Landesbischöfin vor Kriminalisten: Freiheit immer neu erringen

Nachricht 14. November 2006

Wiesbaden/Hannover (epd). Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann hat die Menschen in Deutschland dazu aufgerufen, energisch für Freiheit einzutreten. Grundlagen wie kämpferische Toleranz, Menschenwürde, Gewaltverzicht, demokratische Rede- und Meinungsfreiheit, bürgerliches Engagement und Zivilcourage müssten je neu errungen werden, sagte Käßmann am Dienstag in Wiesbaden. Die Bischöfin der größten deutschen evangelischen Landeskirche war Gastrednerin bei der Herbsttagung des Bundeskriminalamtes.

"Es bedarf eines klaren Wertebewusstseins, wie es die jüdisch-christliche Tradition unserem Land mitgegeben hat", sagte Käßmann. Religionsfreiheit sei in Deutschland ein hohes Gut. Dies gelte aber auch für die Rede- und Meinungsfreiheit oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Auch Religionen müssten die Spielregeln der Demokratie achten, sonst würden sie gefährlich. "Ich bin überzeugt, Religion muss endlich fähig werden, Konflikte zu bewältigen, anstatt immer neu Öl in das Feuer politischer Konflikte zu gießen", betonte die Bischöfin.

Zu den "Grundlagen einer freien Gesellschaft", so das Thema von Käßmanns Vortrag, gehöre neben Freiheit und Toleranz auch die Würde des einzelnen Menschen. Besonders im Umgang mit illegalen Migranten müsse jeweils die Person im Vordergrund stehen. Gerade die Polizei sei hierbei enormen Herausforderungen ausgesetzt. "Es ist leicht, Nächstenliebe zu üben, wenn wir Menschen mögen, und leicht, aus der Ferne Ratschläge zu geben", sagte die Bischöfin. In der direkten Konfrontation müsse dieses Menschenbild jedoch immer wieder neu errungen werden.

Im weiteren kritisierte Käßmann eine "schleichende neue Akzeptanz von Fremdenfeindlichkeit". Einer statistischen Untersuchung zufolge meinten 39,1 Prozent der Bundesbürger, Deutschland sei "durch Ausländer überfremdet" und 17,8 Prozent sagten, der Einfluss der Juden sei zu groß. Dabei nenne der Zentralrat der Juden für 2005 lediglich rund 105.000 Mitglieder. Viele von ihnen seien Zuwanderer, und die jüdischen Gemeinden erbrächten eine enorme Integrationsleistung.

"Wie viel Hetze und Unwahrheit muss da im Spiel sein, wie viel braunes Gedankengut gärt da immer noch in unserem Land?", sagte Käßmann. Die Bischöfin forderte jeden Einzelnen dazu auf, selbst Zivilcourage zu zeigen und diese nicht an die Polizei zu delegieren. Es brauche Mut, die Freiheit zu verteidigen, sagte sie: "Dazu müssen alle zusammenstehen, Einheimische wie Zugewanderte, die dankbar sind, in einer solchen Gesellschaft leben zu dürfen."

(epd Niedersachsen-Bremen/b3088/14.11.06)
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