Ein Graf im Widerstand - Vor 100 Jahren wurde Helmuth James Graf von Moltke geboren

Nachricht 10. März 2007


Von Michael Grau (epd)

Hannover (epd). Im Erkerzimmer eines Schlosses wurde er geboren, im Feldmarschallzimmer getauft. Doch bekannt wurde Helmuth James Graf von Moltke (1907-1945) nicht als Gutsherr, sondern als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Der aus dem schlesischen Kreisau (heute Krzyzowa) stammende Jurist gehörte zu den führenden Köpfen des bürgerlichen Widerstandes gegen Hitler und war der Motor des «Kreisauer Kreises». Drei Monate vor Kriegsende wurde er mit 37 Jahren in Berlin von den Nazis gehenkt. Am 11. März wäre er 100 Jahre alt geworden.

Moltke war der Urgroßneffe des Generalfeldmarschalls Helmuth von Moltke (1800-1891), eines berühmten preußischen Feldherrn. Sein zweiter Vorname James erinnert an seinen Großvater mütterlicherseits: Der liberal denkende James Rose Innes stammte aus Großbritannien und wurde später oberster Richter in Südafrika.

Helmuth James von Moltke nimmt 1925 das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Breslau auf, das er später in Berlin und Wien fortsetzt. In Wien schließt sich der Adelige einem Freundeskreis von Künstlern und Intellektuellen an, zu dem unter anderen Carl Zuckmayer und Bertolt Brecht gehören. Man denkt demokratisch und liberal. Hier lernt Moltke auch seine Frau Freya kennen, die er 1931 heiratet. Sie lebt heute mit 96 Jahren in den USA.

Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 betrachtet er als Katastrophe, die zum Krieg führen werde. «Er war von Anfang immun gegen nationalsozialistisches Gedankengut», sagt der Moltke-Biograf Professor Günter Brakelmann, Historiker und Theologe in Bochum. Das junge Ehepaar erwägt, nach Südafrika auszuwandern, entscheidet sich dann aber doch für die Heimat. Weil Moltke nicht in den Staatsdienst treten will, wird er 1935 Rechtsanwalt in Berlin und vertritt Juden, die auswandern wollen. Zugleich lässt er sich in England zum Anwalt für englisches Recht ausbilden.

Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, entschließt er sich zum Schritt in den aktiven Widerstand. 1939 findet er eine Stelle in der Abwehr, dem geheimen Nachrichtendienst der Wehrmacht. Hier sind bereits zahlreiche Hitler-Gegner tätig. Für Moltke beginnt nun ein riskantes Doppelleben: Offiziell verfasst er Gutachten zum Kriegsvölkerrecht - wobei er versucht, völkerrechtswidrige Befehle zu verhindern. Insgeheim aber baut er im In- und Ausland ein Kontaktnetz zu anderen NS-Gegnern auf, gedeckt vom Chef der Abwehr, Admiral Wilhelm Canaris.

Mit Sozialdemokraten, Gewerkschaftern, Konservativen und Theologen entwirft Moltke bei zahllosen Gesprächen in Berlin und München Pläne für ein neues Deutschland nach dem Sturz der Nazis. Zu drei Tagungen lädt er seine Freunde auf sein schlesisches Gut ein, weshalb die Nazis später vom «Kreisauer Kreis» sprechen. Zu seinen engen Gesprächspartnern gehören die Sozialdemokraten Carlo Mierendorff und Adolf Reichwein, der Jesuitenpater Alfred Delp und der Jurist Peter Graf Yorck von Wartenburg.

Die Regimegegner hoffen auf einen Staatsstreich des Militärs oder fassen bereits die Niederlage Deutschlands ins Auge. «Sie konnten keine Gefreiten in Marsch setzen, sie hatten nur die Kraft der Argumente», sagt Günter Brakelmann. Moltke selbst lehnte ein Attentat auf Hitler ab und dachte an eine Verhaftung des Diktators. Das neue Deutschland sollte nicht mit einem Mord beginnen. Diese Frage war jedoch innerhalb der Gruppe umstritten.

Die Kreisauer wollten ein Ende der nationalen Machtpolitik und ein geeintes Europa. «Moltke war ein europäischer Visionär», sagt Brakelmann. Der neue deutsche Staat sollte sich in überschaubaren Einheiten basisdemokratisch von unten nach oben aufbauen und dem Einzelnen Grundrechte garantieren. Eine wichtige Rolle maßen die Kreisauer den Kirchen zu, da sie die grundlegenden Werte im NS-Staat zerstört sahen.

Am 19. Januar 1944 wird Moltke verhaftet, ein halbes Jahr vor dem Attentat auf Hitler am 20. Juli. Ein Gestapo-Spitzel hatte ihn verraten. Im Konzentrationslager Ravensbrück in Mecklenburg vertieft er sich unter anderem in die Schriften Luthers und in die Bibel. Immer stärker wendet er sich dem christlichen Glauben zu. Nach einem Jahr Haft verurteilt ihn der berüchtigte Volksgerichtshof in Berlin schließlich zum Tode. Die Gespräche im «Kreisauer Kreis» und seine religiöse Haltung werden ihm als Hochverrat ausgelegt. Günter Brakelmann sieht ihn deshalb als «evangelischen Märtyrer».

Am 23. Januar 1945 stirbt Moltke durch den Strang. «Wir haben nur gedacht», schreibt er in einem Brief. «Und vor den bloßen Gedanken hat der Nationalsozialismus eine solche Angst, dass er alles, was damit infiziert ist, ausrotten will.» Die Entwürfe der Kreisauer jedoch überdauern das Kriegsende unter den Dachsparren des Kreisauer Schlosses. Auf dem früheren Gutshof der Moltkes in Polen befindet sich heute eine europäische Begegnungsstätte.

Literaturhinweis: Günter Brakelmann, Helmuth James von Moltke. 1907-1945. Eine Biographie 432 Seiten, Verlag C.H. Beck, München 2007, 24,90 Euro

(epd Niedersachsen-Bremen/b0669/09.03.07)
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