Erste Rabbiner-Ordination nach dem Holocaust

Nachricht 06. September 2006

Dresden/Oldenburg (epd). Mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Holocaust und dem Ende des Nationalsozialismus sollen in Deutschland erstmals wieder Rabbiner ordiniert werden. Zur Feier für die drei ersten Absolventen des Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs, der einzigen deutschen Ausbildungsstätte für jüdische Geistliche, werden am 14. September in der Dresdner Synagoge auch hochrangige Vertreter aus Religion, Politik und Gesellschaft erwartet. Nach Angaben des Zentralrats der Juden und des Abraham-Geiger-Kollegs wurde zuletzt 1940 ein Rabbiner in Deutschland ordiniert.

Die künftigen Rabbiner, die aus Deutschland, Tschechien und Südafrika stammen, werden in Kapstadt, München und Oldenburg tätig sein. Der neue Oldenburger Rabbiner Daniel Alter (46), der der Schweizerin Bea Wyler nachfolgt, wurde in Nürnberg geboren. Er wird am 17. September sein Amt in Oldenburg antreten.

An der Amtseinführung in Dresden wollen neben der Präsidentin des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, und weiteren Mitgliedern des jüdischen Dachverbandes auch Prälat Stephan Reimers von der Evangelischen Kirche in Deutschland, der sächsische evangelische Landesbischof Jochen Bohl, der Vorsitzende des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, und der Generalsekretär des deutschen Zentralrates der Muslime, Ayyub Axel Köhler, teilnehmen. Erwartet werden zudem Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) und der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD).

Das "Abraham Geiger Kolleg" wurde 1999 vom deutschen Verband der Weltunion progressiver Juden gegründet. 2001 begann die Rabbiner-Ausbildung an der Universität Potsdam. Das Kolleg versteht sich als Nachfolgeeinrichtung der 1942 von den Nationalsozialisten geschlossenen Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Derzeit sind dort zwölf Studierende eingeschrieben. Ein Rabbiner-Studium war vorher nur in Israel, Großbritannien, den USA und Ungarn möglich.

(epd Niedersachsen-Bremen/b2355/06.09.06)
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Das aktuelle Stichwort: Rabbiner

Berlin/Oldenburg (epd). Rabbiner haben traditionell die Aufgabe der religiösen Anleitung in moralischen und rituellen Fragen. Als Gelehrter der Gesetze (Thora) und ihrer Auslegung (Talmud) ist der Rabbiner, auch Rabbi, Rebbe oder Lehrmeister genannt, in jüdischen Gemeinden der Richter in Streitfragen und gilt als oberste religiöse Autorität. Damit ist er auch für Amtshandlungen wie Eheschließungen zuständig, ebenso für Scheidungen. Zugleich ist er Lehrer und Seelsorger seiner Gemeinde. Der Begriff Rabbiner stammt aus dem Hebräischen und Aramäischen und bedeutet Meister oder Lehrer.

Anders als christliche Geistliche sind Rabbiner keine Priester mit besonderen liturgischen oder religiösen Aufgaben. Denn im Judentum gilt das Priestertum aller Gläubigen, es gibt keinen Vermittler zwischen Gott und den Menschen. Jüdische Gottesdienste können von jedem schriftkundigen Gemeindemitglied geleitet werden. Traditionell übernimmt dies aber meist ein Vorsänger (Kantor) oder Vorbeter (Chazzan). Wenn diese nicht zur Verfügung stehen, muss oft der Rabbiner die Aufgabe übernehmen.

Die spezielle Kleidung der Rabbiner im orthodoxen Judentum besteht aus einem schwarzen Anzug mit längerem Jackett und einem schwarzen Hut, sowie im Gottesdienst aus dem Thalit, einem weißen Tuch mit Streifen, und bei Morgengottesdiensten auch aus Gebetsriemen an Kopf und Unterarmen. Liberale Rabbiner tragen dagegen keine besondere Kleidung.

Im liberalen Judentum, wo es auch Rabbinerinnen gibt, ist seit dem 19. Jahrhundert zudem eine akademische Qualifikation üblich. Die Ordination oder Semicha von Absolventen wird nach Abschluss der Ausbildung von drei Rabbinern durch Handauflegen vorgenommen. Die erste deutsche Rabbiner-Ordination nach dem Holocaust ist für den 14. September in Dresden vorgesehen.

(epd Niedersachsen-Bremen/b2356/06.09.06)
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