Heiliger Rasen im Fußballtempel

Nachricht 07. Juni 2006

Theologen sind den Gemeinsamkeiten von Fußball und Religion auf der Spur

Von Michael Grau (epd)

Hannover (epd). Sie pilgern jede Woche in den "Fußballtempel", um auf dem "heiligen Rasen" ihre Halbgötter zu bestaunen. Sie tragen Kleidung in den Vereinsfarben, stimmen in der Fan-Kurve Choräle an, und manchmal ist sogar ein Chorleiter dabei. Fußball, so scheint es, feiert sich selbst wie eine Religion. Theologen sind daher den Parallelen zwischen Fußball und Kirche auf der Spur. "Ich wünschte mir, dass die Rituale in der evangelischen Kirche so klar und eindeutig wären wie im Fußball", sagt etwa der evangelische Theologieprofessor Christian Möller aus Heidelberg.

Der Einzug der Spieler in ihren einheitlichen Trikots mit dem schwarz gekleideten Schiedsrichter ist für Möller dem Einzug in einen Gottesdienst vergleichbar. "Manchmal sind Kinder dabei, die wirken wie Ministranten." Die Wechselrufe der Fans mit dem Stadionsprecher, der die Mannschaftsaufstellung oder einen Torschützen bekannt gibt, klingen für ihn wie "Responsorien" in der Kirche. Und wenn der Mannschaftskapitän den Siegespokal entgegennimmt, reckt er ihn in die Höhe wie der katholische Priester den Abendmahlskelch.

"Das Gemeinsame ist die Leidenschaft", erläutert Möller. Leidenschaft könne für den Fußball genauso entflammen wie für Gott. Und sie suche sich Formen und Rituale, in denen sie sich ausdrücken könne. "Für viele Menschen ist Fußball zu einer Art Ersatzreligion geworden", sagt der Professor. "Weil sie sich im Gottesdienst nicht mehr zu Hause fühlen, versuchen sie, Formen daraus auf den Fußball zu übertragen." Dies könne allerdings auch zum "Götzendienst" werden.

Auch der katholische Theologieprofessor Andreas Merkt aus Regensburg beobachtet, dass Menschen den Fußball nahezu religiös verehren: "Er übernimmt immer mehr Funktionen, die traditionell die Religion inne hat." Fußball vermittele vielen Menschen Hoffnung und Lebenssinn, rhythmisiere durch die Spieltage ihre Zeit und ordne die Welt in Freund und Feind. Merkt berichtet, dass sich im Ruhrgebiet zwei- bis drei Mal pro Monat Menschen in den gelb-schwarzen Farben von Borussia Dortmund beerdigen lassen.

Die Medien haben diesen Trend längst erkannt und heizen ihn kräftig an. "Rudi, jetzt hilft nur noch beten" titelte "Bild" vor zwei Jahren und zeigte einen Nationaltrainer Rudi Völler mit gefalteten Händen. "Klinsi, erlöse uns!", hieß es nach dem Amtsantritt von Teamchef Jürgen Klinsmann. In der Boulevard-Presse sind Fußball-Fans "Zwischen Himmel und Hölle", hoffen auf ein "Fußball-Wunder" und feiern die "irre Auferstehung" ihres Teams. Und manchmal können sie nur noch klagen: "Warum ist der Fußballgott so grausam zu uns?"

Der Religionspädagogik-Student André Lang aus Hannover hat für seine Examensarbeit und für eine Ausstellung während der WM eine Dokumentation über den Fußball-Kult zusammengestellt. "Unsere heilige Religion" schrieben Fans des 1. FC Nürnberg auf ein Transparent im Stadion. "Energie Cottbus, du sollst leuchten wie der hellste Heiligenschein", singen Fans des ostdeutschen Clubs, nachzulesen im "Gesangbuch für Fußballfans" im Europa-Verlag. Der Verlag der Süddeutschen Zeitung gab 2005 ein Buch mit dem Titel "Fußball unser" heraus - in schwarzem Einband mit Goldschnitt.

In Langs Sammlung findet sich auch das "Stoßgebet" an den "Fußballgott" aus der "Bild"-Zeitung: "Mach das Tor unserer Gegner ganz groß und das unsrige ganz klein", heißt es da. "Mach den Holländern Knoten in die Beine. Gib unseren Abwehrspielern neue, schnellere Füße." Lang, aktiver Fan von Hannover 96 und Mitglied im Bündnis "Rote Kurve", sieht das mit Humor, aber auch mit Skepsis: "Das ist der Punkt, wo es für mich zu weit geht."

Für den fußballbegeisterten Professor Merkt ist wichtig, dass Fußball ein Spiel bleibt. "Kritisch wird es, wenn in den Köpfen und

Herzen nur noch Fußball drin ist und kein Platz mehr für anderes." Die Kirche solle den Fußball konstruktiv kritisieren, rät er: "Da wo Fußball nicht mehr nur Fußball ist, sondern die Linien überschreitet, da sind Einwürfe nötig."

Mitunter zeigen sich die Spieler selbst genervt vom Kult um den Ball. "Ich habe auch von einem Fußballgott gesprochen und mich hinterher geärgert: Wie kannst du nur so einen Blödsinn von dir geben?", sagte der kurzzeitig zum "Torwartgott" erhobene Oliver Kahn. "Es gibt nur einen Gott." Fußball-Fan André Lang hat den "Fußballgott" längst als eine Erfindung der Medien entlarvt: "Im Stadion sprechen wir nicht von einem Fußballgott."

Auch der WM-Pfarrer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Hans-Georg Ulrichs, rät dazu, den Ball flach zu halten. Der Fußball trete von sich aus nicht als Religion auf, also solle man ihn auch nicht zu einer solchen umdeuten, sagt er: "Fußball-Fan bin ich einfach um des Fußballs willen."

(epd Niedersachsen-Bremen/b1524/07.06.06)
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