Jüdische Stiftung plant Synagoge an historischem Ort

Nachricht 24. November 2006

Architekt aus den USA tritt in die Fußstapfen seines Urgroßvaters

Von Michael Grau (epd)

Hameln (epd). Sein Urgroßvater baute 1879 die erste Synagoge in Hameln. Nun tritt der US-amerikanische Architekt Arnold Oppler in die Fußstapfen seines berühmten Vorfahren, des jüdischen Architekten Edwin Oppler (1831-1880): Er will an genau derselben Stelle eine neue Synagoge errichten. Es wäre der erste Neubau einer liberalen Synagoge in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Am Donnerstag stellte die Stiftung Liberale Synagoge Hameln die Pläne dafür vor.

"Die historische Linie macht die Sache für uns fantastisch", sagt die Vorsitzende der Stiftung, Rachel Dohme. Sie spricht von einem "Fingerzeig Gottes". Die alte Synagoge war 1938 in der Reichspogromnacht von den Nazis zerstört worden. Rund 70 Jahre danach soll nun ein Gemeindezentrum mit Synagoge, Gruppenraum, Bibliothek, Büro und einem "Museum der Toleranz" entstehen. Das Grundstück, auf dem die alte Synagoge stand, hat die liberale jüdische Gemeinde bereits von der Stadt erworben. Es soll in "Synagogenplatz 1" umbenannt werden, wenn der Neubau steht.

Dohme schätzt die Kosten auf rund 1,5 Millionen Euro, die aus Spenden finanziert werden müssen. Ein beträchtlicher Betrag in sechsstelliger Höhe sei in den USA und Deutschland bereits zusammengekommen. Einen Termin für den Baubeginn kann sie noch nicht nennen. Dies hänge vom Verlauf der Spendensammlung ab.

Doch Dohme hat schon vier prominente Schirmherren gewonnen, die das Vorhaben unterstützen: den früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, den ehemaligen evangelischen Landesbischof Horst Hirschler, den früheren katholischen Bischof Josef Homeyer und den ehemaligen niedersächsischen Landesrabbiner Henry G. Brandt. "Sie werden versuchen, für uns Türen zu öffnen."

Der Design-Architekt Arnold Oppler hat sich laut Dohme intensiv mit der Arbeit seines Urgroßvaters beschäftigt. Dieser gehörte in Deutschland der neugotischen Schule an: Er plante neben Synagogen in Hameln, Hannover, Karlsbad und Breslau auch die Innenräume des Schlosses Marienburg bei Hildesheim. Als Schüler und Mitarbeiter des Architekten Conrad Wilhelm Hase in Hannover entwarf er für adelige und bürgerliche Auftraggeber Wohnhäuser, Villen und Geschäftshäuser.

Arnold Oppler, dessen Vater 1939 aus Deutschland geflüchtet war, besitzt eine einzigartige Sammlung von Skizzen und Modellen aus dem Nachlass Edwin Opplers. "Er sammelt alles, was er finden kann", sagte Dohme. Die Stiftung hoffe nun auf finanzielle Hilfe des Landes Niedersachsen und der Stadt Hameln. Zahlreiche Bürger in Hameln stünden hinter den Plänen, bei denen es weitere historische Parallelen gebe: "Die liberale jüdische Gemeinde ist mit rund 220 Mitgliedern heute genauso groß wie vor 100 Jahren."

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts habe die Gemeinde ebenfalls eine Stiftung gegründet. Fünf Jahre habe es gedauert, bis die Synagoge stand. Die neue Stiftung sei erst zwei Jahre alt. Und was damals möglich war, das müsse auch heute zu schaffen sein, sagte die Vorsitzende.

(epd Niedersachsen-Bremen/b3223/23.11.06)
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Rabbiner: Land Niedersachsen soll Synagoge unterstützen

Hameln (epd). Der frühere niedersächsische Landesrabbiner Henry G. Brandt hat an die niedersächsische Landesregierung appelliert, den Bau von Synagogen finanziell zu unterstützen. Das Land habe eine geschichtliche Verantwortung, sagte Brandt am Donnerstagabend bei der Vorstellung der Baupläne für eine Synagoge in Hameln. "Es ist höchste Zeit, nicht nur in museale Dinge zu investieren", forderte der Rabbiner als Schirmherr des Projekts: "Die Juden leben wieder, sie sind keine Museumsobjekte. Es ist nötig, in Lebende zu investieren."

