In Wanderschuhen zu neuen Einsichten

Nachricht 12. September 2006

Frauen pilgern zu den Klöstern der Lüneburger Heide

Von Karen Miether (epd)

Medingen/Kr. Uelzen (epd). Gerlinde Schröder hat die Wanderschuhe ausgezogen. Sie geht barfuß durchs Gras und reibt sich danach die Füße mit Öl und Salz ein. "Ihr könnt Zeh für Zeh massieren", gibt die Lüneburger Diakonin Perdita Wünsch Tipps für die Pflege gegen Blasen. Im Garten des Klosters Medingen bei Uelzen machen 16 Frauen Rast nach einem 13-Kilometer-Marsch. Sie sind unterwegs auf einem Pilgerweg, der sie in vier evangelische Frauenklöster in der Heide führt.

"Diese Stille. Da war niemand anders als wir. Das war idyllisch", sagt Gerlinde Schröder nach der ersten Etappe durch Wälder. Die 62-Jährige aus Wallenhorst bei Osnabrück sieht in dem gemeinsamen Gehen mit Gesprächen, Andachten und Schweigezeiten mehr als nur eine Wanderung: "Pilgern gibt die Möglichkeit, zu sich selbst zu finden und den Alltag hinter sich zu lassen", betont sie.

Von Hamburg bis Heidelberg sind Teilnehmerinnen zum Pilgern in die Heide gereist. Noch bis Mittwoch übernachten sie in Tagungshäusern und sind jeden Tag in einem anderen Kloster zu Gast. "Auf den Spuren heiliger Frauen" ist das Thema, das sie dabei begleitet. "In jedem Kloster beschäftigt uns eine Frau aus der Bibel und aus Legenden", sagt Helena Kritzokat, die gemeinsam mit Perdita Wünsch für das landeskirchliche Frauenwerk den Weg anleitet.

In Medingen hören die Pilgerinnen von der heiligen Anna, der Mutter der biblischen Maria, von der Legenden berichten. Anna ist in den Verzierungen des kostbaren Krummstabs des Hauses verewigt, das 1336 als Zisterzienserinnen-Kloster gegründet wurde. Doch die Pilgerinnen begegnen nicht nur der Geschichte, sondern auch den 16 Frauen, die heute in dem seit der Reformation evangelischen Damenstift leben.

Im klösterlichen Brauhaus lässt Äbtissin Monika von Kleist Eintopf, Wein und Wasser servieren. Zum Nachtisch haben die Damen des Klosterkonvents Apfelmus aus Früchten ihres Gartens gekocht. Das Mahl ist inspiriert von alten Quellen wie der "Ordnung der Strassburger Elendenherberge", die 1349 die Versorgung von Pilgern regelte. "Eine wohl gefüllte Schüssel mit Suppe oder Gemüse" gehörte damals dazu.

"Es gibt ein großes Interesse an unserem Leben hier", fällt der Klosterdame Maria-Dorothea Lüth bei den Tischgesprächen auf. Die alleinstehenden, verwitweten oder geschiedenen Frauen im Klosterkonvent wohnen in eigenen Wohnungen. Sie machen Besucher mit den Kunstschätzen des Hauses und deren religiöser Bedeutung vertraut.

Eine Gütergemeinschaft zum Beispiel gibt es in dem Damenstift nicht. "Das war mir alles nicht bekannt und überrascht mich", sagt eine der Pilgerinnen. Sie hält für sich fest, "dass ich mir ein Klosterleben für Frauen von heute durchaus vorstellen kann."

(epd Niedersachsen-Bremen/b2405/12.09.06)
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