sich des Autors bewusst wäre. So sehr sind sie bereits Allgemeingut geworden. Sie gehören zum deutschen, ja europäischen kulturellen Gedächtnis. „Befiehl du deine Wege“ oder „Nun ruhen alle Wälder“ sind gewissermaßen Dauerhits des kirchlichen Gesangs. Es lohnt, sich den Pfarrerdichter einmal genauer anzusehen, um zu begreifen, warum und wie er solches schaffen konnte.

Ein Stiller im Lande

Sein Leben verlief, mit einer Ausnahme, keineswegs so spektakulär, wie es sein oft leidenschaftliches Werk nahe legt. Geboren in einem Landstädtchen bei Wittenberg als Sohn einer Pastorendynastie mütterlicherseits und begüterter Ackerbürger andererseits, wuchs er in einer kleinen, einfachen, naturnahen Welt auf. Kursachsen war erzprotestantisch; ein Großvater von ihm wurde wegen seines Bekennermuts des Amts enthoben. Wir gehen sicher nicht fehl in der Annahme, dass diese frühen Bedingungen sein Leben und Liedgut geprägt haben. In der damals üblichen engen Verbindung von Fürst und Land, Kirche und Schule erwarb er in der Stadtschule Grundkenntnisse in Latein und Gesang. Der Schulchor trat in allen Gottesdiensten und bei anderen kirchlichen Riten auf.

Sein Lebensrahmen festigte sich, als Paul Gerhardt nach dem Tod der Eltern als 15-jähriger in die Fürstenschule Grimma bei Leipzig eintrat. Dort wurde das zukünftige gehobene Kirchen- und Staatspersonal in Gelehrsamkeit und Gottesfurcht ausgebildet. In dem ehemaligen Kloster herrschte eine diesem ähnliche Zucht in einem strengen Lern- und Strafsystem. Das Bildungsprogramm war reformatorisch-humanistisch an der Antike und der Bibel ausgerichtet, die Schulsprache Latein. Besonders beliebt waren Dichtübungen nach alten Meistern, die im Barock allgemein und zu allen möglichen Gelegenheiten im Schwang waren. Der ständige Umgang mit Musik und mit Gott bildete in dem eher durchschnittlichen Eleven ein Neigungsmuster aus, das ihn fortan begleiten sollte. Zweifellos hat er dort das Überich eines dräuenden, aber auch erbarmenden Gottes erworben.

In Deutschland tobte der Krieg, den man den 30-jährigen nennt. Freund und Feind verheerten das Land, der Tod war allgegenwärtig, die Nichtigkeit menschlichen Lebens allzu offenbar. Immerhin büßte Deutschland damals etwa die Hälfte seiner Bevölkerung ein. Die Schatten des Krieges lagen auch über Paul Gerhardts Studienzeit in Wittenberg, die sich lange und intensiv gestaltete. Während sein Heimatort in Schutt und Asche fiel, war die lutherische Lehruniversität weiterhin ein Hort einer orthodox-warmherzigen, sowohl theoretischen wie praktischen Theologie. Die beginnende Betonung der individuellen religiösen Erfahrung statt eines distanzierten Kirchenglaubens wird den Studiosus ebenso geprägt haben wie die Bekanntschaft mit der neuen deutschen Poetologie eines Martin Opitz.

Ab 1643 ist Paul Gerhardt in Berlin fassbar. Er war noch immer Student und verdingte sich auch dort als Hauslehrer, beides damals durchaus nicht ungewöhnlich. In der vom Krieg geschundenen Stadt besaß die Kirche eine entlastende und orientierende Bedeutung. Gerhardt traf auf Johannes Crüger, Kantor an St. Nikolai, und ihre Zusammenarbeit führte eine Sternstunde der deutschen Kirchenmusik herauf. Crüger gab Gesangbücher heraus, in denen 1647 bereits 18, 1653 schon 82 Lieder Paul Gerhardts versammelt waren. Diese Zeit und die anschließende als Propst in Mittenwalde bei Berlin, wo er auch endlich heiraten konnte, war die fruchtbarste seines Lebens. Als zweiter Diakon an St. Nikolai kam er nach Berlin zurück, „geringes Werkzeug“ im Namen Gottes, wie er sich selbst bezeichnete. Mittlerweile war er als Liederdichter schon berühmt.

Zusammenstoß mit der Staatsmacht

Die brandenburgischen Hohenzollern waren seit 1613 calvinistisch. Der darin schon angelegte Konfliktstoff mit einer lutherischen Bevölkerung steigerte sich noch durch die Aktivitäten des „Großen Kurfürsten“ ab 1640. Er gedachte seine Territorien zu einem absolutistisch regierten Staat zusammenzufassen. Dagegen erhob sich religiöser und politischer (seitens der Stände) Widerstand. Der Kurfürst versuchte, von Staats wegen Toleranz zwischen den Konfessionen zu verordnen, was allerdings de facto auf eine Schwächung der Lutheraner hinauslief. Es kam zum Kirchenstreit und zu Amtsenthebungen.

