Von der Generalsynode der VELKD:

Nachricht 15. Oktober 2006

Hauptthemen des christlichen Glaubens klarer zur Geltung bringen

„Die Kirche steht und fällt nicht mit der Gestalt, an die wir uns gewöhnt haben. In der Kirche der Zukunft wird die Bereitschaft von Gemeindegliedern, das Leben der Gemeinde aktiv und ehrenamtlich mit zu gestalten, wieder eine größere Rolle spielen.“ Dies betonte der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Dr. Johannes Friedrich (München), in seinem Bericht vor der Generalsynode der VELKD am 16. Oktober. Sie tagt bis zum 18. Oktober in Ahrensburg unter dem Thema „Versammelt in Christi Namen – Gemeinde neu denken“. In einer Kirche des „Priestertums aller Getauften“ sollte dies „nicht überraschen oder gar erschrecken“, so der bayerische Landesbischof. Ehrlicherweise müsse man eingestehen, dass die damit einhergehende Konzentration auf die Kernaufgaben zwar in einer gewissen Spannung zu einer sich ausdifferenzierenden Welt stehe. Aber sie „birgt in sich sogar den Vorteil, die Hauptthemen des christlichen Glaubens klarer zur Geltung zu bringen“.

Der Leitende Bischof beklagte, dass die Bedeutung des Glaubens für die alltäglichen Entscheidungen und auch für die gesellschaftlichen Perspektiven abgenommen habe. Welches Potenzial der Glaube an Lebenshilfe in Krisensituationen gerade heute habe, sei vielen Menschen nicht mehr bewusst. Die Vertrautheit mit der Sprache des Glaubens und mit den prägenden Bildern der biblischen Geschichten schwinde. Das „Feuer des Glaubens“ sei bei vielen Menschen klein geworden, bei manchen sogar ganz erloschen. Es sei, als wenn der „Platzregen des Evangeliums“ vorbei gezogen sei und wir in einer Dürrephase lebten. Es erfülle ihn mit Sorge, wenn er daran denke, was die Menschen verlören, wenn Trosttexte wie „Der Herr ist mein Hirte“ oder „Befiehl du deine Wege“ nicht mehr zum Allgemeinwissen gehörten, räumte Landesbischof Friedrich ein. „Wir brauchen in der Gesellschaft wie in den Familien Menschen, die bezeugen, dass ihnen das Wort Gottes etwas bedeutet, dass es ihnen geholfen hat und weiterhin hilft und dass es ihnen Kraft gibt für ihren Lebensalltag.“ Von solchen Leitbildern erhoffe man sich einen Aufschwung in den Gemeinden.

Die evangelische Kirche steht nach den Worten des Leitenden Bischofs der VELKD „vor der Notwendigkeit, die Gestaltungsformen unseres Christseins zu überdenken und Korrekturen vorzunehmen, um unserem Auftrag angesichts veränderter Rahmenbedingungen besser gerecht werden zu können“. Dabei dürfe es weder einen hierarchischen oder bürokratischen Zentralismus geben, der die Bedeutung der Gemeinden schmälere noch dürfe sich die einzelne Gemeinde isolieren. Die Wahrheit des Glaubens vermittele sich primär über persönliche Glaubenszeugen. Deshalb müssten sich kirchliche Reformmodelle daran messen, ob sie die möglichst breite Berührungsfläche mit den Menschen förderten oder gefährdeten.

Hinweis: Der Bericht des Leitenden Bischofs der VELKD kann im Internet unter www.velkd.de herunter geladen werden.
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Evangelischer Glaube „kein Vitrinenstück“
Bischöfin Maria Jepsen predigte in Hamburger Hauptkirche St. Michaelis – Kritik an Antijudaismus in den Kirchen

Der evangelische Glaube ist „kein Vitrinenstück“, das nur an Festtagen hervor geholt wird. Seine Bedeutung entscheidet sich daran, wie Glaube und Lehre in den Alltag umgesetzt werden, so Bischöfin Maria Jepsen in ihrer Predigt in der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis am 15. Oktober im Rahmen der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD). „Der Glaube an Gott und gelebte Frömmigkeit lassen sich nicht auf innerliche Spiritualität und nicht auf Schönwetterzeiten begrenzen, auch nicht auf vertraute Traditionen und Glaubensräume“. In das ökumenische und das interreligiöse Gespräch seien die Kernpunkte lutherischer Theologie – allein durch Glauben, allein durch Gnade, allein durch die Bibel, allein durch Christus – in der Sprache und mit Beispielen unserer Zeit einzubringen. Dabei sei es „das Schwerste, aus dem Glauben eine alltägliche Lebensweise zu machen, ihn sich nicht nur in Herz und Hirn, sondern in Fleisch und Blut übergehen zu lassen und ihn so selbstverständlich zu tragen, wie man in Schuhen unterwegs ist, die man sich morgens anzieht“.

