60 Jahre Niedersachsen: Ökumenischer Festgottesdienst in der Marktkirche Hannover

Nachricht 28. Oktober 2006

Die Konföderation Evangelischer Kirchen in Niedersachsen und das Katholische Büro Niedersachsen feiern am 1. November 2006 anlässlich des 60-jährigen Bestehens des Landes Niedersachsen einen Ökumenischen Festgottesdienst. Auf Einladung der Staatskanzlei kommen 1400 geladene Gäste aus Politik, Kultur und Gesellschaft in der Marktkirche zusammen. Der Gottesdienst beginnt um 16.30 Uhr. Im Anschluss findet um 19.00 Uhr in der TUI-Arena (Expo-Plaza) ein Festakt statt.

Der Gottesdienst wird von der Evangelischen und Katholischen Kirche zu gleichen Teilen gestaltet. Landesbischof Dr. Friedrich Weber (Braunschweig) legt Psalm 107 aus, Bischof Franz-Josef Bode (Osnabrück) interpretiert einen Abschnitt der Bergpredigt: "Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt." Christine Kimmich (Leer) von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen im Lande Niedersachsen (ACKN) ist die Liturgin. Musikalisch getragen wird der Gottesdienst von Ulfert Smidt an der Orgel sowie dem Chor der kleinen Kirche in Osnabrück und dem Jugendchor der Domsingschule Braunschweig.

Hannover, 27. Oktober 2006
Die Pressestelle

++++

Hintergrund: Evangelische Kirchen in Niedersachsen

Hannover (epd). Von den rund acht Millionen Menschen in Niedersachsen sind etwa vier Millionen evangelisch. Die 2.274 evangelischen Kirchengemeinden sind in fünf Landeskirchen organisiert: Hannover, Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe sowie in der Evangelisch-reformierten Kirche mit Sitz in Leer. Die Kirchengrenzen gehen weitgehend auf die Grenzen der alten Länder und früheren Fürstentümer zurück, aus denen Niedersachsen am 1. November 1946 gebildet wurde.

In Niedersachsen finden sich die größte und die flächenmäßig kleinste Landeskirche in Deutschland: Hannover umfasst mit rund 3,1 Millionen Mitgliedern etwa drei Viertel Niedersachsens. Schaumburg-Lippe dagegen bedeckt mit rund 64.000 Mitgliedern nur die Fläche eines halben Landkreises. Während Hannover, Oldenburg, Braunschweig und Schaumburg-Lippe dem lutherischen Bekenntnis folgen, beruft sich die reformierte Kirche auf den Genfer Reformator Johannes Calvin.

Die Kirchen beschäftigen zusammen mehr als 30.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und gehören damit zu den größten Arbeitgebern des Landes. Hinzu kommen rund 45.000 Mitarbeiter in den Diakonischen Werken. Für die Verkündigung und Seelsorge sind rund 2.800 Pastorinnen und Pastoren zuständig. Sie gestalten rund 360.000 Gottesdienste pro Jahr. Rund 140.000 Menschen engagieren sich im Ehrenamt für die Kirche. Etwa 2.500 Kirchenchöre und 2.300 Posaunenchöre bereichern die Arbeit musikalisch.

In der Sozialarbeit gehören die evangelischen Kirchen zu den größten Trägern im Land. Sie betreiben 975 Kindertagesstätten mit mehr als 68.000 Plätzen sowie 196 Alten- und Pflegeheime mit rund 16.000 Plätzen. In 157 Einrichtungen leben rund 16.000 Menschen mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung. Zudem sind die evangelischen Kirchen Träger von 27 Krankenhäusern und 211 Beratungsstellen, unter anderem für Schwangere, Obdachlose, und Suchtkranke.

