Weihnachten auf Hartz-IV-Niveau

Nachricht 21. Dezember 2006

Alleinerziehende kämpfen besonders an Festtagen mit der Armut

Von Dieter Sell (epd)

Bremen (epd). Sabine lacht und serviert einen frisch gebrühten Kaffee. Nein, Jammern ist nicht ihr Ding. Geld ist bei ihr zwar chronisch knapp. Doch die examinierte Krankenschwester und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern macht das Beste aus dem, was ist. Warme Farben bringen Atmosphäre in ihr Wohnzimmer. Kerzen und Lichterketten tauchen den Raum in weiches Licht. Auf dem Sofatisch der Bremerin steht ein Teller mit duftendem Stollen und leckeren Plätzchen. Kreativität ersetzt die fehlende Kohle, auch bei ihrem Weihnachtsfest auf Hartz-IV-Niveau.

Ihr Sohn Dario durfte kürzlich schon als Nachwuchs-Fußballer an der Hand von VfL-Wolfsburg-Torjäger Diego Klimowicz in das Stadion einlaufen. Das war schon so etwas wie ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk. "Stark", schwärmt der Neunjährige und rangelt mit seiner Schwester Fahrah auf dem Sofa. Auch die Größe der 56 Quadratmeter großen Wohnung fordert Kreativität. Drei Zimmer, Küche, Bad für drei Personen: Jedes Kind hat sein eigenes Reich, in der Küche tobt das Leben auf vier Quadratmetern. Das Wohnzimmer ist gleichzeitig Fernsehraum, Spiele-Arena und Schlafzimmer. "Die Kinder wachsen, die Wohnung schrumpft", sagt Sabine.

1995 war die heute 34-Jährige mit der Ausbildung fertig. Dann kam das erste Kind und bald das zweite. Seit acht Jahren ist sie alleinerziehend. Arbeit gab es mal mehr, mal weniger. Nur das Geld ist immer knapp. Nach ihrer Elternzeit hat sie sich an der Universität im Fach Pflegewissenschaften eingeschrieben und gleichzeitig gejobbt, auch als Nachtschwester. Von 20 Uhr bis 6 Uhr morgens ging die Schicht. Dann die Kinder mit Frühstück versorgen und auf den Schulweg bringen. Eine Mütze Schlaf, dann zur Universität. Die Kinder vom Hort in Empfang nehmen, später ins Bett bringen - und wieder in die Nachtschicht.

"Nach drei Tagen war ich regelmäßig fix und fertig", erinnert sich Sabine. Mit der Nachtschicht hat sie Schluss gemacht. Und auch für die Uni war der Dreifachjob zwischen Büchern, Pflege und Erziehung Gift. Seit Herbst ist das Studium geschmissen. "Das war einfach zu viel", sagt Sabine, die ihren Stress im Ohr hören kann. "Aber nicht die Kinder, die Umstände sind das Problem", sagt Sabine. Fehlende Betreuung, familienfeindliche Arbeitszeiten, geringer Verdienst. Wissenschaftler des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit fassen die Konsequenz nüchtern zusammen: Alleinerziehende schaffen seltener als alle anderen den Absprung aus Hartz IV.

Heute jedenfalls sind für Sabine der Morgen und der Abend mit den Kindern "heilige Zeiten", was ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt schmälert. Mit einer Initiativ-Bewerbung hat sie vor drei Wochen trotzdem einen neuen Job bekommen, halbtags in der individuellen Schwerstbehinderten-Betreuung. Doch mit dem Einkommen ist kein Auskommen. 8,40 Euro pro Stunde reichen überschlagsmäßig für brutto 700 bis 750 Euro. Der fehlende Teil zu ihrem behördlich ermittelten Bedarfssatz von rund 1.200 Euro ist Hartz-IV-Geld. Wie ihr geht es 900.000 weiteren Erwerbstätigen in Deutschland, die trotz Job ergänzende Sozialleistungen vom Staat beziehen.

Wenn Miete, Strom, Gas, Wasser, Telefon und Hort abgehen, bleibt nicht mehr viel zum Leben. Fußball für Dario, Tanzen für Fahrah, das muss sein, findet Sabine. Die Adventszeit allerdings sei dann doch der Hammer. "Ein paar Feiertage hintereinander sprengen die Haushaltskasse." Dann besucht sie die Secondhand-Shops, immer mit dem Wunschzettel ihrer Kinder im Hinterkopf. Wer kein Geld hat, der braucht Zeit, um Geschenke zu finden.

Leben auf Sparflamme, immer hart am Existenzminimum und zuweilen auch darunter - das geht schon seit acht Jahren so. Wenn der Pegel im Portemonnaie sinkt, steigt die Angst: Jetzt darf die Waschmaschine nicht kaputt gehen. Dann reicht das Geld entweder nur für die Stromrechnung oder für den Wintermantel. Wenn es hart auf hart kommt, ist auch noch der Beitrag für eine Klassenfahrt fällig. "Wo Schuhe nötig sind, müssen sie gekauft werden", sagt Sabine. "Da hilft auch kein noch so toller Haushaltsplan." Dass Armut Schufa-Eintrag, Gerichtsvollzieher, Scham und Peinlichkeit bedeutet, das hat Sabine alles am eigenen Leib erfahren.

Im Haus wohnen andere alleinerziehende Mütter, denen es ähnlich geht. Das schweißt zusammen. Die meisten Väter zahlen keinen Unterhalt. "Wir sind alle etwa zur gleichen Zeit pleite", sagt Sabine. Doch trotz knapper Kasse soll Weihnachten bei Sabine, Fahrah und Dario schön werden. Mit Mini-Plastiktanne, Käse und Salat. Nein, Jammern ist nicht Sabines Ding. Aber Geschenke für die Kinder soll es trotzdem geben. Und für sie? "Hier passt eh' nichts mehr ins Zimmer rein", sagt sie verschmitzt. Und was sie sich von Herzen wünscht, das gibt es nicht gegen Geld: "Dass alle gesund bleiben - und die Liebe meines Lebens."

(epd Niedersachsen-Bremen/b3644/21.12.06)
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