In ihrer Predigt kritisierte die Bischöfin, dass in den Kirchen immer noch Antijudaismus, latent oder offen, tradiert werde. Es sei für sie nicht nachvollziehbar, warum es in den Kirchen Arroganz beziehungsweise Scheu vor der wirklichen Begegnung mit dem jüdischen Glauben gebe, „beispielsweise in der theologischen Ausbildung und Weiterarbeit, in den Bibelstunden, in der Kirchenmusik“. Sie plädierte für eine „vorurteilsfreie theologische Auseinander­setzung“.

Hinweis: Die Predigt von Bischöfin Maria Jepsen kann im Internet unter www.velkd.de heruntergeladen werden.
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Lutheraner spielen zentrale Rolle in der Ökumene
LWB-Generalsekretär Pfarrer Dr. Ishmael Noko (Genf) vor der Generalsynode der VELKD

Die lutherischen Kirchen spielen in der weltweiten Ökumene eine zentrale Rolle. Diese Auffassung vertrat der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes (LWB), Pfr. Dr. Ishmael Noko (Genf), vor der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) am 14. Oktober in Ahrensburg. Angesichts der vielfältigen Verbindungen zu anderen Konfessionen in allen Erdteilen komme den Lutheranern in einer künftigen ökumenischen Weltversammlung eine „entscheidende Rolle“ zu. Der LWB wolle sich aktiv an der Debatte um eine Neustrukturierung der ökumenischen Bewegung beteiligen, so Noko in seinem Grußwort. Die nächste Vollversammlung 2010 in Stuttgart bezeichnete er als „Meilenstein für die Zukunft des Lutherischen Weltbundes“. Sie werde zwar als „lutherische Vollversammlung“ geplant, es werde aber über die künftige Ausrichtung und Gestalt entschieden werden. An dieser Urteilsbildung würden auch Vertreter der anglikanischen, methodistischen und reformierten Kirchen sowie des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) beteiligt.
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„Selbstverständliche christliche Grundierung der Gesellschaft schwindet“
Privatdozentin Pfarrerin Dr. Uta Pohl-Patalong (Hamburg) vor der Generalsynode der VELKD: Evangelische Kirche leidet unter Finanzkrise und Bedeutungsverlust – Plädoyer für Änderung kirchlicher Organisationsformen

In Deutschland schwindet die bisher „selbstverständliche christliche Grundierung der Gesellschaft“. Darauf hat die Hamburger Privatdozentin Dr. Uta Pohl-Patalong vor der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), die vom 14. bis 18. Oktober in Ahrensburg tagt, hingewiesen. Der Traditionsabbruch sei in Ostdeutschland viel stärker ausgeprägt als in Westdeutschland, aber auch in den alten Bundesländern inzwischen überdeutlich. „Konnte man früher von verbreiteten christlichen Grundhaltungen ausgehen, auch wenn Menschen nicht am kirchlichen Leben teilnahmen, wird heute immer deutlicher, dass christlicher Glaube auch eine Frage christlicher Bildung ist, die immer weniger selbstverständlich in den Familien und Schulen geleistet wird.“ Damit wird nach Meinung der Theologin, die derzeit in Kiel den Lehrstuhl für Praktische Theologie vertritt, der Kontakt zur Institution Kirche entscheidender für die Frage von Glauben und Gottesbeziehung, als dies in früheren Jahrzehnten der Fall gewesen sei.. Die Kirche müsse noch stärker daran interessiert sein, dass die Menschen in Kontakt mit ihr lebten.

Pfarrerin Pohl-Patalong referierte zu Beginn der Generalsynode zum Schwerpunktthema der Beratungen: „Versammelt in Christi Namen – Gemeinde neu denken“. Dabei sieht die Privatdozentin die evangelische sowohl in einer Finanz- als auch in einer Relevanzkrise. Sie plädiert für eine Änderung kirchlicher Organisationsformen. Diese seien „nicht sakrosankt“, sondern müssten auf ihre Tauglichkeit hin überprüft werden. Neben einer Stärkung der geistlichen und missionarischen von Pfarrerinnen und Pfarrern plädiert sie auch für eine Aufwertung der ehrenamtlichen Arbeit in der Kirche.

Hinweis: Das Referat von Pfarrerin Dr. Uta Pohl-Patalong kann im Internet unter www.velkd.de heruntergeladen werden
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Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) ist ein Zusammenschluss von acht Landeskirchen. Ihr gehören an: Bayern, Braunschweig, Hannover, Mecklenburg, Nordelbien, Sachsen, Schaum­burg-Lippe und Thüringen. Die VELKD repräsentiert rund 10,4 Millionen Gemeindeglieder. Leitender Bischof ist Landesbischof Dr. Johannes Friedrich (München), Landesbischof Hermann Beste (Schwerin) sein Stellvertreter. Dem Lutherischen Kirchenamt in Hannover steht Präsident Dr. Friedrich Hauschildt vor. Einmal jährlich tagt im Oktober die Generalsynode der VELKD. Dieses Gremium umfasst 62 Vertreter aus den Gliedkirchen der VELKD. An der Spitze der Generalsynode steht als Präsident Richter Dirk Veldtrup (Hannover).