v. Vietinghoff: Zukunftspapier der EKD kein "Masterplan"

Nachricht 06. Juli 2006

Hannover (epd). Der Präsident des Landeskirchenamtes Hannover, Eckhart von Vietinghoff, hält weit reichende Reformen in der evangelischen Kirche für unverzichtbar. Das neue Perspektivenpapier der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gebe Anstoß für eine "streitige Diskussion" über die Zukunft der Kirche im 21. Jahrhundert, sagte der Kirchenjurist in einem epd-Interview. Das Papier sei jedoch kein "Masterplan". Die Fragen an Vietinghoff, der eine engere Verzahnung von EKD und konfessionellen Zusammenschlüssen angestoßen hatte, stellte Rainer Clos.

epd: Mit hochgesteckten Zielen will der Rat der EKD die evangelische Kirche langfristig zukunftstauglich machen. Was ist aus Ihrer Sicht die Hauptbotschaft des Positionspapiers "Kirche der Freiheit"?

Vietinghoff: Wir sagen erkennbarer, wer wir sind und was wir wollen: Evangelisch aus gutem Grund und auf gutem Grund. Die evangelische Kirche agiert, sie gestaltet Zukunft aktiv und reagiert nicht nur, folgt nicht nur bänglich den rasanten gesellschaftlichen Veränderungen. Und: Die Ortsgemeinde bleibt wichtig, doch muss Zielgerichteteres und Fantasievolleres angeboten werden für die sehr vielen Menschen, denen die Ortsgemeinde nichts gibt.

epd: Halten Sie es für realistisch, dass die Zahl der evangelischen Landeskirchen von derzeit 23 auf acht bis zwölf im Jahr 2030 verringert werden kann?

Vietinghoff: Landeskirchen sind kein Selbstzweck, sondern nur Mittel zu dem Zweck, ein umfassendes inhaltliches Angebot für die Kirchengemeinden und Kirchenkreise bereitzustellen. Dass dies angesichts der so extrem disparaten Kirchengrößen zwischen 60.000 und 3,1 Millionen Mitgliedern schon jetzt nicht überall gelingt und in Zukunft noch viel weniger gelingen wird, liegt auf der Hand. Die Orts- und Menschennähe einer Landeskirche hängt auch nicht von ihrer Kleinheit ab, sondern allein von ihrer inneren Aufgabenverteilung. Das Ziel und die Zeitachse sind also realistisch. Über die konkreten Formen des Zusammengehens wird man von Fall zu Fall reden können.

epd: Ein weiteres kühnes Ziel betrifft die Beteiligung an den kirchlichen Kernangeboten. Bei Gottesdienst, Taufe und Trauung will die evangelische Kirche ein "Wachsen gegen den Trend" einleiten. Wie soll das erreicht werden?

Vietinghoff: Das kann gelingen durch allerbeste Qualität in diesen menschennahen Angeboten, zu denen ich ausdrücklich auch die Beerdigungsgottesdienste zähle. Was heißt Qualität? Klarheit und Wiedererkennbarkeit in der liturgischen Form, Sicherheit und Stil in der konkreten Durchführung, Ehrlichkeit und Prägnanz in der Sprache und über und vor diesem allen ansteckende Glaubenszuversicht.
epd: Zugleich lässt das Papier keinen Zweifel daran, dass es in einigen Arbeitsfeldern der evangelischen Kirche Überdehnungen gibt. Auf welche kirchlichen Arbeitsgebiete sollen sich die Kräfte künftig konzentrieren?

Vietinghoff: Durchforsten wir zunächst sämtliche eher administrativen Aufgaben nach dem Motto: Es reicht doch, wenn dies einer für alle statt jeder für sich macht. Zum Beispiel genügt ein EKD-weites Pfarrerdienstrecht, Mitarbeiterrecht, etc. In der Diakonie werden wir selbstkritischer prüfen müssen, ob "Masse" immer auch erkennbar evangelische "Klasse" ist. Um "ehrenamtstauglicher" zu werden, brauchen wir klarere und einfachere Entscheidungsstrukturen und eine bessere Schulung der Hauptamtlichen.

Inhaltliche Vorgaben dagegen, was zu tun und zu lassen ist, darf es aber nur als weiten Rahmen geben. Evangelisch sein heißt, die Vielfalt nicht seufzend zu ertragen, sondern als Reichtum zu gestalten. So verstehe ich dieses Positionspapier auch nicht als abzuarbeitenden Masterplan, sondern als munteren Startschuss einer hoffentlich streitigen und dadurch folgenreichen Diskussion.

(epd Niedersachsen-Bremen/b1790/05.07.06)

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