Durch Wasser und Angst hindurch

Nachricht 11. April 2006

Die Elbeflut bestimmt auch an Ostern das Leben in Hitzacker

Von Karen Miether (epd)

Hitzacker/Elbe (epd). Normalerweise holt Jens Rohlfing zu Ostern mit seinen Konfirmanden Elbwasser, mit dem einige von ihnen getauft werden. Jetzt, wo der Fluss die St.-Johannis-Kirche in Hitzacker noch kniehoch umspült, ist der Pastor nicht sicher, ob er diese Tradition aufrecht erhalten soll: "Ich muss mit den Konfirmanden reden, ob sie damit nun auch noch getauft werden wollen."

Helfer richten in den niedersächsischen Hochwassergebieten ihr Augenmerk jetzt vor allem auf die Deiche. Doch auch in Hitzacker wird die Elbeflut noch über Ostern hinaus den Alltag bestimmen, selbst wenn die Pegel sinken. 7,45 Meter wurden am Dienstagvormittag gemessen. "Im Augenblick sinkt das Wasser dort stündlich im Schnitt um einen Zentimeter", sagt Sabine Rzepa vom Landkreis Lüchow-Dannenberg.

Gottesdienste müssen in einer höher gelegenen Friedhofskapelle gehalten werden, in der St.-Johannis-Kirche ist das nicht möglich. Dort riecht es nach Benzinabgasen. Wasserpfützen stehen am Boden. Wie überall in den durchfluteten Straßen der Altstadt ist das Motorengeräusch von Pumpen vorherrschend. "Die laufen in der Kirche jetzt nicht mehr auf Vollast", sagt Gemeindemitglied Jürgen Roegler.

Roegler schiebt "Pumpenwache", damit die Kirche aus dem 13. Jahrhundert nicht durch die Heizungsschächte von unten nass wird. Dennoch zeichnet sich Feuchtigkeit am Putz der Wände ab. Woanders sind die Schäden unübersehbar. Das Wasser steht in Geschäften und Wohnungen der Altstadt. Im evangelischen Kindergarten ist der Fußboden hoch gekommen. Statt Stäbchenparkett liegt hier ein Durcheinander von Holzklötzen.

Der Boden sei wahrscheinlich verseucht, fürchtet Pastor Rohlfing: "In letzter Zeit gab es hohe Dioxinbelastungen in der Elbe." Die Kinder wurden in eine Ferienwohnung ausquartiert. Für sie solle möglichst viel in gewohnten Bahnen laufen, erläutert Pastorin Jeanette Kamps: "Es ist gut, wenn etwas Gewohntes, Festes bleibt."

Darum feiert die Gemeinde ihre Gottesdienste zwischen Gründonnerstag und Ostermontag zwar am anderen Ort, aber wie geplant. Bevor das Hochwasser die Stadt heimsuchte, wurde dafür ein Bibelwort ausgewählt, das jetzt eine andere Qualität erhält: "durch die Angst hindurch". In Hitzacker sind viele Menschen zornig und fürchten um ihre Existenz. Einige vertrauen auch den jüngsten Hilfszusagen nicht.

Zeitschriftenhändler Klaus Lübke sieht Ostern aus einer eigenen Perspektive: "Ostern gab es für uns nach dem langen Winter erste hoffnungsvolle Einnahmen, das fällt jetzt flach." Zwar steht in seinem Laden kein Wasser. Doch kaum ein Kunde watet dorthin. "Auch das Haus meiner Frau ist auf deutsch gesagt abgesoffen", sagt Lübke. Nach der Flut 2002 habe er keine Entschädigung erhalten. Leise ergänzt er: "Ich weiß nicht, wie ich aus dieser Situation herauskomme."

(epd Niedersachsen-Bremen/b0956/11.04.06)
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