"Die Flamme der Ökumene am Brennen halten" - Interview mit Walter Altmann

Nachricht 22. August 2006

Walter Altmann ist der neu gewählte Vorsitzende des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen.

Auf der 9. Vollversammlung im Februar sind Sie zum Vorsitzenden des Zentralausschusses des ÖRK, also in die höchste Position im Weltrat gewählt worden. Viele Mitgliedskirchen möchten mehr über Sie wissen. Erzählen Sie uns bitte einiges aus Ihrem persönlichen Leben und der Kirche, aus der Sie kommen.

Ich bin 1944 in Porto Alegre geboren. Meine Eltern waren Lehrer an einer lutherischen Gemeindeschule und stets aktiv am kirchlichen Leben beteiligt. Meine ersten ökumenischen Erfahrungen habe ich in der ökumenischen Studentenbewegung gewonnen. Als ich Theologie studierte, wurde ich als Jugenddelegierter zur Teilnahme an der Ökumenischen Konferenz für Mission und Evangelisation nach Mexico-City entsandt. Als junger Pfarrer, mitten in der Militärdiktatur, reiste ich quasi heimlich nach Prag, um als Delegierter an der Christlichen Friedenskonferenz (1968) teilzunehmen.

In theologischer Hinsicht haben mich vor allem Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer und Luther geprägt. Ich habe von 1969-1972 in Hamburg studiert und mit einer Arbeit über den "Begriff der Tradition bei Karl Rahner" promoviert. Bis 1974 war ich Gemeindepfarrer in Ijuí, Südbrasilien. Dann wurde ich als Dozent für Systematische Theologie an die Theologische Hochschule in São Leopoldo, Rio Grande do Sul, berufen. Mein besonderes Interesse gilt der Erarbeitung von Konvergenzen zwischen der Theologie der Reformation und der Theologie der Befreiung. In den 1970er Jahren und bis 1982 war ich Mitglied der Bilateralen Katholisch-Lutherischen Dialogkommission in Brasilien. Von 1995 bis 2001 war ich Präsident des Lateinamerikanischen Rates der Kirchen (CLAI). 2002 wurde ich zum Präses der IECLB gewählt.

Ich bin verheiratet und habe vier Töchter und zwei Enkelkinder.

Sie sind der Präsident einer der größten protestantischen Kirchen in Lateinamerika - ein Kontext von komplexer und dynamischer sozioökonomischer und ökumenischer Realität. Wie würden Sie die heutige Situation der Kirchen und der ökumenischen Bewegung in Lateinamerika beurteilen?

Einerseits ist das ökumenische Leben in Lateinamerika reich und vielseitig. Die historischen protestantischen Kirchen kooperieren miteinander im Bereich der Mission seit der Missionskonferenz in Panama, 1916, obwohl ihr Missionskonzept weithin durch einen Antagonismus zur katholischen Kirche gekennzeichnet war. Andererseits gehen z. B. die bilateralen Dialoge zwischen lutherischen und katholischen Theologen in Brasilien schon auf 1957, also auf die Zeit vor dem II. Vatikanum zurück. In den 1970er Jahren, als auf diesem Subkontinent die Militärdiktaturen das Sagen hatten, entwickelte sich eine umfassende und tiefe ökumenische Zusammenarbeit im Bereich der Menschenrechte, für die der Ökumenische Rat der Kirchen wesentliche Hilfestellungen gegeben hat.

Heute ist die religiöse Szene gekennzeichnet durch ein erstaunliches Umsichgreifen des religiösen Pluralismus'. Besonders zu nennen sind das Wachstum der Pfingstkirchen (Betonung der Geistesgaben) und der Neopentekostalen (Betonung des geistlichem Kampfes gegen die Dämonen, Versprechungen von Prosperität für die Gläubigen). Aber gleichzeitig wächst auch die Gruppe von Menschen, die sich als "religionslos" erklären. Viele der neu entstehenden Kirchen lehnen die Ökumene ab und bekämpfen sie, besonders wenn die katholische Kirche beteiligt ist. Die größte Herausforderung besteht also darin, Wege zu finden, um diese Divergenzen und Spannungen zu überwinden.

