Landesbischöfin: Christen sollten sich für Freiheit einsetzen

Nachricht 31. Oktober 2006

Hannover (epd). Christinnen und Christen sollten sich nach Ansicht der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann energisch für Freiheit einsetzen. "Es geht darum, für die eigene Freiheit einzutreten, aber vor allem auch für die Freiheit des anderen", sagte Käßmann am Dienstagabend bei einem Gottesdienst zum Reformationstag in Hannover. Sie kritisierte die jüngste Entscheidung des türkischen Erziehungsministeriums, das Bild "Die Freiheit führt das Volk an" des französischen Malers Eugène Delacroix von 1830 aus den Schulbüchern zu nehmen.

"Es ist geradezu absurd, wenn das bekannte Bild von Delacroix in der Türkei verboten wird, weil die Freiheit barbusig gemalt ist", sagte Käßmann. Wenn solche historischen Bilder verboten würden, Karikaturen nicht erlaubt seien und Opern aus Angst abgesetzt würden, sei die Freiheit in Gefahr. Es gehe ihr dabei keinesfalls um eine Freiheit zur Pornografie oder zur Missachtung der menschlichen Würde, wie sie in der Sex-Industrie praktiziert werde, sondern es handele sich um die Freiheit der Kunst.

Der Gedanke der Freiheit habe seit der Reformation eine zentrale Bedeutung für die Protestanten. Selbst zu denken und selbst zu urteilen, seien Errungenschaften der Reformation. Dagegen sei das in der Werbung verbreitete Motto "Mein Geld, mein Auto, meine Freiheit" der "heruntergekommene Freiheitsbegriff einer Gesellschaft von Individualisten und Egomanen".

Die evangelische Bischöfin, die nach einer Krebsoperation am Dienstag zum ersten Mal nach acht Wochen wieder auf der Kanzel stand, bedankte sich für die vielen guten Wünsche. In zahlreichen Briefen habe sie aber auch über Lieblosigkeit gelesen. "Unendlich traurige Geschichten gibt es in unserem Land von Menschen, die erkranken und sich allein gelassen fühlen." Sie wünsche sich, dass alle Menschen mit der gleichen Liebe und Fürbitte begleitet würden, wie sie dies selbst erfahren habe, sagte Käßmann.

Margot Käßmann, die in Marburg geboren ist, ist seit 1999 Bischöfin der größten evangelischen Landeskirche in Deutschland mit mehr als drei Millionen Mitgliedern. Seit 2003 ist sie außerdem Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland. Sie ist verheiratet und Mutter von vier Töchtern. Ende August musste sie sich einer Brustkrebs-Operation mit einer anschließenden Strahlentherapie unterziehen und war zwei Monate krankgeschrieben.

(epd Niedersachsen-Bremen/b2927/31.10.06)
Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen