Von der Leyen startet "Bündnis für Erziehung" / Statement der Landesbischöfin

Nachricht 20. April 2006

Von Jutta Wagemann (epd)

Berlin/Hannover (epd). Margot Käßmann brachte es auf den Punkt. Nach Ereignissen wie dem Brandbrief der Lehrer der Berliner Rütli-Schule werde der Ruf nach Werten laut. Wenn sich die Kirchen dann aber als Anbieter auf dem Markt der Werte präsentierten, sei offenbar die Angst groß, dass christliche Werte oktroyiert werden sollten. So fasste die evangelische Landesbischöfin von Hannover die widersprüchliche Stimmung zusammen, die auch das am Donnerstag präsentierte, neue "Bündnis für Erziehung" begleitet.

Kaum war bekannt geworden, dass Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) mit den beiden großen Kirchen ein Bündnis für wertegebundene Erziehung starten will - im übrigen die Fortsetzung einer Initiative ihrer Vorgängerin Renate Schmidt (SPD) - ging die Empörung los. Die FDP fürchtete die Entmündigung der Eltern und ein Monopol der Kirchen. Die Grünen warnten vor Ausgrenzung. Die Arbeiterwohlfahrt fühlte sich düpiert. Der Zentralrat der Juden in Deutschland bezeichnete es als "ziemlich schmerzlich", keine Einladung erhalten zu haben.

Ein wenig mag es der ruhigen Osterzeit geschuldet sein, dass das Bündnis schon vor der Gründung so viel Aufmerksamkeit fand. Vermutlich hat die geballte Kritik aber auch viel mit der Ministerin selbst zu tun. In ungewöhnlicher offener Manier befürwortet von der Leyen die christliche Erziehung von Kindern. In mehreren Interviews in den vergangenen Monaten zeigte sich die Christdemokratin als Verfechterin für Religiosität, präsentierte sich als Mutter, die mit ihren Kindern betet.

Das sind von einer Bundespolitikerin ungewohnte Töne, die schnell übel genommen werden. Zugleich kämpft von der Leyen für das in ihrer eigenen Partei umstrittene Elterngeld, das es berufstätigen Müttern und Vätern erleichtern soll, wegen eines Kindes vorübergehend zu Hause zu bleiben. Daher wurde rasch vermutet, sie hofiere die Kirchen, um den rechten Flügel ihrer Partei zu beruhigen.

Sowohl das Argument der politischen Instrumentalisierung als auch der Ausgrenzung anderer Gruppen wiesen die Beteiligten von sich. Unter Rechtfertigungsdruck waren sie dennoch gekommen. "Eine Ministerin darf doch wohl ein Gespräch führen mit Vertretern von Trägern, die fast die Hälfte der Kindergartenplätze stellen?", fragte Käßmann rhetorisch. Kardinal Georg Sterzinsky, der katholische Erzbischof von Berlin, beeilte sich, darauf hinzuweisen, dass die weltanschauliche Neutralität des Staates nicht in Frage gestellt werden soll.

Die beiden Kirchenvertreter erinnerten aber auch an das, was die Kirchen einzubringen haben: das christliche Menschenbild, das jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit betont, mit unveräußerlicher Würde und in Respekt vor den Mitmenschen. "Wir haben Werte einzubringen, die der ganzen Gesellschaft nützen", sagte Sterzinsky.

Die Ministerin verwies auf die Zahlen: Unter allen freien Trägern bieten die Kirchen 72 Prozent aller Plätze in Kindergärten und Kindertagesstätten an. Jüdische oder muslimische Kindergärten gebe es hingegen nur sehr selten. Doch von der Leyen versteckte sich nicht hinter der Statistik. "Unsere Kultur gründet auf der christlichen Kultur", betonte sie und zog eine Linie von den zehn Geboten zum Grundgesetz. Zudem bedeute die Freiheit von Religion nicht, mit Kindern nicht über religiöse Fragen zu sprechen.

So nebulös die Ministerin ließ, wie das "Bündnis für Erziehung" die Wertevermittlung in den Kitas und Familien stärken will, so klar verteidigte von der Leyen ihren Start mit den Kirchen. Die Kritiker bleiben dennoch nicht unerhört. Im Herbst soll es das nächste Treffen geben - mit anderen Religionsgemeinschaften und Wohlfahrtsverbänden. "Die Tür steht weit offen", sagte von der Leyen.

(epd Niedersachsen-Bremen/b1032/20.04.06)
Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen
+++

In frühkindlicher Erziehung werden entscheidende Weichen gestellt
Landesbischöfin Margot Käßmann beim „Bündnis für Erziehung“

Die Gesellschaft müsse klären, zu welchen Werten die Kinder erzogen werden. Dies machte Landesbischöfin Margot Käßmann am Donnerstag, 20. April, in Berlin vor Journalisten deutlich. Die Bischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers nahm für den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an einem ersten Gespräch des „Bündnisses für Erziehung“ teil. Zusammen mit dem Erzbischof von Berlin, Georg Kardinal Sterzinsky und Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat sie Motive, Ziele und weitere Schritte vorgestellt.

Wörtlich erklärte Landesbischöfin Margot Käßmann bei der Pressekonferenz (Es gilt das gesprochene Wort):
Statement bei der Pressekonferenz anlässlich des Bündnisses für Erziehung
Berlin, 20. April 2006

Die Evangelische Kirche in Deutschland beteiligt sich mit Engagement am Bündnis für Erziehung, weil wir überzeugt sind, dass in der frühkindlichen Erziehung entscheidende Weichen gestellt werden. Unsere Werte und die Orientierungsleistung des christlichen Glaubens wollen wir gern in dieses Bündnis einbringen.

