Aus Worten können Wege werden - Telefonseelsorge sucht neue Mitarbeiter

Nachricht 05. April 2006

Elbe-Weser-Raum. Frauke P., 38 Jahre alt (Daten geändert), ist verzweifelt. Seit ihr Mann arbeitslos ist, gibt es immer häufiger Streit zu Hause. Ihre Ehe ist scheinbar am Ende. Die Nummer der Telefonseelsorge hat sie schon öfter gewählt, doch dann immer wieder aufgelegt. Heute bleibt sie jedoch am Telefon. Sie spricht mit der Frau am anderen Ende der Leitung. Sie kennt sie nicht, hat kein Gesicht vor Augen. Und doch ist es ein gutes und intensives Gespräch, an dessen Ende Frauke P. erstmals wieder Licht am Horizont sieht.

Wie Frauke P. wählen durchschnittlich 46 Hilfesuchende täglich die Nummer der Telefonseelsorge Elbe-Weser. „Im letzten Jahr gingen 16.900 Anrufe bei uns sein“, erläutert Ulla Huntemann-Clasen, Leiterin der Telefonseelsorge Elbe-Weser. „Schwierigkeiten in der Partnerschaft und der Familie stehen dabei an erster Stelle, gefolgt von der Einsamkeit.“ Aber auch sexuelle Probleme, Fragen nach dem Sinn des Lebens, Auseinandersetzungen in der Schule oder am Arbeitsplatz sind Gründe für einen Anruf. Oft kommt auch vieles zusammen.

Insgesamt 86 ehrenamtlich Tätige sind in vier Schichten Tag und Nacht telefonisch zu erreichen. Dabei wählen nicht nur Erwachsene die Nummer der anonymen Seelsorge, sondern auch Kinder und Jugendliche. „Gut 20 Prozent unserer Anrufer sind jünger als 19 Jahre alt“, erklärt Huntemann-Clasen. Wie bereits in den Vorjahren suchten mehr Frauen (58 Prozent) als Männer Rat, wobei sich der Anteil der Männer mit aktuell 42 Prozent in den vergangenen zehn Jahren fast verdreifacht hat. „Wichtig ist, sich Zeit zum Zuhören zu nehmen“. Dies spiegelt sich in der Länge der Gespräche wieder, von denen die meisten bis zu 30 Minuten (24 Prozent), 16 Prozent aber auch bis zu 45 Minuten und 9 Prozent sogar bis zu einer Stunde dauern.

Hilfe gibt es seit einiger Zeit dabei nicht nur am Telefon, sondern auch die Chatseelsorge spielt eine immer größere Rolle. Gerade jüngere Leute zwischen 15 und 40 Jahren nutzen dieses Angebot, bei dem die hierfür ausgebildeten zwölf Mitarbeitenden der Telefonseelsorge Elbe-Weser bis zu neun Termine pro Woche anbieten. Neu ist auch die ortsnahe Seelsorge über das Mobiltelefon. Das Mobilfunkrouting der Deutschen Telekom ermöglicht seit diesem Frühjahr ein besonderen Service: Jeder Anrufer aus dem T-Mobile-Netz wird zur nächstgelegenen Beratungsstelle der Telefonseelsorge weitergeleitet. Wie Anrufe aus dem Festnetz so sind auch die Handytelefonate kostenlos.

Diskussionen innerhalb der Telefonseelsorge gab es im letzten Jahr vermehrt um die Anonymität.„Sie ist und bleibt natürlich ein Kennzeichen unserer Arbeit“, weiß Huntemann-Clasen. Denn sowohl Anrufer wie auch Mitarbeiter bleiben im Gespräch anonym. „Gerade hier in unserem ländlichen Raum, wo man sich untereinander so gut kennt, ist dieser Schutzraum besonders wichtig. Aber manche Mitarbeiterin leidet darunter, keine öffentliche Anerkennung für ihr ehrenamtliches Engagement zu bekommen, da sie selbst im Freundeskreis nicht erzählen darf, dass sie bei uns mitarbeitet.“ Trotzdem sind die Seelsorger im Schnitt fast sechs Jahre am Telefon tätig.

„Im Juni werden wir mit einer neuen Ausbildung beginnen. Wer sich für unsere Arbeit interessiert, sollte zwischen 25 und 60 Jahren alt sein und die Bereitschaft zum Lernen und zur Arbeit an der eigenen Person mitbringen“, ermuntert die Religionspädagogin Huntemann-Clasen zur Mitarbeit. Geboten wird eine einjährige gründliche Ausbildung in Gesprächsführung und Krisenintervention, ergänzt durch regelmäßige Fortbildungen und Supervision. Seit ihrer Gründung im Jahr 1990 engagiert sich eine „kontinuierlich gute Anzahl“ von Frauen und Männern für diese ehrenamtliche Tätigkeit.

Trägerin der Telefonseelsorge Elbe-Weser ist die Evangelische Kirche im Sprengel Stade, deren 11 Kirchenkreise neben dem Landkreis Cuxhaven die Arbeit finanzieren.

Zu erreichen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter den Rufnummern 0800 -111 0 111 und 0800 - 111 0 222, im Internet unter www.telefonseelsorge.de
Der aktuelle Jahresbericht ist zu beziehen über die Geschäftsstelle der Telefonseelsorge, Tel: 04745/60 29. Hier sind auch Anmeldungen für die Ausbildung möglich.

Sonja Domröse