Predigt der Landesbischöfin im Berliner Dom, 30.4.

Nachricht 30. April 2006

Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann
Predigt im Berliner Dom am 30. April 2006

Liebe Gemeinde,

bisher galt: Kinder erziehen, Alte pflegen - Frauenkram halt, Gedöns. Dafür haben wir Ministerinnen für Frauen, Familie, Jugend, Senioren und was noch so alles nicht ganz so wichtig ist. Auf einmal rückt das in den Mittelpunkt. Männer sollen sich sage und schreibe zwei Monate um den Nachwuchs kümmern – ja, wie weit sind wir denn gekommen in Deutschland? Eine Ministerin, die sich als Christin outet – so ein Outing scheint heute geradezu staatsgefährdend!

Vor 10 Tagen gab es hier in Berlin eine Pressekonferenz, bei der ein „Bündnis für Erziehung“ vorgestellt wurde. Seitdem wurde ich überschüttet mit Mails, Faxen und Briefen, die erklärten, die Kirchen hätten sich zurückzuhalten und was denn bitte schön christliche Werte sein sollten? Wir leben offenbar in einem Land, das seine freiheitliche Grundordnung und seine Verfassung christlichem Gedankengut verdankt, aber gleichzeitig geradezu reflexartig jeden Bezug auf christliche Werte panisch von sich weist.

Deshalb heute eine Themenpredigt – wir müssen doch zumindest untereinander Klarheit finden, was uns die Bibel als Grundlage auf den Weg gibt. Beginnen wir mit der

►Gottes- und Nächstenliebe

Als das höchste Gebot benennt Jesus aus der jüdischen Tradition heraus: Gott über alle Dinge lieben und den Nächsten wie dich selbst (Mt.22,27ff.). Wer Gott bekennt, weiß sich verantwortlich. Da lebe ich nicht vor mich hin, sondern weiß, dass ich meinem Schöpfer rechenschaftspflichtig bin für mein Leben. Christliche Erziehung nimmt die Gottesbeziehung und die Beziehungen zu anderen Menschen ernst. Dadurch entsteht ein anderes Weltverhältnis. Ein Kind, das lernt, abends zu beten: „Wenn ich Unrecht hab getan, sieh‘ es, lieber Gott, nicht an“ oder: „Alle, die mir sind verwandt, Gott, laß’ ruhn in deiner Hand“ bleibt nicht für sich allein. Es reflektiert das eigene Tun und Handeln und bringt es vor Gott, weiß sich aber auch im Scheitern gehalten. Und es betet für andere. Ein Kind Beten lehren, eröffnet ihm neue Horizonte. Ja, es mag Streit und Auseinandersetzung geben. Aber die Würde jedes Menschen wird mit der Sorge für andere in der christlichen Erziehung verinnerlicht.

Viele Eltern sagen, ihr Kind solle die eigene Religion einmal selbst wählen. Ich kann mich aber nur für oder auch gegen etwas entscheiden, das ich kenne. Aber Eltern sind als Vorbild unersetzbar in der Erziehung. Es gilt, dem Kind Antworten zu geben auf die existentiellen Fragen, die unweigerlich auftauchen: Wo komme ich her? Wer hat die Welt geschaffen? Wo ist der Opa jetzt? Das Weitergeben der biblischen Geschichten etwa ist nicht nur religiöse Erziehung, sondern bedeutet auch Aneignung der eigenen Kultur und Tradition.

►Zehn Gebote

Neben der grundsätzlichen Gottes- und Menschenbeziehung geht es vor allem um Verantwortung und Freiheit. In der jüdisch-christlichen Tradition geben die 10 Gebote Regeln für ein gutes Leben vor, sind Geländer für ein gelingendes Miteinander! Werte vermitteln kann ich allerdings nur, wenn ich selbst dazu stehe. Ich kann nicht „Du sollst nicht stehlen“ als Gebot erläutern und dann den Bademantel aus dem Hotel mitnehmen. Eigene Glaubwürdigkeit ist zentrale Voraussetzung für Wertevermittlung.

So können Eltern auch nicht mit Drohgebärde das vierte Gebot ausrufen: „Du sollst Vater und Mutter ehren!“, wenn sie ihr Kind schlagen. Es geht um die gegenseitige Achtung der Generationen, Respekt voreinander, vor allem gegenüber den Alten, gegenüber der Großelterngeneration.