Die 9. Vollversammlung des ÖRK hat 2006 in Porto Alegre und damit zum ersten Mal in Lateinamerika stattgefunden. Wie beurteilen Sie dieses Ereignis und die Ergebnisse der Vollversammlung in der Region und weltweit?

Die Vollversammlung war eine einmalige Gelegenheit für eine enge ökumenische Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedskirchen des ÖRK in Brasilien, ja auf dem lateinamerikanischen Kontinent.

Die vielen Menschen, die als Delegierte, ÖRK-Mitarbeiter/innen, Freiwillige und Besucher an der Versammlung teilgenommen haben, kehrten äußerst beeindruckt und ermutigt für ein neues ökumenisches Engagement in ihre Heimatgemeinden zurück.

Es war eine Versammlung, die auf eine sehr schöne Weise wesentliche ökumenische Bestandteile kombiniert hat: den Austausch von ökumenischen Erfahrungen (durch das Mutirão und die Ökumenischen Gespräche), das Zeugnis des Glaubens (Gottesdienstfeiern, Gebete und Bibelstudien) und die Debatten und Entscheidungen, die auf der Tagesordnung standen. So hat sie dazu beigetragen, die Ökumene auf eine neue Art zu erleben, und das ist sehr nötig in unserer Zeit.

Wie würden Sie als Vorsitzender des Zentralausschusses, als Theologe und Kirchenleiter Ihre ökumenische Vision und das Ziel der ökumenischen Bewegung definieren?

Die permanente Motivation der ökumenischen Bewegung kommt aus dem Wunsch, die volle Einheit zwischen den Kirchen zu erreichen, damit wir von daher glaubwürdigere und wirksamere Werkzeuge für die Verkündigung der Liebe Gottes in die Welt werden. Die Ökumene erstreckt sich unter der Liebe Gottes weit über die Grenzen der Kirchen hinaus. Sie umfasst die ganze Menschheit und die ganze Schöpfung.

Für die Kirchen basiert die Ökumene auf dem Geschenk der Einheit, die uns in Christus, durch den Glauben und durch die Taufe gegeben ist. Indem wir auf dieser Basis gemeinsam unterwegs sind, üben wir Einheit schon ein und erfahren sie auf vielerlei Weise. Wir glauben an den dreieinigen Gott, Vater, Sohn und Heiligen Geist - vollkommene Einheit und Gemeinschaft.

Natürlich sind wir im Glauben, in der Frömmigkeit, im Engagement tief in unseren eigenen Kirchen verwurzelt. Aber ich habe unsere Spaltungen immer als flagranten Widerspruch zu allem, was wir glauben, empfunden, als einen Skandal, dessen Ursache in der menschlichen Sünde zu suchen ist. Deshalb habe ich einen Traum und möchte mich dafür einsetzen, dass unsere Kirchen sich erneuern lassen in allem, was das Leben der christlichen Familie in Eintracht behindert, und sich zusammen auf den Weg zur Gemeinschaft im Zeugnis und im Dienst begeben. Die ökumenische Bewegung kann sich nicht mit einer Minimal-Agenda zufrieden geben, sondern sehnt sich nach mehr und mehr Gemeinschaft.

Was betrachten Sie als die wichtigsten Prioritäten für den ÖRK in den kommenden sieben Jahren? Was sind Ihre eigenen, persönlichen Hoffnungen für diese Periode?

Ich meine, wir befinden uns in der Phase, in der diese Prioritäten im Leben des Ökumenischen Rates der Kirchen bestimmt werden müssen. Die Tagung in Porto Alegre hat fundamentale Wegweiser dafür aufgestellt, und auf der bevorstehenden Zentralausschusstagung wird eine darauf aufbauende neue Programmstruktur vorgestellt werden.

