Landesbischöfin: Sozialsysteme brauchen politische Akzente

Nachricht 17. November 2006

Berlin/Hannover (epd). Die Sozialsysteme in Deutschland brauchen nach Ansicht der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann neue politische Akzente, um zukunftsfähig zu werden. Dazu gehörten eine Reform des Rentensystems, Selbstverantwortung, Solidarität im Gesundheitswesen und zivilgesellschaftliches Engagement, sagte Käßmann am Freitag in Berlin vor dem Virchow-Bund der niedergelassenen Ärzte in Deutschland.

Eine hohe Staatsverschuldung und zunehmende Anforderungen an die sozialen Sicherungssysteme seien eine Bürde für die künftigen Generationen, sagte die Bischöfin der größten evangelischen Landeskirche. Zur Generationengerechtigkeit gehöre, dass die Jüngeren nicht übermäßig belastet würden. Sie müssten stärker an den Entscheidungen beteiligt werden, die ihre Zukunft beträfen. Die Gesellschaft könne künftig aber genau so wenig darauf verzichten, dass die Älteren sich auch nach der Familien- und Berufsphase für das Gemeinwesen engagierten.

Nur noch 38 Prozent der über 50-Jährigen seien erwerbstätig, und nicht einmal die Hälfte der Unternehmen in Deutschland beschäftige Menschen, die älter als 50 Jahre seien. Viele von ihnen seien dennoch leistungsfähig, so wie viele der rund sechs Millionen Arbeitssuchenden auch. Das Renteneintrittsalter zu erhöhen, berge jedoch die Gefahr, dass sich für Ältere die Arbeitslosigkeit bis zum Renteneintritt verlängere und sich so ihre finanzielle Absicherung verschlechtere.

"Der Ruhestand ist ja kein verlängerter Urlaub, der mit Tätigkeiten gefüllt wird, für die im Erwerbsleben keine Zeit war", sagte Käßmann. Zurzeit gebe es jedoch abseits von Familie und Hobbys kaum Rollenbilder. Hier lägen noch unerschlossene Potenziale und Möglichkeiten. Die Leistungsfähigkeit der "jungen Alten" sei auch eine Chance. Erstmals denke eine ältere Generation über Wohngemeinschaften nach. Bildung im Alter sei kein Fremdwort mehr. In diesem Sinn sei auch eine Kultur der Selbstverantwortung gefragt.

Weiter sprach sich die Bischöfin für eine Rentenberechnung aus, die Erziehungsleistungen anerkenne. Eine steuerliche Entlastung von Familien sei ebenso geboten wie eine Veränderung des Rentenrechts. "Ich halte es für richtig, die Rente nach der Kinderzahl zu differenzieren, durch Steuern oder seperate Beiträge zur Altersvorsorge." Dabei sei an eine Grundsicherung der Rente zu denken, die durch die Kindererziehung ergänzt werden könne. Kinderlose müssten für die Altersvorsorge selbst sparen.

(epd Niedersachsen-Bremen/b3142/17.11.06)
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