Freiwilliges Kulturelles Jahr steht bei Jugendlichen hoch im Kurs

Nachricht 10. Juli 2006

Von Dieter Sell (epd)

Bremen (epd). Die Probebühne des Bremer Theaters versinkt in absoluter Dunkelheit. "Moment, ich mach' Licht", beruhigt Svenja Moors und verschwindet mit entschlossenem Schritt im schwarzen Loch. Die 21-Jährige gehört zu bundesweit 450 jungen Leuten, die in Deutschland ein Freiwilliges Kulturelles Jahr absolvieren. Die meiste Zeit davon hat sie schon hinter sich und kennt die Probebühne nun wie ihre Westentasche. Im Labyrinth der Theatertechnik findet sie zielstrebig den Schalter für den richtigen Scheinwerfer.

Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums gibt es deutschlandweit rund 30.000 Einsatzstellen im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ). Die Kultur gehört dazu und ist ein ebenso kleiner wie begehrter Einsatzbereich: "Auf jeden Platz kommen zwölf Bewerber", sagt Kerstin Hübner von der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung in Berlin. Die Organisation hat vor fünf Jahren mit einem Modellprojekt den gesetzlichen Freiwilligendienst um die Kultur bereichert. Mittlerweile gibt es in allen Bundesländern Einsatzstellen, die von Bürgerzentren über traditionelle Theater bis zum Kinder- und Jugendzirkus reichen.

"Ich war zuerst unentschlossen und wusste nicht genau, in welche Richtung ich nach dem Abitur gehen wollte", erinnert sich Svenja Moors. Sie habe "einen kleinen Tick für die Kultur", der sie letztlich an das Theater gebracht hat. Dort betreut sie Proben und sorgt im Team dafür, dass die Requisiten immer da sind, wo sie auch hingehören.

So wie Svenja ist auch Saba Sameeian von den kreativen Freiräumen begeistert, die sich ihm auf seiner Einsatzstelle eröffnen. Der 22-Jährige arbeitet in einem Bremer Kulturzentrum, das vor allem von ausländischen Kindern und Jugendlichen besucht wird. Von der Hausaufgabenhilfe über das Internetcafé bis zum hauseigenen Ton- und Filmstudio hat der gebürtige Iraner schon viele Projekte angepackt. "Hier kannst du deinen Horizont erweitern", schwärmt er von seinem freiwilligen Jahr.

Ab September soll das Angebot auf 500 Plätze erweitert werden. "Die Nachfrage steigt", sagt die Bundestutorin und Theaterwissenschaftlerin Hübner - "und das bei einer Abbrecherquote von unter fünf Prozent." Doch die verbindliche Eigenbeteiligung der Einsatzstellen am Taschengeld und an der sozialen Absicherung schreckt die Kulturszene offensichtlich ab. "280 bis 450 Euro sind für kleine Initiativen, die keine Pflegesätze wie im sozialen Bereich bekommen, schon zu viel", verdeutlicht Hübner. Sie fordert von Bund und Ländern höhere Zuschüsse, damit sich mehr Jugendliche engagieren können.

Wie bei Saba und Svenja sind die Rückmeldungen auf das Jahr fast durchgängig positiv. Die kulturelle Auszeit forme nicht nur die Persönlichkeit der Jugendlichen, sondern nutze auch den Einsatzstellen, heißt es. "Die Freiwilligen bringen frischen Wind in die Arbeit", schwärmt Sybille Linke, Leiterin des Kreativ-Zentrums "workshop hannover". "Sie fragen nach und mischen schon dadurch längst eingespielte Abläufe auf. Sie sind wach, packen an, geben Denkanstöße und machen Vorschläge zur Veränderung."