Gerade in Zeiten schrumpfender Mittel macht die Vielfalt der Herausforderungen die Option für Prioritäten noch schwieriger, besonders auch deshalb, weil die Bedürfnisse in den verschiedenen Regionen nicht dieselbe Gewichtung haben. Aber wir müssen uns darum bemühen, die Mittel auf die wesentlichsten Anliegen zu konzentrieren und darauf, was der ÖRK im Auftrag der Kirchen als einziger tun kann.

Einige Anliegen stehen jedoch permanent auf der Tagesordnung des ÖRK: die Suche nach neuen Wegen des Verstehens und der Zusammenarbeit zwischen den Kirchen in einem immer stärker pluralen religiösen Kontext und bei sich zuspitzenden Spannungen; der unermüdliche Einsatz für Frieden; das Thema der Gerechtigkeit in den internationalen Beziehungen; das Thema der Einheit, sowohl in Sachen der Lehre als auch der Ethik; die Förderung der Eingliederung aller Menschen in das kirchliche Leben; die Vertiefung des ganzheitlichen Verständnisses der Mission.

Ökumenische Gremien erleben zur Zeit Schwierigkeiten auf der globalen und auf regionalen Ebenen. Wo liegen nach Ihrer Ansicht gegenwärtig die stärksten Herausforderungen für die ökumenische Bewegung und den ÖRK?

Parallel zur wachsenden Globalisierung haben wir es heute mit dem Phänomen der Zersplitterung und des Individualismus zu tun. Es gibt heute eine größere religiöse Vielfalt, selbst in der Christenheit, als in der Zeit, als unsere Vorväter die Notwendigkeit eines ökumenischen Projekts ins Auge fassten. Grund zur Sorge ist auch die Tatsache, dass sich innerhalb von Kirchen, die sich bisher mit der Ökumene verpflichtet wussten, nun starke Kräfte rühren, die sie zum Austreten aus den traditionellen ökumenischen Einrichtungen bewegen.

Doch diese Tendenzen und die Vielfalt der sich globalisierenden konfliktvollen Welt machen die ökumenische Bewegung umso nötiger und dringender. Die größte Herausforderung besteht deshalb darin, in unseren Kirchen die Flamme der Ökumene am Brennen zu halten und kreative Wege zu finden, unsere eigenen Kirchen auf der gemeinsamen ökumenischen Wanderung zu erneuern.

Dies Interview soll kurz vor der Tagung des Zentralausschusses veröffentlicht werden. Welche Botschaft möchten Sie den Mitgliedskirchen zu Beginn Ihres Mandats mitteilen?

Die ökumenische Vision ist etwas Schönes und Mitreißendes. Sie verbindet die legitime Vielfalt mit dem Willen zur Einheit. Als solche ist sie ein mächtiges Zeugnis in unserer globalisierten Welt, die so viele Formen des Ausschlusses kennt. Millionen Menschen leiden Hunger, in materieller und in geistlicher Hinsicht. Wir schulden ihnen glaubwürdige Rechenschaft über die Hoffnung, die uns bewegt und von Christus kommt (1. Petrus 3,15). Wir sind nicht berufen aufzugeben, sondern standhaft durchzuhalten. Das Projekt Ökumene geht wohl durch Veränderungen, aber es ist von bleibender Gültigkeit, denn es wurzelt in dem dreieinigen Gott selbst.

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Biographische Angaben und ein Foto des Pfarrers Walter Altmann
sind auf der Internetseite des ÖRK verfügbar.


Vorläufige Tagesordnung des Zentralausschusses (30. august - 6. september 2006), auf Englisch


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Der Ökumenische Rat der Kirchen fördert die Einheit der Christen im Glauben, Zeugnis und Dienst für eine gerechte und friedliche Welt. 1948 als ökumenische Gemeinschaft von Kirchen gegründet, gehören dem ÖRK heute mehr als 348 protestantische, orthodoxe, anglikanische und andere Kirchen an, die zusammen über 560 Millionen Christen in mehr als 110 Ländern repräsentieren. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche. Der Generalsekretär des ÖRK ist Pfr. Dr. Samuel Kobia, von der Methodistischen Kirche in Kenia. Hauptsitz: Genf, Schweiz.