Eine jüdische Stiftung plant in Hameln für rund 1,5 Millionen Euro den ersten Neubau einer liberalen Synagoge in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie soll an genau derselben Stelle errichtet werden, an der die 1938 von den Nationalsozialisten zerstörte Synagoge stand. Die Kosten sollen durch Spenden gedeckt werden. Das Land sowie die Stadt Hameln hatten signalisiert, dass sie keine Zuschüsse für den Bau zur Verfügung stellen könnten.

Laut Brandt zeigen sich die meisten Bundesländer entgegenkommend, wenn jüdische Gemeinden bauen wollen: "Aber in Niedersachsen scheint man ein bisschen auf Granit zu beißen." Brandt war auch mehrere Jahre westfälischer Landesrabbiner. Er lebt jetzt im Ruhestand in Augsburg.

Der frühere hannoversche evangelische Landesbischof Horst Hirschler, ebenfalls Schirmherr, bezeichnete das Projekt als "außerordentlich sinnvoll". Es sei wichtig und eindrucksvoll, dass viele Bürger 70 Jahre nach der Reichspogromnacht den Neubau zu ihrer eigenen Sache machten. Neben Brandt und Hirschler konnte die Stiftung Liberale Synagoge Hameln den früheren katholischen Bischof Josef Homeyer und den ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht als Schirmherren gewinnen.

Die Pläne für den Bau entwarf der US-amerikanische Design-Architekt Arnold Oppler aus Washington. Er ist ein Urenkel des Architekten Edwin Oppler (1831-1880) aus Hannover, der 1879 die erste Hamelner Synagoge errichtete. Die liberale Jüdische Gemeinde Hameln hat zurzeit rund 220 Mitglieder, überwiegend Zuwanderer aus Russland.

(epd Niedersachsen-Bremen/b3243/24.11.06)
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Das aktuelle Stichwort: Liberales Judentum

Hannover (epd). Das liberale Judentum ist eine der drei Hauptrichtungen innerhalb des Judentums. Anders als im orthodoxen Judentum ist hier die Frau in allen religiösen Belangen gleichberechtigt. Im liberalen Judentum trägt jeder selbst die Verantwortung dafür, inwieweit er die überlieferten Regeln einhält. Die Tradition soll mit der heutigen Lebenssituation in Einklang gebracht werden. In Deutschland war die liberale Richtung bis zum Zweiten Weltkrieg in den jüdischen Einheitsgemeinden führend.

Heute sehen sich die 20 Gemeinden der 1997 gegründeten "Union progressiver Juden in Deutschland" in der Tradition des liberalen Judentums. Der Verband umfasst nach eigenen Angaben rund 3.500 Mitglieder. Weltweiter Dachverband der Liberalen ist die "World Union for Progressive Judaism" mit Sitz in Jerusalem. Sie ist mit rund 1,6 Millionen Mitgliedern in 46 Ländern nach eigenen Angaben die größte religiöse Organisation im Judentum. Stark vertreten ist sie vor allem in Großbritannien und den USA.

Die Wurzeln der Bewegung liegen in Deutschland: 1810 gründete der braunschweigische Kammeragent Israel Jacobson (1768-1828) im Harzstädtchen Seesen eine Synagoge mit Orgel und Chorgesang, die er "Tempel" nannte. Sie gilt als Keimzelle des liberalen Judentums. Beeinflusst vom protestantischen Gottesdienst, wurde zum Teil in deutscher Sprache gebetet und gepredigt. Die Reformen gingen einher mit der gesellschaftlichen Emanzipation der Juden in der napoleonischen Zeit.

Rabbiner wie Abraham Geiger (1810-1874) oder Leo Baeck (1873-1956) trieben den Aufbau einer Wissenschaft des Judentums voran. Auswanderer verbreiteten die Bewegung in der angelsächsischen Welt. Zwischen Liberalen und Orthodoxen steht die Bewegung des "Konservativen Judentums", die sich 1845 vom liberalen Judentum trennte, weil ihr die Reformen zu weit gingen.

(epd Niedersachsen-Bremen/b3228/23.11.06)
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