Kirche kümmert sich seit 50 Jahren um Kriegsdienstverweigerer

Nachricht 18. September 2006

Seelsorge für "Drückeberger" und Lobby für den Frieden - Kirche kümmert sich seit 50 Jahren um Kriegsdienstverweigerer

Von Dieter Sell (epd)

Bremen (epd). Lange Zeit galten Kriegsdienstverweigerer in Deutschland als "Drückeberger". Erst Mitte der 1980er Jahre veränderte sich das Klima. Heute werden Zivildienstleistende umworben, manchmal verklärt als "Sozialhelden" gefeiert. Großen Anteil an diesem Sinneswandel in Politik, Kirche und Gesellschaft hat die Evangelische Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer (EAK). Mit Sitz in Bremen berät sie seit 50 Jahren Kriegsdienstverweigerer, kümmert sich um die Seelsorge für "Zivis" und versteht sich als Lobby für Friedensarbeit.

Noch im Nationalsozialismus tat sich die evangelische Kirche schwer mit Menschen, die den Waffendienst ablehnten. Für Protestanten wie Hermann Stöhr (1898-1940) und Martin Gauger (1905-1941), die ihre Gewissensentscheidung das Leben kostete, wollte sie kein Gnadengesuch einreichen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Einstellung. Sechs Jahre vor Einführung der von Konrad Adenauer forcierten Wehrpflicht erklärte 1950 die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), "wer um seines Gewissens willen den Kriegsdienst verweigert, der soll der Fürsprache und der Fürbitte der Kirche gewiss sein".

Fünf Jahre später veröffentlichte die EKD ein Papier zur gesetzlichen Regelung des Schutzes der Kriegsdienstverweigerer. Es war der Anlass zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft, zu der sich im Jahr 1956 Jugend- und Friedensgruppen innerhalb der Kirche zusammenschlossen. Damals machte sich die Kirche stark für eine freiheitliche Anerkennung und einen zivilen Ersatzdienst von gleicher Dauer wie der Wehrdienst. Es sollten aber Jahrzehnte vergehen, bis es so weit war. "Ein schwieriger Weg", erinnert sich Günter Knebel, Leiter der Bundesgeschäftsstelle der EAK.

Zwischen 1956 und 1983 wurden bundesweit fast 700.000 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung gestellt, die vor Ausschüssen und Kammern der Bundeswehr-Verwaltung behandelt wurden. Die Verfahren seien "oft unwürdig bis inquisitorisch" gelaufen, sagt Knebel, nach dessen Statistik ein Drittel der Betroffenen Hilfe bei der Kirche suchte. Berater standen den jungen Männern vor der "Gewissensprüfung" zur Seite. Oft begleiteten Pastoren die Verweigerer auch in den Verhandlungen.

Erst der politische Umbruch nach der Wende machte die "Entscheidung nach Aktenlage" zur Regel und glich die Länge von Wehr- und Zivildienst auf heute neun Monate an. Doch das mittlerweile gültige schriftliche Prüfungsverfahren "ist nach wie vor eine Hürde", betont Knebel. Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann schreibt in einem Grußwort zum 50-jährigen Bestehen: "Dass ein Grundrecht erst nach staatlicher Überprüfung verliehen oder in einigen Fällen auch versagt wird, bleibt ein Skandal in unserer Gesellschaft."

Von den rund 370.000 jungen Männern, die jährlich gemustert werden, verweigern 140.000 den Wehrdienst. Besonders Soldaten oder Reservisten, die nachträglich verweigern wollen, suchen die Hilfe der mehr als 700 EAK-Büros und kirchlichen Berater.

Dazu kamen seit Bestehen der EAK mehr als 3.700 Rüstzeiten für Zivis, thematisch strukturierte Freizeiten, in denen es um Fragen des persönlichen Gewaltverzichtes geht. Auch der Einsatz für Friedens- und Freiwilligendienste und die fünf Mal jährlich erscheinende Zeitschrift "Zivil" gehören zu den Aufgaben der EAK, deren Jahresetat bei rund 580.000 Euro liegt. Doch trotz anhaltender Debatten um Krieg und Frieden und einer steigenden Zahl der Auslandseinsätze der Bundeswehr ist die Zukunft der pazifistischen Stimme in der evangelischen Kirche ungewiss.

In der EKD wird eine Kürzung der Zuschüsse bis 2009 um 50 Prozent diskutiert. Rüstzeiten und Begleitseminare für Zivildienstleistende müssten dann massiv eingeschränkt werden. Auch die Zeitschrift "Zivil" wäre bedroht. Der Präsident der Arbeitsgemeinschaft, der Magdeburger Altbischof Christoph Demke, hält dagegen: "Die Frage, was die Kirche für den Frieden tun kann, ist ungebrochen aktuell."

Internet: www.eak-online.de

(epd Niedersachsen-Bremen/b2467/18.09.06)
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