Reaktorkatastrophe von Tschernobyl - 20 Jahre danach

Nachricht 19. April 2006

In einem Brief an alle Gemeinden der hannoverschen Landeskirche erinnert Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann an das Reaktorunglück von Tschernobyl und bittet darum, in den Gottesdiensten am 23. April oder in einzelnen Aktionen am 26. April dieser Katastrophe zu gedenken.

Wie viele andere Menschen hat auch die Landesbischöfin persönliche Erinnerungen an die Tage nach dem Reaktorunfall: „Ich selbst habe auf der Rückfahrt vom Krankenhaus mit unseren neugeborenen Zwillingen erstmals im Radio etwas davon gehört. Am 1. Mai schien die Sonne, die Babys lagen friedlich auf einer Decke auf dem Rasen, die ältere Schwester spielte im Sandkasten. Abends in den Nachrichten hieß es, das sei das Schlimmste gewesen, was wir hätten tun können. Sand und Rasen waren verstrahlt. „Die Wolke“ war unsichtbar über das Land gezogen.“

Käßmann bezeichnet die Katastrophe als Mahnung und Lehre. „Als Christinnen und Christen können wir nur immer wieder zur Demut mahnen und ein realistisches Menschenbild aufzeigen, das um Versagen und Verführung weiß, das klar macht: der Mensch ist Geschöpf und nicht Gott.“ Wichtig sei aber auch der Blick auf unsere Energieverwendung. Der jüngste Energiegipfel habe gezeigt, dass hier ein Umdenken dringend notwendig sei. Bei der Atomenergie gehe es nicht nur um eine politische Frage, sondern auch um die Verantwortung für die Schöpfung.

Landesbischöfin Käßmann erinnert dankbar daran, dass seit 1991 im Rahmen der landeskirchlichen Tschernobylhilfe insgesamt 20.000 Kinder, sowie Mütter mit Kleinkindern aus den am stärksten betroffenen Gebieten Weißrusslands für jeweils vier Wochen zu Gast in Kirchengemeinden der Landeskirche waren. Dies sei nicht nur ein Zeichen gewachsenen Vertauens sondern verlängere ganz konkret das Leben der Betroffenen.

Der Umweltbeauftragte der Landeskirche, Pastor Stephan Wichert-von Holten betont zum 20. Jahrestag der Katastrophe, dass die Landeskirche die Diskussion um die Nutzung der Atomenergie und die Atommüllproblematik begleitet. „Daher sollten wir diesen Tag nicht allein rückwärts gewandt begehen. Der Aufbau einer nachhaltigen, umwelt- und generationengerechten Energieversorgung ist jedoch nicht allein eine Frage politischer Vorgaben und technischer Umsetzungen, keinesfalls ist sie technologiefeindlich,“ so Wichert-von Holten.
Synodenbeschlüsse weisen z. T. mutig den Weg zur Nutzung nachwachsender Rohstoffe und regenerativer Energien. Im kirchlichen Bereich bestehen noch große ungenutzte Energieeinsparpotenziale und Defizite bei der effizienten Verwendung von Energie. Als nächster Schritt wird noch in diesem Jahr die Einführung eines landeskirchenweiten Umweltmanagementsystems den Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen Möglichkeiten eröffnen, ihren Energieverbrauch systematisch zu verringern.

Hannover – Pressestelle der Landeskirche
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Brief an die Gemeinden


Freunde, dass der Mandelzweig
wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig,
daß die Liebe bleibt?

Daß das Leben nicht verging,
so viel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering
in der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig
sich in Blüten wiegt,
bleibe uns ein Fingerzeig
wie das Leben siegt.
(Schalom Ben-Chorin)

Hannover, 19. April 2006

Liebe Gemeinden,

am 26. April ist die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 20 Jahre her. Ich denke, wir alle haben Erinnerungen an den Tag, als wir von den Geschehnissen und den Gefahren „der Wolke“ erfuhren. Ich selbst habe auf der Rückfahrt vom Krankenhaus mit unseren neugeborenen Zwillingen erstmals im Radio etwas davon gehört. Irgendetwas sei in der Sowjetunion passiert, hieß es, genauere Informationen gab es nicht, wie üblich in der UDSSR.

Am 1. Mai schien die Sonne, die Babys lagen friedlich auf einer Decke auf dem Rasen, die ältere Schwester spielte im Sandkasten. Abends in den Nachrichten hieß es, das sei das Schlimmste gewesen, was wir hätten tun können. Sand und Rasen waren verstrahlt. „Die Wolke“ war unsichtbar über das Land gezogen. Angst, Unsicherheit und Schrecken verbreiteten sich. Andere sprachen von Hysterie.

