Deutscher Pastor unterstützt Kulina im Amazonasgebiet Brasiliens

Nachricht 03. August 2006

Die Grammatik der Indianer
Deutscher Pastor unterstützt Kulina im Amazonasgebiet Brasiliens

Von Karen Miether (epd)

Hermannsburg/Kr. Celle (epd). Frank Tiss hat alles andere als einen Bestseller geschrieben. Der im niedersächsischen Hermannsburg ausgebildete Pastor verfasste ein Grammatikbuch für die Sprache "Madiha" der Kulina. Das Indianervolk in Brasilien zählt nach Schätzungen höchstens 4.000 Angehörige. "Außer ihnen können weltweit vielleicht 25 Menschen diese Sprache sprechen", sagt der 40-Jährige, der als Missionar die Ureinwohner unterstützt, bei einem Besuch in Hermannsburg.

Dabei zeige das Grammatikbuch, dass die Sprache der Kulina schön ist: "Sie ist alles andere als primitiv", sagt Tiss. Gemeinsam mit den Indianern hat er deren Land vermessen und kartiert, um Ansprüche zu sichern. Ehefrau Christiane ist, gefördert von der evangelischen Hilfsaktion "Brot für die Welt", als Ärztin im Amazonasgebiet tätig. Mit seinen drei Kindern lebt das Paar in Eirunepé, einem abgelegenen Ort im Südwesten des Bundesstaates Amazonas, der nur per Flugzeug oder Schiff zu erreichen ist.

"Wir wollen als Verbündete mit den Kulina für deren Rechte kämpfen", sagt Tiss. Jahrhunderte der Verfolgung, Ausbeutung und Herabsetzung hätten dazu geführt, dass andere Indianervölker aus Minderwertigkeitsgefühl ihre Sprache und Kultur aufgegeben haben. Die Anerkennung, die sie sich dadurch erhofften, gab es laut Tiss nicht. "Wenn eine Sprache von nur einer Generation nicht mehr gesprochen wird, bleibt sie verloren."

Christiane Tiss bezieht auch bei der Gesundheitsvorsorge die Kulina mit ein. Gemeinsam haben sie Sandfilter installiert, die Flusswasser reinigen. Anderswo würden Brunnen für Trinkwasser gebaut, sagt ihr Mann. "Manche Brunnen haben nur drei Monate gehalten, und niemand konnte sie reparieren." Die Filter dagegen hätten den Vorteil, dass die Dorfbewohner sie warten könnten. Für das System interessiere sich jetzt auch das brasilianische Gesundheitsministerium.

Seit zwölf Jahren setzt sich Tiss als von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) entsandter Pastor für die Kulina ein. Jetzt ist das Programm der EKD und einer der lutherischen Kirchen Brasiliens ausgelaufen. Damit der Missionar seine Arbeit fortsetzen kann, hat das Evangelisch-lutherische Missionswerk in Niedersachsen in Hermannsburg dafür ein Spendenprojekt aufgelegt (www.mission.de).

Dass die Kulina Sprache und Kultur bewahrt haben, sei fast ein Wunder, sagt der Pastor. Vor rund 150 Jahren wurde in ihren Wäldern Naturkautschuk entdeckt. Siedler kamen und förderten das damals begehrte Rohmaterial. "Die Kulina wurden zur Arbeit herangezogen, ihre auf Gemeinschaft ausgerichtete Sozialstruktur löste sich auf, und sie lebten wie Sklaven", weiß Tiss. Doch dann gründeten sie neue Dorfgemeinschaften, die den Niedergang der Kautschukgewinnung überdauerten.Auch heute kommen Eindringlinge in das angestammte Land der Kulina. "Es sind zum Beispiel professionelle Fischer und kleinere Holzfirmen", sagt Tiss. Zusammen mit den Indianern will er Strategien gegen die Landräuber entwickeln: "Einen einfachen Weg gibt es nicht, aber die Kulina haben eine ausgeprägte Kultur der Lösungsfindung."

(epd Niedersachsen-Bremen/b2081/03.08.06)
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