Dass Kinder nicht nur als Objekte unseres Handelns gesehen werden, auch nicht als bloße Rentensicherung oder in ihrer Bedeutung für die Sozialsysteme, ist für mich entscheidend. Es ist ein Trauerspiel, wenn Kinder nur noch als Last und Kostenfaktor berechnet werden. Sie sind für mich ein Geschenk Gottes. Es ist ein Segen, mit Kindern leben zu dürfen und eine große Verantwortung, sie zu erziehen. Sie sind undbleiben Subjekte, mit ihrem ganz eigenen Recht, ihrer eigenen Würde und Bedeutung. Im Evangelium ist das angesprochen: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...“.

Vielerorts wird dieser Tage heftig über Gewalt an Schulen diskutiert. Der Brief der Rütli-Schule hier in Berlin hat dazu traurigen Anlass gegeben. Und es hagelt nur so Lösungsvorschläge von pädagogischen Maßnahmen bis zur Ausweisung aus Deutschland. Fast scheint es, als wären die Schulen in Deutschland Orte der Gewalt in einer ansonsten friedlichen Welt.

Das aber ist ein Irrtum. Zuallererst wird Gewalt in der Familie erfahren und gelernt. Wie sind denn diese Jugendlichen aufgewachsen, die da prügeln und Pornos auf dem Handy verschicken, die keine Grenzen und keinen Respekt kennen und bei alledem ihre eigene Zukunft verspielen?

In den ersten drei Lebensjahren werden entscheidende Weichen für die Beziehungsfähigkeit gestellt. Da lernen Kinder den Umgang von Menschen miteinander: Zuwendung und Geborgenheit, Rücksichtnahme und Achtung vor dem anderen. Sie lernen Grenzen anzuerkennen und dass ihre eigene Verletzbarkeit eine Bedeutung in der Familie hat. Oder sie lernen es eben nicht und erfahren gar nicht, dass sie eine eigene Würde haben. Ihre Gefühle und Empfindsamkeiten werden mit Füßen getreten. Das wirkt sich dann dramatisch in ihrem Verhalten gegenüber anderen aus.

Vom dritten bis sechsten Lebensjahr nimmt das Lernen dann einen entscheidenden Platz ein. Wenn Kinder in dieser Zeit nicht gefördert werden, keine Anregungen erfahren, wird keine Neugier am Lernen geweckt.

Deshalb muss die Lösung der Probleme viel früher ansetzen als in der Schule. Junge Eltern brauchen Hilfe und Unterstützung. Ihnen muss klar werden, dass ihre Kinder anderen nur Respekt und Achtung entgegenbringen, wenn sie das selbst durch ihre Eltern erfahren. Wir müssen Eltern Angebote machen und sie ermutigen, solche Angebote auch wahrzunehmen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Engagement! Horte und Kindertagesstätten könnten Orte werden, an denen Erziehungsberatung geleistet wird. Wir brauchen in der Tat ein Bündnis für Erziehung! Die nachwachsende Generation sollte uns jede Investition wert sein. Auch damit an Schulen wieder gelernt werden kann. Denn wir überfrachten die Schulen, wenn wir ihnen nicht nur die Bildungs- sondern auch noch die Erziehungsaufgabe zumuten.

Zu welchen Werten aber erziehen wir unsere Kinder? Das müssen wir als Gesellschaft klären, auch um deutlich zu machen, in welche Gemeinschaft, mit welchen Grundüberzeugungen wir Zuwanderer integrieren wollen. Die Antwort des Christen, der Christin lautet zuallererst: es geht um Gottvertrauen, Nächstenliebe und Verantwortung. In der Weitergabe des Glaubens werden auch Werte und Lebenshaltung vermittelt. Ich denke etwa das höchste Gebot „Du sollst Gott über alle Dinge lieben und deinen Nächsten wie dich selbst“. Auch die 10 Gebote sind für uns auch heute ein guter Leitfaden für Erziehung, für Nächstenliebe, Respekt vor der Würde des anderen und Achtung von Grenzen.

Mir liegt viel an Tageseinrichtungen für Kinder in kirchlicher Trägerschaft, eben weil sie Werte, Tradition und Glauben vermitteln. Hier lernen Kinder beten und singen, sie lernen die Geschichten und Rituale des christlichen Glaubens kennen und eine Lebenshaltung, die andere Menschen und die Schöpfung achtet. Sie tragen so zu einer ganzheitlichen Erziehung zu Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit bei und dienen damit letzten Endes auch einer Kultur des Friedens. Dies muss sich gerade unter den multikulturellen und multireligiösen Bedingungen der Gegenwart zeigen und bewähren. Die Zukunft von Kirche und Gesellschaft wird auch von der Nachhaltigkeit der Bildungsprozesse abhängen, die sich täglich in den rund 9.000 evangelischen Kindertagesstätten ereignen. In ihnen arbeiten etwa 61.000 Menschen, und es tummeln sich darin mehr als 540.000 zur Bildung fähige und Bildung erwartende Kinder. Zu ihrer Konzeption hat der Rat der EKD 2004 unter dem Titel „Wo Glaube wächst und Leben sich entfaltet. Der Auftrag evangelischer Kindertagesstätten“ seine grundsätzlichen Überlegungen zusammengefasst.

Hannover/Berlin, 20. April 2006
Pressestelle der EKD
Christof Vetter / Silke Fauzi