Das obrigkeitliche Verlangen nach Loyalität stieß mit der religiösen Gewissensfreiheit zusammen. Paul Gerhardt, zutiefst seinem Glauben verpflichtet, wurde zum Märtyrer. Selbst solidarische Bekundungen der Zünfte und des Magistrats halfen ihm nicht. Schließlich versandete der Streit, der ihn bis zur Krankheit mitgenommen hatte, und die Sache blieb ein paar Jahre in der Schwebe. Schier wider Absicht schrieb Paul Gerhardt ein Stück neuzeitlicher Freiheitsgeschichte.

Der Pfarrerdichter wollte sein „arm Gewissen nicht kränken und betrüben“, wie er schrieb. Halb abgeschoben, halb enteilend trat er eine Stelle in Lübben/Niederlausitz an. Seine Frau war mittlerweile gestorben, seine Schwägerin und seine Schwester folgten bald darauf. Die unerschöpflich scheinende Liederquelle versiegte. Im Mai 1676 ereilte Paul Gerhardt der Tod, den er immer als Eingang der „Bahn zur Himmelsfreuden“ begrüßt hatte. Sein einziger überlebender Sohn verscholl, die umfangreiche Bibliothek wurde versteigert.

Lieder als Feste des Glaubens

In Rede und Gesang zu Gott sah Paul Gerhardt seine Lebensaufgabe. Was ihn von anderen abhebt, ist seine Glaubens- und Wortgewalt. Mit anscheinender Leichtigkeit, volkstümlich und herzlich, gottgeplagt und gottvertrauend verfasste und versandte er seine Verse. Sie sind getragen von einer altlutherischen Frömmigkeit und der reichen Volks- und Kirchenliedtradition des vorangegangenen Jahrhunderts, allerdings subjektiver und seelenbetonter als diese.

Die böse Welt war ihm der „Seelenfeind“ in Zank, Trauer und Verlorenheit. Sie sei eine untreue „schnöde Braut“. Die Menschen seien fluchbeschwert und todbefangen. „Fahre hin, du tolle Schar“, rief er ihnen zu. Nur die Gewissheit, dass nach dem Regen (Sünde) die Sonne (Himmel) folge, tröstet. Im besten Fall ist die irdische Welt ein Widerschein des Göttlichen, etwa im heiß ersehnten Frieden. Die Wunder des Daseins und der Schöpfung („Geh aus mein Herz und suche Freud“) loben Gott, der „Sommer deiner Gnad“ erziele viele gute Früchte. Hölle, Sünde und Tod sind das Teil der Welt, erst Jesus vermag den „großen Drachen“ zu überwinden. Er macht „rein und klar aller meiner Sünden“. Trotz all unserer Feindschaft schenkt er sich uns und erlegt das „Lösegeld“ des ewigen Heils. Er erlitt grausige Qualen wegen unserer Schuld , aber sein Leiden sei unser Labsal und befreie vom „Schweiß der Seelenangst“. Verstoße er uns doch nicht im Zorn!

Jesus Christus heilt die Wunden und führt „zum ewigen Licht und Wonnen“. Er enthebt uns aller Bürde und fügt sein Herz zu unserem. Mit ihm sei fröhlich leben und sterben. „Mach uns Böse fromm und gut.“ Wir seien die Glieder, er das Haupt. Die göttliche Kraft macht vermittels seiner „Brüderschaft“ mit uns. Sie habe Lust zum Heil des Menschen. Paul Gerhardt war unerschöpflich im Lobpreis dieser Heilstat des „großen Weltberaters“ und „Perle der Gemüter“. Gott sei wie ein fürsorgliche Mutter und ein treuer Vater zu uns. „Gib uns deinen Sinn“, meinen Geist befehle ich dir.

Lange Nachwirkung

Die Botschaft Paul Gerhardts verlor sich bald nach seinem Ableben in Orthodoxie und Pietismus. Erst in der Romantik wurde sie wieder entdeckt und seither gibt es eine Fülle von Würdigungen und Nachdichtungen. Immerhin blieb sie erhalten und wurde immer wieder revitalisiert. Der hauptsächliche Grund dafür dürfte sein, dass sie wie kaum eine andere die Frömmigkeit der leidenden Seele in menschlicher Schuld und göttlicher Huld ausdrückt, und das in ganz persönlicher Ansprache. Sie erlaubt eine mystische Identifikation mit dem göttlichen Heilsbringer und vergeistigt sie zugleich. Seit Luther hatte der Protestantismus keine vergleichbare Glaubensfigur mehr hervorgebracht, die bis heute in ihrem Liedgut lebendig ist.

Viele hat es gegeben, die sich auf Paul Gerhardt berufen, so unterschiedliche wie Rudolf Alexander Schröder, Dietrich Bonhoeffer, Albrecht Goes, selbst Günter Grass. Die lutherische Nachtigall hat wie diese ein eher unscheinbares Leben geführt, aber ihr Gesang rührt die Herzen. Wenn nicht in gottesdienstlichen Liedern, so doch spätestens in der „Matthäus-Passion“ erfährt sich der selbst nur kulturchristliche Sänger oder Zuhörer als bedrohter und sehnsüchtiger „Gast auf Erden“. Paul Gerhardt hätte das gefreut.

Prof. Dr. Gerhard Armanski