Deutsche Psychiater lehnen "Tötung auf Verlangen" ab

Nachricht 04. August 2006

Hannover/Berlin (epd). Eine "Tötung auf Verlangen" ist nach Ansicht deutscher Psychiater und Psychotherapeuten keinesfalls mit dem ärztlichen Ethos vereinbar. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde hat jetzt in Berlin ein Positionspapier des Nationalen Ethikrates kritisiert, nach dem in besonders schweren Fällen eine Beihilfe zur Selbsttötung erlaubt werden sollte. Das Papier widerspreche dem beruflichen Selbstverständnis von Ärzten und sei ohne Beteiligung von Psychiatern und Psychotherapeuten verfasst worden, kritisierte die Gesellschaft.

Auch der Medizinethik-Experte der hannoverschen Landeskirche, Pastor Ralph Charbonnier, bedauerte am Freitag auf epd-Anfrage in Hannover, dass die Fachärzte nicht beteiligt worden seien. "Es bedarf psychiatrisch-psychotherapeutischer Kompetenz, um die Suizidwünsche schwer kranker Menschen zu verstehen." Dies gelte auch für die Überlastungsphänomene pflegender Angehöriger oder die Ängste von Ärzten, über lebensverlängernde Maßnahmen zu entscheiden.

Die Psychiater und Psychotherapeuten weisen darauf hin, dass Menschen, die an einer psychischen Erkrankung wie Depressionen leiden, in ihrer Urteilsfähigkeit eingeschränkt seien. "In einem solchen Fall kann nicht von einer selbstbestimmten Entscheidung gesprochen werden", heißt es. In den weitaus meisten Fällen bestehe kein Sterbewunsch mehr, wenn die Krankheitsphase durch eine entsprechende Therapie erst einmal überwunden worden sei. Ärzte und Angehörige anderer Heilberufe hätten eine zwingende Pflicht zur Suizidprävention.

Untersuchungen zeigten, dass zwei Drittel der Menschen, die sich selbst getötet hätten, zuvor an einer Depression litten. Körperliche Erkrankungen trügen mit mindestens 40 Prozent zum "Phänomen Suizid" bei. Es sei besonders schwerwiegend, wenn schwere Erkrankungen, eine Einschränkung der Lebensqualität sowie Schmerzen zu Depressionen und erhöhter Suizidneigung führten.

Aufgabe des Staates sei es, nicht nur das Recht auf Leben, sondern in Extremsituationen auch das Leben des Einzelnen vor ihm selbst zu schützen: "Das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen Menschen ist nicht höher zu bewerten als das höchste Gut, das Leben selbst", heißt es. Allerdings könne es keine Suizidverhütung um jeden Preis geben. Wenn das Wiederbeleben eines Menschen nach einem Selbsttötungsversuch das Sterben nur hinauszögere, sollte ein "sterben Lassen" weder bestraft noch berufsrechtlich geahndet werden.

Der Nationale Ethikrat hatte sich Mitte Juli gegen die aktive Sterbehilfe ausgesprochen. Einige Mitglieder setzten sich jedoch dafür ein, dass Ärzten in bestimmten Fällen die Beihilfe zum Suizid gestattet und institutionalisierte Beihilfe wie etwa bei der Organisation Dignitas erlaubt sein solle.

(epd Niedersachsen-Bremen/b2114/04.08.06)
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