Das Vaterunser aus der Streichholzschachtel

Nachricht 23. Mai 2006

60.000 Ehrenamtliche gestalten evangelische Kindergottesdienste

Von Michael Grau (epd)
Hannover (epd). Bei Ulrike Rusche steckt das Vaterunser in einer Streichholzschachtel. "Man kann es herausziehen wie eine Ziehharmonika", erzählt sie im Kindergottesdienst der Nazareth-Gemeinde in Hannover. Sie zieht an einer Lasche, und nach und nach entfaltet sich vor den Augen der Kinder ein Papierstreifen mit dem Text des Gebets. "Oh, ist das lang", staunt Philipp (6). Wie Ulrike Rusche bringen in der evangelischen Kirche rund 60.000 Ehrenamtliche sonntags Kindern auf kreative Weise die christliche Botschaft nahe. Rund 3.000 von ihnen treffen sich am Wochenende in Hannover zur bundesweiten Kindergottesdienst-Gesamttagung.

"Ich habe schon immer gern etwas mit Kindern gemacht", sagt die 51-jährige Bürofachkraft Ulrike Rusche. Als vor anderthalb Jahren in ihrer Kirchengemeinde der Kindergottesdienst neu belebt wurde, war sie gleich mit dabei: "Es macht mir Spaß, den Kindern die biblischen Geschichten näher zu bringen. Bei uns geht das ganz locker, nicht so steif und streng." Auch ihre 17-jährige Tochter Kristina macht mit im neunköpfigen Vorbereitungskreis, einem von bundesweit rund 11.200.

Insgesamt werden durch die evangelische Kinderkirche in Deutschland wöchentlich rund 190.000 Kinder erreicht. "Das sind zehn Prozent aller getauften Kinder", sagt Pastor Erhard Reschke-Rank aus Aachen vom Kindergottesdienst-Gesamtverband der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Bei den Erwachsenen seien es nur drei Prozent. Im Blick auf die Zielgruppe sei der Kindergottesdienst damit der am besten besuchte Gottesdienst der Gemeinde, betont Reschke-Rank. Und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bildeten eine der größten Gruppen von Ehrenamtlichen.

Seit seinen Anfängen war der Kindergottesdienst eine Bewegung kirchlicher Laien. Seine Wurzeln liegen in England: Im Juli 1780 sammelte der Buchdrucker und Verleger Robert Raikes in London verwahrloste Kinder, die während der Woche in einer Fabrik arbeiten mussten, und brachte ihnen am Sonntag anhand von Bibel und Katechismus das Lesen und Schreiben bei. Diese Idee der "Sonntagsschule" verbreitete sich in den folgenden Jahrzehnten auch in Deutschland und über Auswanderer in den USA.

Heute will der Kindergottesdienst nicht nur Unterweisung, sondern vor allem eine kindgerechte gottesdienstliche Feier sein. Pastor Albert Wieblitz, Organisator der Gesamttagung in Hannover, warnt davor, in den Kindern nur die Erwachsenen von morgen zu sehen, die im Kindergottesdienst auf später vorbereitet werden sollen: "Kinder sind nicht nur die Zukunft der Kirche, sie sind bereits ihre Gegenwart. Sie sind vollwertige Mitglieder und haben ein Recht auf geistliche Begleitung."

In der Nazareth-Gemeinde beginnt der Kindergottesdienst in einem Nebenraum der Kirche mit einem etwa 20-minütigen Block aus Liedern, Gebeten und einer Geschichte. Die etwa 10 bis 20 Kinder dürfen unter Aufsicht die Kerzen anzünden, Liederbücher verteilen und die Kollekte einsammeln. Dann wird etwas gebastelt, zum Beispiel das Vaterunser aus der Streichholzschachtel. "Passt auf, dass die Richtung stimmt", sagt Ulrike Rusche, als sie Schere und Kleber an die Kinder verteilt. "Das Amen muss als erstes in die Kiste, sonst kommt das Vaterunser verkehrt herum heraus."

Für den Theologie-Professor Günter Ruddat aus Bochum hat der evangelische Kindergottesdienst in den vergangenen 50 Jahren dazu beigetragen, den Gottesdienst insgesamt kreativer und flexibler zu machen: "Er ist ein Motor für eine lebendige Kirche." Um so unverständlicher sei es, dass manche Gemeinden die Kindegkirche immer noch als "Stiefkind" betrachteten. "Der Kindergottesdienst ist keine bloße Kür in der Gemeinde", fordert auch Albert Wieblitz: "Er sollte im Zentrum des Interesses stehen."
(epd Niedersachsen-Bremen/b1389/23.05.06)
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