Wenn das schon bei uns so dramatisch war, um wie viel grausamer waren die Ereignisse im Grenzgebiet zwischen der Ukraine, Russland und Weißrussland! Tausende von Einsatzhelfern werden ohne Schutzkleidung und ohne, dass sie sich der Gefahr bewusst sind, eingesetzt, um Grafitbrocken vom Dach des Reaktors zurück in die Halle zu werfen. Die Radioaktivität hat Tausende erkranken lassen, insbesondere in den Schilddrüsen hat das Jod seine grausame Spur hinterlassen. Krebserkrankungen sind bis heute die Folge, Missbildungen bei Kindern, Leukämie. Die Cäsiumbelastung wird noch Jahrzehnte anhalten, Tier- und Pflanzenwelt wurden zerstört. Insgesamt starben 70.000 Menschen unmittelbar oder an den Spätfolgen der Katastrophe. Mehr als 135 000 Menschen wurden aus ihrer Heimat nahezu planlos umgesiedelt. Die Katastrophe hat auch offensichtlich gemacht, wie sehr in diesem Regime der Schein mehr Gewicht hatte als die Menschlichkeit. Oder, wie es in der ZEIT vom 30. März hieß: „Die Explosionsblitze im Unfallreaktor warfen ein grelles Licht auf Lüge, Unmenschlichkeit und Verkommenheit des Regimes.“

So bitte ich Sie, in den Gottesdiensten am 23. April oder in einzelnen Aktionen am 26. April dieser Katastrophe zu gedenken. Sie mahnt uns, als Menschen nicht überheblich zu werden. Wir haben nicht alles unter Kontrolle. Wir dürfen nicht wie die Menschen beim Turmbau zu Babel meinen, alles sei möglich. Tschernobyl galt als Vorzeigeobjekt der Leistungsfähigkeit der Sowjetunion. Aber Menschen machen Fehler, Material kann verschleißen, Katastrophen ereignen sich. Als Christinnen und Christen können wir nur immer wieder zur Demut mahnen und ein realistisches Menschenbild aufzeigen, das um Versagen und Verführung weiß, das klar macht: der Mensch ist Geschöpf und nicht Gott.

So ist die Katastrophe von Tschernobyl sicher eine Mahnung und eine Lehre, hinsichtlich der Demut auch im Zeitalter technologischen Fortschritts, aber auch mit Blick auf unsere Energieverwendung. Der jüngste Energiegipfel hat gezeigt, dass Umdenken dringend notwendig ist. In unserer Landeskirche ist die Region um Gorleben eine beständige Mahnung, zu fragen, wie wir als Haushalterinnen und Haushalter Gottes diese Welt für kommende Generationen bewahren. Bei der Atomenergie geht es nicht nur um eine politische Frage, sondern auch um die Frage der Verantwortung für die Schöpfung, um die Verantwortung für Gegenwart und Zukunft.

Das Gedenken an die Katastrophe von Tschernobyl ist aber nicht nur von Trauer und der Frage nach Verantwortung geprägt. Es ist auch ein Tag großer Dankbarkeit. Seit 1991 kommen Kinder sowie Mütter mit Kleinkindern aus den besonders von der radioaktiven Verstrahlung betroffenen Gebieten im Südosten Weißrusslands zur Erholung in Gemeinden unserer Landeskirche. 20.000 Menschen sind seitdem bei uns in Niedersachsen gewesen, 17650 Kinder zwischen 8 und 14 Jahren, 1250 Mütter oder Väter mit 1320 Kleinkindern und 1050 Dolmetscherinnen und Dolmetscher. Dazu noch 161 Ärztinnen und Ärzte, die zur Hospitation kamen. Die Anwesenheit der zur Erholung kommenden Kinder mobilisiert die Hilfe für die Opfer der Katastrophe und ist ein Zeichen praktizierter Nächstenliebe und Versöhnung. Mich berührt immer wieder, wenn ich etwa Kinder auf dem Flughafen in Hannover begrüße, dass ihre Eltern sie zu uns schicken. Das ist ein wunderbares Zeichen von gewachsenem Vertrauen. So danke ich allen in Gemeinden und Kirchenkreisen, den Männern und Frauen, die sich engagieren, die organisieren und koordinieren, die spenden und sponsern. Vor allem gilt mein Dank den Gastfamilien, die Kinder aufnehmen. Nur wenige Wochen, die ein Kind hier bei uns sein kann, verlängert sein Leben um zwei Jahre, sagen die Ärzte aus der betroffenen Region. Es ist gut und wichtig, dass die Aktion in unserer Landeskirche breit verankert ist. Gerade auch in dieser Zeit der politischen Isolation von Belarus und des Ringens um Demokratie dort, sind die Verbindungen von Mensch zu Mensch so besonders wichtig.

Es geht dabei auch um Gottvertrauen. Gerade so kurz nach Ostern ist uns neu bewusst, dass es Leiden gibt in der Welt, ja eine leidensfreie Welt nicht möglich ist. Gott hat sich selbst in diese Welt und in dieses Leiden begeben, Gott kennt sterben und Tod. Aber Gott hat den Tod überwunden. Das Kreuz ist Zeichen des Leidens und der Auferstehung zugleich. Unsere Hoffnung, dass das Leben siegt, gründet in dem Osterruf: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!“

Erinnern, mahnen, Nächstenliebe praktizieren, Glaubenshoffnung wachhalten – Grundhaltungen christlichen Lebens werden angesichts der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl bis heute eingeübt. Nehmen wir den Jahrestag also zum Anlass, Trauer und Gedenken, Nächstenliebe und Schöpfungsverantwortung zu thematisieren. Wir vertrauen uns dabei Gott an, der uns in Jesus Christus versprochen hat:
„Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt. 28,20)

Ihre Margot Käßmann