Nicht töten, das fünfte Gebot bezieht sich auf meine Haltung anderen gegenüber. Ja, es kann Konflikte geben, wenn kleine Jungen sich plötzlich sehnlichst ein Gewehr wünschen. Das schlichte Verbieten wird die Sehnsucht noch vergrößern. Wie so oft: Es geht darum, miteinander zu reden, Grenzen zu setzen, zu Werten zu stehen und auch, Kompromisse zu finden. Wir müssen den Kindern erklären, warum. Eltern sind nicht unhinterfragbar. Wären sie das, dann wären sie nur autoritär. Ringen sie mit dem Kind aus einer eigenen Wertehaltung heraus, gewinnen sie Autorität.

Kommen wir damit zum sechsten Gebot, das heute manches Mal belächelt wird. Wenn es um Ehebruch geht, sind Kinder äußerst sensibel. Es irritiert sie ohnegleichen, wenn die Eltern sich nicht mehr lieben, wenn die Beziehung der Eltern zerbricht, neue Partner auftauchen. Und das tut ja auch weh, auch Erwachsenen, das sollten wir nicht verharmlosen! Den Kindern aber deutlich zu machen: ja, wir wollten zusammen bleiben, bis der Tod uns scheidet, aber wir sind gescheitert, das ist wichtig. Und zu sagen: Unsere Beziehung zerbricht, ja, aber nicht unsere Beziehung als Vater und Mutter zu dir. Das biblische Menschenbild kennt die Verführbarkeit und das Scheitern von Menschen an den vorgegebenen Regeln seit Adams und Evas Zeiten. Das muss mit Kindern offen besprochen werden, damit es ihnen nicht so viel Angst macht.

Die weiteren Gebote, die davon handeln, nicht zu stehlen, nicht zu lügen und nicht zu begehren, was andere besitzen, sind auch heute für Kinder sehr einleuchtend. Es ist doch schon in ihrer Welt deutlich, was es heißt, wenn andere sich nehmen, was mir gehört. Ja, es gibt die christliche Aufforderung zum Teilen. Aber ein Kind zum Teilen zu zwingen, halte ich für falsch. Es lernt ja gerade erst die Abgrenzung, entdeckt, dass da etwas meins ist und das andere nicht. Und es kann lernen, wie andere sich freuen, wenn sie teilen. Aber das ist erst ein Lernen aus Erfahrung.

Kinder wissen sehr gut, wie weh es tut, belogen zu werden. Ehrlichkeit als Grundlage des Zusammenlebens ist entscheidend, für sie, in der Familie wie in der Erwachsenenwelt. Ebenso lehrt sie allein schon die Erfahrung, dass es krank machen kann, immer zu wollen, was andere haben. Dazu müssen aber auch die Eltern eine Ethik der Grenze kennen, statt sozusagen gelb vor Neid zu sehen, was andere haben.

Auch die drei religiösen Gebote sind Kindern gut zu vermitteln. Dass Gott an erster Stelle stehen soll und wir keine anderen Götter haben sollen, ist doch eine entscheidende Aufteilung im Leben. Es geht darum, was wichtig ist und was nicht und darum, dass wir Gottes Namen respektieren. Dass wir schließlich den Feiertag ernst nehmen, weil es schön ist, wenn manche Tage anders sind als jeder Tag, ist schlicht einleuchtend. Wichtig ist, ob das in der Familie eben auch wahrgenommen wird. Diese Feste können auch nicht gefeiert werden. Wer sie aber feiert, sollte sie auch einbetten, in den inhaltlichen Zusammenhang, aus dem sie gewachsen sind. Was Menschen am Heiligen Abend feiern, wenn sie nicht zum Gottesdienst gehen, das Lukasevangelium nicht lesen, bleibt für mich schleierhaft. Das ist dann wohl ein inhaltsleeres Winterwohlfühlfest. Und Ostern gibt es nicht billig mit bunten Eiern allein, sondern Osterfreude kommt von Karfreitag her. Das Kreuz ist das zentrale Symbol des Christentums, ohne Kreuz kein Ostern. Es gibt das „Reich des Todes“, in das Jesus hinabgestiegen ist, wie wir jeden Sonntag bekennen. Es gibt Leid und Tod. Dass der christliche Glaube das nicht verschweigt und ignoriert ist wichtig, auch für Kinder.

Insofern sind die Gebote Regeln für ein gelingendes Miteinander, die Kindern ein Wertegerüst mit auf den Weg geben. Sie mögen gegen diese Regeln verstoßen, sie vielleicht in einer anderen Phase in ihrem Leben auch über Bord werfen. Aber doch bleiben sie tief verwurzelt.

►Lebenshaltung und Menschenbild

Aber es sind ja nicht nur das höchste Gebot und die Zehn Gebote, die ein Geländer für das Leben geben. Christliche Erziehung bedingt eine Lebenshaltung, die sich in vielen Bereichen zeigt. Da ist das bereits genannte Menschenbild: Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild. Da ist die realistische Einschätzung, dass Menschen verführbar sind und oft größenwahnsinnig, wie schon beim Turmbau zu Babel, wie in Tschernobyl, dem Vorzeigeobjekt sowjetischer Leistungsfähigkeit. Das ist nicht neu, so sind die Menschen. Und trotzdem gibt es immer wieder einen Neuanfang, ist Vergebung möglich nach einem Scheitern, kann Versöhnung geschehen. Ein Umgang mit Scheitern, der das Kind nicht zum Versager abstempelt, ist von großer Bedeutung etwa in der Schule. Jeder Mensch hat dieselbe Würde - wer diese Grundüberzeugung in der frühkindlichen Erziehung lernt, respektiert jeden Menschen, sei er noch so verwundbar, sei sie noch so anders.

►Schöpferlob und Verantwortung

Hinzu kommt für mich eine Grundhaltung der Dankbarkeit. Das Schöpferlob etwa in der Bibel ist wunderbar, gerade in den Psalmen. Das erklingt in vielen Kindergebeten, „Kein Tierlein ist auf Erden, Dir, lieber Gott zu klein“, etwa oder: das Kinderlied „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“.

Ich halte in diesem Zusammenhang den biblische Begriff der Haushalterschaft für besonders hilfreich. Wir sind Haushalterinnen und Haushalter Gottes. Die Erde ist uns anvertraut, damit wir sie hegen und pflegen und weitergeben an kommende Generationen. Das stellt uns in eine verantwortliche Position. Auch ein Kind hat Verantwortung und wächst am Verantwortungsbewusstsein als ein Glied in der Reihe durch die Jahrhunderte und um den ganzen Erdkreis.

Schließlich führt solcher Glaube zu einem mündigen Blick auf die Wirklichkeit und zu Engagement in der Welt. Mehr als jede Generation zuvor wird die jetzt heranwachsende vor enorme ethische Entscheidungen gestellt sein. Das Individuum muss Stellung beziehen, wo alte Muster ihre Selbstverständlichkeit verloren haben. Ich denke an Fragen der Gentechnologie, der Fortpflanzungsmedizin, der Sterbehilfe, der Energiegewinnung. Deshalb brauchen Kinder klare eigene Wertvorstellungen, die ihnen helfen, eine klare Grundhaltung zu finden, nicht auf sich selbst fixiert zu bleiben, sondern standhaft Position zu beziehen. Ich bewundere, wie manchen christlichen Eltern das in der DDR gelungen ist.

Der christliche Glaube ermutigt zum Engagement in der Welt. Er ist kein Glaube für das stille Kämmerlein, so sehr das eigene Beten und der Gottesdienst miteinander seine Praxis bestimmen. Sich einmischen, mitgestalten, mitreden, nicht kuschen, sondern für die eigenen Werte eintreten, das gehört dazu. Ich bin überzeugt, eine christliche Grundhaltung macht widerstandsfähig, auch gegen alle Arten von Verführbarkeit. Durch sie erhalten Kinder wohl auch die kritische Kompetenz, sich in unserer Welt zu orientieren und stand zu halten. Dazu gehört eben auch, dass wir als Christinnen und Christen in einer Gemeinschaft leben. Wir begleiten einander kritisch, setzen uns auseinander, stärken und stützen uns, feiern unsere Gemeinschaft miteinander und mit dem auferstandenen Christus wie heute im Abendmahl.

Christliche Erziehung ist Werteerziehung. Sie ist kein Zwang, aber ein relevantes Angebot in unserem Land. Sie trägt dazu bei, dass aufrechte und freie Menschen in unserem Land aufwachsen, mit Standpunkten, die sie in unsere Gesellschaft einbringen. Kinder, die auch dem Dialog der Kulturen und Religionen gewachsen sind, weil sie wissen, auf welcher Grundlage sie stehen und wofür sie eintreten. Kinder, die den Mut haben, einzutreten für ihre Grundüberzeugungen.

Es ist eine große Leistung von Eltern, Großeltern, Paten, Erzieherinnen, Lehrkräften und vielen anderen, Kinder so zu erziehen. Aber es ist auch ein großes Geschenk, Kinder so heranwachsen zu sehen, sie begleiten zu dürfen. Kinder sind eben nicht nur eine Last, sondern wahrhaftig ein Segen. Sie lernen von uns, wir lernen von ihnen. Und, zur Beruhigung: Wenn in der Zeit der Pubertät Kinder manchmal alles über Bord zu werfen scheinen, was in ihrer Erziehung eingebracht wurde, dann ist eine große Portion Gelassenheit angebracht oder eben auch Gottvertrauen. Die Wurzeln, die wir in der Erziehung legen, sie werden keimen, da bin ich mir ganz sicher.

