Mit Flügeln und Wasserschale

Nachricht 07. November 2006

Forscher dokumentiert alle 101 Taufengel in Niedersachsen

Von Michael Grau (epd)

Hildesheim (epd). Sie schweben unter der Kirchendecke, tragen eine Schale für Wasser in der Hand und wurden früher zur Taufe an einem Seil herabgelassen: Rund 101 historische Taufengel sind in Niedersachsen noch erhalten. Der Heimatforscher Axel Kronenberg aus Lamspringe bei Hildesheim hat sie alle aufgespürt und jetzt erstmals in einem farbigen Bildband dokumentiert: "Heute erkennt man zunehmend wieder ihren Wert", sagt er.

Drei Jahre lang hat Kronenberg nach den Engelsfiguren geforscht, die aus Eichen- oder Lindenholz geschnitzt und in der Regel bis zu 1,50 Meter groß sind: "Nach menschlichem Ermessen müssten sie jetzt vollständig erfasst sein." Die meisten Figuren hängen in Dorfkirchen, vor allem im Wendland und im Raum Hildesheim. Mehrere Exemplare fand Kronenberg aber auch in Magazinen von Museen, etwa in Celle und Lüneburg.

In einem Fall stieß er auf einen Taufengel in der Diele eines Wohnhauses. Die Familie aus dem Wendland hatte den Engel in einem Antiquariat erstanden. In einigen Dörfern bei Hildesheim seien die Engel bis heute in Gebrauch, erläutert Kronenberg. Die Figuren seien eine "typisch protestantische Spezialität" und in der katholischen Kirche nicht verbreitet. Sie entstanden im Barock-Zeitalter zwischen 1680 und 1780 in Norddeutschland: "Das war damals eine Modeerscheinung."

Weil es in lutherischen Dorfkirchen nach dem Dreißigjährigen Krieg oft zu voll und zu eng war, wurden vielerorts die Platz raubenden Altäre entfernt. Adelige Stifter ließen stattdessen Taufengel vom Himmel schweben. Im nüchternen 19. Jahrhundert kamen die Figuren allerdings wieder aus der Mode und wurden regelrecht verschmäht: "Sie wurden verkauft, versteckt, vergessen oder verbrannt."

Viele landeten in staubigen Ecken auf dem Dachboden. In den vergangenen 20 Jahren wurden viele Taufengel wieder hergerichtet und haben bunt bemalt wieder ihren Platz unter der Kirchendecke eingenommen. Einige beschädigte Figuren lagern aber immer noch mit fehlenden Flügeln, Armen oder Beinen in einem kirchlichen Depot in Hannover. Auch sie sollen nach Möglichkeit restauriert werden.

Der größte Taufengel in Niedersachsen mit einer Spannweite von 1,80 Metern hängt laut Kronenberg in der St.-Salvatoris-Kirche in der Harzstadt Clausthal-Zellerfeld. In Sachsen-Anhalt gibt es dem Forscher zufolge sogar rund 200 Taufengel, davon allein 50 in der Altmark nahe der niedersächsischen Grenze. Das Buch "Taufbecken und Taufengel in Niedersachsen", in dem eine Kunsthistorikerin auch 324 Taufbecken dokumentiert, ist im Oktober im Regensburger Verlag Schnell und Steiner erschienen.

(epd Niedersachsen-Bremen/b2980/07.11.06)
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