(epd Niedersachsen-Bremen/2894/27.10.06)
Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen
+++


Als der Ministerpräsident die Kirchen vereinigen wollte - 60 Jahre Niedersachsen: Ein Bundesland mit fünf Landeskirchen

Von Michael Grau (epd)

Hannover (epd). Der niedersächsische Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf (1893-1961) hatte 1947 eine kühne Idee. Gerade erst war es ihm mit Hilfe der britischen Besatzungsmacht gelungen, die alten Länder Hannover, Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe zum Land Niedersachsen zu vereinigen. Und nun sollten die evangelischen Kirchen der Länder folgen. Eine große lutherische Landeskirche in Niedersachsen, hoffte Kopf, würde das neue Land spürbar stärken. Kopf gilt als Gründungsvater Niedersachsens. Und wenn das Land am 1. November feierlich an seine Gründung vor 60 Jahren erinnert, wird sein Name immer wieder fallen.

Doch der SPD-Politiker verrechnete sich: Vor allem die kleineren Kirchen pochten auf ihre Eigenständigkeit und wiesen Fusionspläne als "falsche Uniformität" zurück. So spiegeln sich auf der kirchlichen Landkarte bis heute die Wurzeln des Landes: Fünf evangelische Kirchen mit zusammen rund vier Millionen Mitgliedern bestehen noch weitgehend in den Grenzen der alten Fürstentümer. "Kein Bundesland hat eine vergleichbare Vielfalt vorzuweisen", sagt der Kirchenhistoriker Hans Otte aus Hannover.

Laut Otte hat jede Landeskirche ihre ganz besondere Eigenart. Die braunschweigische Kirche im Südosten des Landes mit rund 417.000 Mitgliedern ist geschichtlich besonders vom Geist der Aufklärung geprägt. Der theologisch gebildete Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) war hier an der fürstlichen Herzog August Bibliothek tätig, und seine Ideen fanden bei zahlreichen Geistlichen Anklang und Verbreitung.

Die kirchliche Erweckungsbewegung dagegen hat Schaumburg-Lippe im Südwesten beeinflusst. Die Kirche umfasst nur einen halben Landkreis und ist mit 64.000 Mitgliedern die zweitkleinste in Deutschland. Selbstbewusst stellen die Schaumburg-Lipper so manchen Trend auf den Kopf: Es gibt es wenig Austritte und steigende Wahlbeteiligungen.

Auch die oldenburgische Kirche im Nordwesten mit rund 470.000 Mitgliedern ging schon immer gern eigene Wege. 1849 setzten die Oldenburger ihren Großherzog als obersten Kirchenherrn ab und nahmen ihre kirchlichen Geschicke selbst in die Hand - ein Experiment, das vier Jahre währte. Die Evangelisch-reformierte Kirche mit Sitz im ostfriesischen Leer beruft sich anders als ihre lutherischen Nachbarn auf den Schweizer Reformator Johannes Calvin (1509-1564). Sie hat 191.000 Mitglieder, und zu ihren 142 Gemeinden gehören auch einige außerhalb Niedersachsens.

Die hannoversche Landeskirche schließlich ist mit rund 3,1 Millionen Mitgliedern die größte Landeskirche in Deutschland und umfasst drei Viertel Niedersachsens. Erweckung, Liberalismus und Orthodoxie konnten hier immer nebeneinander existieren, und so ist die hannoversche Kirchlichkeit oft als "mildes Luthertum" charakterisiert worden.

In den vergangenen Jahrzehnten gab es immer wieder zaghafte Versuche, die Kirchen zu vereinigen, doch sie verliefen allesamt im Sand. Stattdessen kamen sich die Kirchen in kleinen Schritten näher: 1955 regelten sie auf Initiative von Ministerpräsident Kopf im "Loccumer Vertrag" ihre rechtlichen und finanziellen Beziehung zum Land, und 1971 schlossen sie sich zur Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen zusammen.

Heute betonen die kleineren Kirchen trotz finanziellen Drucks die Vorteile der kurzen Wege. "Die auf eine Region bezogenen Landeskirchen geben dem Grundbedürfnis der Menschen nach Beheimatung, überschaubaren Handlungsräumen und menschlicher Nähe Recht", schrieb der braunschweigische Landesbischof Friedrich Weber im September. So werden auf der Kirchenkarte zunächst weiterhin die Umrisse alter Fürstentümer zu sehen sein.

(epd Niedersachsen-Bremen/b2898/27.10.06)
Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen