Kleiner, frömmer und politischer - Deutsche Bischöfe sinnieren über die Kirche der Zukunft

Nachricht 01. November 2006

Von Thomas Morell (epd)

Hannover (epd). Landesbischöfin Margot Käßmann aus Hannover träumt von einladenden Kirchentüren für alle, die Ruhe und Stille suchen. Der Braunschweiger Bischof Friedrich Weber hofft, dass eine weltlichere Gesellschaft zugleich "religionsproduktiver" wird. In dem neuen Buch "Zukunft wagen" geben 26 evangelische und katholische Bischöfe zwischen Schleswig, Dresden und Karlsruhe Auskunft über ihre Träume und Visionen für das Jahr 2020. Die Kirche, so Bremens Repräsentant Louis-Ferdinand von Zobeltitz, werde frömmer und mit ihrer Kritik an der globalisierten Wirtschaft zugleich politischer.

Die Rahmenbedingungen für Träume sind schlecht. Allein aufgrund der demografischen Entwicklung werde die Kirche schrumpfen, schreibt Mitherausgeber Udo Hahn, Mediendezernent der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): "Die Kirche wird weniger, ärmer und älter." Von Altkanzler Helmut Schmidt stammt das Zitat: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen." Doch die Bischöfe wollen sich nicht entmutigen lassen.

So setzt der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber auf eine Stärkung der Religion. Die Seele der Menschen werde gegen die einseitige Ausrichtung des Lebens auf Geld und Konsum rebellieren. Je stärker die Welt auf Wirtschaft und Markt setze, desto stärker würden auch die Gegenkräfte, glaubt Huber. Es werde ein neues Gespür dafür entstehen, dass ein komplett diesseitiges Leben zu banal und oberflächlich ist.

Für den katholischen Karl Kardinal Lehmann aus Mainz wird die Kirche auch als Minderheit im Kern stark bleiben. Es werde in Zukunft noch viel entscheidender auf das persönliche Zeugnis des Einzelnen in Wort und Tat ankommen: "Der künftige Christ wird ein Zeuge sein, oder er wird bald nicht mehr sein." Dazu gehöre auch die Rede vom Gericht, der Sünde, von Heil und Erlösung.

Für Bischöfin Käßmann werden die Kirchen dann zu den wenigen Orten gehören, wo die Menschen statt der harten Sprachwelt der Wirtschaft noch poetische Worte hören, "die zu Herzen gehen". Bischof Weber rechnet damit, dass immer mehr Pfarrer in Teilzeit oder nebenamtlich arbeiten. Für die Leitung von Gemeinden würden "Kuratoren" ausgebildet, Gottesdienste häufiger von Prädikaten gehalten und Verwaltungen zentral zusammengefasst. Die Kirche, so Weber, sei immer ein "Kind des Heiligen Geistes". Und der werde sich stets ein Dach über dem Kopf schaffen.

Die Kirche werde spirituell und diakonisch wachsen, so von Zobeltitz. Das Motto "Wer nur den lieben Gott verwaltet" habe keine Zukunft. Gemeinden ohne Vitalität würden sang- und klanglos verschwinden. Die Sprachlosigkeit in Glaubensfragen werde überwunden und die Zusammenarbeit von evangelischen und katholischen Gemeinden selbstverständlich sein.

Aber auch Skepsis gegenüber den eigenen Visionen schimmert durch. 2020 werde sie, schreibt Bischöfin Käßmann, kurz vor der Pensionierung stehen. Da bleibe die bange Frage, ob sie an den entscheidenden Veränderungen mitgewirkt habe. Auch Kardinal Lehmann zeigt sich zurückhaltend: "Ich bin ein zu nüchterner Mensch, um eine Vision der Kirche der Zukunft zu erträumen." Er lege die Zukunft lieber zuversichtlich in Gottes Hand.

(Hinweis: Udo Hahn, Marlies Mügge (Hg.), Zukunft wagen, Träume und Visionen deutscher Bischöfinnen und Bischöfe, Güterloher Verlagshaus, 140 Seiten, 16,95 Euro, ISBN 3-579-06424-X

(epd Niedersachsen-Bremen/b2945/01.11.06)
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