Experten: "Dignitas" schafft Anreize für Selbsttötungen

Nachricht 08. Mai 2006

Hannover (epd). Organisationen wie der Schweizer Sterbehilfe-Verein "Dignitas" schaffen nach Ansicht des Ethik-Experten der hannoverschen Landeskirche, Ralph Charbonnier, ein Anreiz-System für Selbsttötungen. "Es ist mit dem gesetzlich verankerten Lebensschutz nicht vereinbar, derartige Organisationen zuzulassen", sagte Pastor Charbonnier am Donnerstagabend bei einer Podiumsdiskussion in Hannover. Dagegen verwies der stellvertretende Vorsitzende des Vereins "Dignitas Deutschland", Uwe-Christian Arnold, auf das Recht der Selbstbestimmung.

"In unseren Zeiten großer Individualität darf mir niemand in meine Entscheidung über Leben oder Sterben hineinreden", sagte der Berliner Arbeitsmediziner Arnold. Mehr als 70 Prozent der Menschen, die sich bei "Dignitas" meldeten, würden falsch behandelt und seien schmerzmedizinisch unterversorgt. Der Verein bietet in der Schweiz eine Selbsttötung gegen Bezahlung an. Der lebensmüde Klient erhält ein tödliches Medikament, das in Deutschland verboten ist. Im vergangenen September gründete "Dignitas" in Hannover den ersten Verein in Deutschland.

Der ehemalige hannoversche Landesbischof und jetzige Abt zu Loccum, Horst Hirschler, sagte, dass suizidgefährdete Menschen fast immer einsam und verzweifelt seien und mit ihrem gegenwärtigen Leben nicht zurechtkämen. Schon Martin Luther habe festgestellt, sich selbst zu töten sei so, als wenn derjenige von einem Räuber im Wald erschlagen
werde: "Er kann sich gegen sich selbst nicht wehren." Der Suizid müsse eine Ausnahme bleiben, deshalb lehne er Sterbehilfe-Vereine grundsätzlich ab.

Die Geschäftsführerin des hannoverschen Uhlhorn-Hospizes, Anke Reichwald, sagte, dass viele schwerstkranke Menschen, die im Hospiz aufgenommen würden, den Wunsch hätten, sich zu töten. Sobald ihre Schmerzen jedoch gelindert würden, ändere sich ihre Einstellung: "Wenn Angst und Einsamkeit keine Rolle mehr spielen, tritt auch der Suizid-Wunsch in den Hintergrund."

Einig waren sich die Experten, dass die schmerzmedizinische Versorgung dringend verbessert werden müsse. Bisher ist die schmerzlindernde Palliativmedizin nur an einer einzigen Universität in Deutschland ein Pflichtprüfungsfach für Mediziner, nämlich in München. Ralph Charbonnier forderte außerdem, dass es einen gesetzlichen Rechtsanspruch auf eine palliative Versorgung geben müsse: "Sämtliche Initiativen gehen ins Leere, solange die Palliativmedizin nicht von den Kassen bezahlt wird und allein von Spenden leben muss."

(epd Niedersachsen-Bremen/b1189/05.05.06)
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