Organisationen wie der Soziale Friedensdienst (SFD) in Bremen sind Träger des Kulturjahres, das eine pädagogische Begleitung einschließt. "Der Anspruch an die jungen Leute ist hoch", sagt SFD-Referent Andreas Rheinländer. Der alltägliche Spagat in der Kultur zwischen kreativem Chaos und notwendiger Verbindlichkeit ist wohl gar nicht so leicht: "Wer nicht selbstständig und verlässlich arbeiten kann, kommt in Schwierigkeiten."

Doch trotz der anspruchsvollen Aufgabe steht die Kultur bei den Jugendlichen auch nach Ende ihrer Dienstzeit hoch im Kurs. "Fast ein Drittel der Freiwilligen engagiert sich danach weiterhin ehrenamtlich bei der ehemaligen Einsatzstelle oder überhaupt in der Kulturarbeit", berichtet Bundestutorin Hübner.

Auch Saba Sameeian kann sich noch nicht trennen, obwohl er sein Jahr im Bremer "Haus für unsere Freundschaft" gerade abgeschlossen hat. "Ich habe hier teilweise 14 Stunden am Tag gearbeitet und bin jetzt abgehärtet." Nun blickt er entspannt seiner Ausbildung zum Rechtsanwalts-Fachangestellten entgegen. Doch bis dahin will er die Film-Werkstatt im Haus weiter ausbauen. Und auch Svenja Moors hat die Theaterluft gefallen. Sie arbeitet bereits an einer Skizzenmappe, um sich damit an einer Kunsthochschule für das Fach Bühnenbild zu bewerben.

Internet: www.bkj.de; www.pro-fsj.de

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Freiwilliges Jahr ist längst mehr als nur sozial

Bremen (epd). Als die Diakonie der evangelischen Kirche 1954 den Anstoß für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) gab, sollten vor allem junge Frauen für diese Arbeit begeistert werden. Heute ist das Freiwillige Jahr längst mehr als nur sozial. Jugendliche im Alter zwischen 17 und 27 Jahren können sich mittlerweile ökologisch oder sportlich, in der Denkmalpflege oder im Ausland engagieren. Heiß begehrt sind die Plätze im "FSJ Kultur", wie das Freiwillige Kulturelle Jahr offiziell heißt.

Zwar sind von den bundesweit rund 30.000 FSJ-Einsatzstellen derzeit nur 450 in Theatern, Kulturzentren und weiteren kulturellen Initiativen angesiedelt. Doch die Nachfrage ist groß. Auf eine Stelle bewerben sich nach Angaben der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung im Durchschnitt zwölf Jugendliche. Würden die Zuschüsse von Bund und Ländern für den Dienst steigen, entstünden weitere Stellen, die nach Meinung von Experten problemlos besetzt werden könnten. Bei den jungen Leuten ist das Angebot besonders zur Berufsorientierung beliebt.

Knapp 13,8 Millionen Euro investiert die Bundesregierung nach eigenen Angaben in das FSJ. Damit sind die Bundeszuschüsse seit 2001 um 5,2 Millionen Euro gestiegen - und sollten nach Auffassung der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung weiter angehoben werden. Immerhin: Im kommenden Jahr sollen benachteiligten Jugendlichen mit zusätzlichen Geldern aus dem Europäischen Sozialfonds und Bundesmitteln weitere Chancen für die Teilnahme am FSJ eröffnet werden.

Grundlage des FSJ ist das "Gesetz zur Förderung eines freiwilligen sozialen Jahres", das der Bund 1964 verabschiedet hat. Die Teilnehmer bekommen demnach ein Taschengeld und sind sozialversichert. Das Angebot gilt als Bildungsjahr und wird pädagogisch begleitet. Der Einsatz der Jugendlichen wird als Wartezeit bei der Studienplatzvergabe und in vielen Berufen als Vorpraktikum anerkannt. Seit August 2002 können anerkannte Kriegsdienstverweigerer das FSJ als Alternative zum Zivildienst wählen.

Internet: www.pro-fsj.de; www.bmfsfj.de; www.bkj.de
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