Ja, es herrscht Religionsfreiheit im Land – Gott sei Dank! Das ist auch die Freiheit, ohne Religion zu leben. Aber das ist auch klar: Kinder haben religiöse Fragen. Denen können Eltern nicht einfach ausweichen. Ist das nun ausgrenzend? So manche Reaktion hat mir noch einmal alle Verfehlungen und Versäumnisse unserer Kirche von den Kreuzzügen bis zur Zeit des Nationalsozialismus vorgelegt. Ja, unsere Kirche und viele Christen haben sich verführen lassen durch Ideologie und Macht, keine Frage. Damit wurden Menschen wie Institution aber immer der Botschaft selbst untreu. Ich halte es nicht für eine „Ausgrenzung“ bzw. einen „Mangel an Respekt und Demut“, wie es hieß, wenn Christinnen und Christen die Wertehaltung ihres Glaubens in die öffentliche Debatte einbringen. Mir ist wichtig, dass Minderheiten in unserem Land geschützt werden. Aber manchmal drängt sich der Eindruck auf, während jeder Glaube und Nichtglaube mit allergrößtem Respekt und höchster Vorsicht behandelt wird, werden Menschen christlichen Glaubens hierzulande heftigst in die Schranken gewiesen, sobald sie sich irgendwie zu Wort zu melden wagen. Die beiden großen Kirchen vertreten rund 50 Millionen Menschen in unserem Land. Ihre Tradition hat unsere Kultur tief geprägt. Wir versammeln täglich in 20 000 Kindertagesstätten 1, 2 Millionen Kinder. Warum dürfen wir unsere Grundüberzeugungen nicht einbringen mit ihren Werten in die Öffentlichkeit? Und warum darf die Politik nicht mit ihnen als Anbietern auf dem, sagen wir, „Markt der Werte“ sprechen? Ganz offen, nicht heimlich, verborgen. Die Trennung von Staat und Kirche, die wir bewusst bejahen, bedeutet doch kein Rede- und Bündnisverbot!

Ein Pastor schrieb mir: „Wir haben in Deutschland eines der ungerechtesten Bildungssysteme in der ganzen Welt ... Das System bevorzugt die Elite bis zum geht nicht mehr und stigmatisiert die Schwächeren ... was - bitte schön - hat das alles mit Werten oder mit Erziehung zu tun? Ich verstehe das nicht. Werteerziehung ist schon vom Begriff her etwas, was nur mit Elite und Oberschicht zu tun haben kann.“ Das ist ein tiefes, trauriges Missverständnis! In den letzten Jahren hat die Wissenschaft nachgewiesen, dass frühkindliche Erziehung entscheidende Weichen stellt. In den ersten drei Lebensjahren werden entscheidende Weichen für die Beziehungsfähigkeit gestellt. Da lernen Kinder den Umgang von Menschen miteinander: Zuwendung und Geborgenheit, Rücksichtnahme und Achtung vor dem anderen. Sie lernen Grenzen anzuerkennen und dass ihre eigene Verletzbarkeit eine Bedeutung in der Familie hat. Oder sie lernen es eben nicht und erfahren gar nicht, dass sie eine eigene Würde haben. Werden ihre Gefühle und Empfindsamkeiten mit Füßen getreten, wirkt sich das dramatisch in ihrem Verhalten gegenüber anderen aus. Vom dritten bis sechsten Lebensjahr nimmt das Lernen dann einen entscheidenden Platz ein. Wenn Kinder in dieser Zeit nicht gefördert werden, keine Anregungen erfahren, wird keine Neugier am Lernen geweckt. Hier bietet christliche Erziehung eine große Chance im Pisa-Schlusslicht-Land! Die entscheidenden Weichen werden vor der Einschulung gestellt und frühkindliche Bildung ist auch ein Weg aus der Armut.

Insofern sollte bei allem Klagen und Jammern über Gewalt an Schulen und der Suche nach Orientierung unsere Kirche mit gutem Grund ihre Überzeugungen und Werte einbringen. Als Angebot in einem Land mit Religionsfreiheit, das Generationen vor uns in diesem Land Halt und Wegweisung gegeben hat. Ich bin zutiefst überzeugt: Christliche Werte sind wegweisend auch für die nachwachsende Generation im 21. Jahrhundert. Verstecken wir uns nicht mit diesen Werten. Gottvertrauen und Nächstenliebe, 10 Gebote, ein Menschenbild von Würde und Respekt – dazu sollten wir stehen! Amen.